Briefmarken Atteste

Thema:

Lettland: Sowjetische Besetzung 1940/1941

Stefan Am: 23.10.2015 17:27:44 Gelesen: 5606 # 1
Vor einigen Tagen lief mir die nachfolgende Marke über den Weg und wollte in die Stempelsammlung aufgenommen werden. Auf dem ersten Blick handelt es sich um ein gestempeltes Exemplar der Sowjetunion Mi-Nr. 740, ausgegeben im April 1940: Bei genauerer Betrachtung lassen sich ohne große Schwierigkeiten Stempelort und Stempeldatum ablesen - Riga in Lettland vom 30.01.1941: Für eine russische Marke mag es vielleicht etwas merkwürdig erscheinen, dass diese von einem Stempelgerät entwertet wurde, welches lateinische und nicht die sonst üblichen kyrillischen Buchstaben aufweist. Die Erinnerung an den Geschichtsunterricht in der Schule bzw. alternativ/vertiefend ein Blick in das Internet hilft auf die Sprünge. Wikipedia (1) schreibt im Abschnitt "Weltkriege und Besatzung": "Im Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 vereinbarten die beiden Diktaturen, dass das Baltikum und damit auch Lettland zur sowjetischen Einflusssphäre kamen. ... Am 17. Juni 1940 rollten sowjetische Panzer durch Rigas Straßen und besetzten die Stadt. Die Sowjetunion machte Lettland zu einer Sowjetrepublik (Lettische Sowjetrepublik)... ." Den deutschen Sammlern ist eher die deutsche Besetzung des Baltikums (Estland, Lettland und Litauen) geläufig. Diese erfolgte im Anschluss (1941-1944) an die sowjetische Besetzung: "In den ersten etwa zehn Tagen des Angriffs auf die Sowjetunion (ab 22. Juni 1941) eroberten deutsche Truppen das Gebiet um Riga. In der Zeit der deutschen Besetzung von 1941 bis 1944 war Riga der Verwaltungssitz des Generalkommissars für den 'Generalbezirk Lettland' Otto-Heinrich Drechsler. Auch das Reichskommissariat Ostland (zunächst in Kaunas) mit seinen Dienststellen befand sich hier." (1) Die eingangs gezeigte Marke passt vom Datum her in den ca. zwölf Monate dauernden Zeitabschnitt der sowjetischen Besetzung Rigas (und Lettlands) von Juni 1940 bis Juni 1941. Die Post der UdSSR hat demnach umgehend sowjetische Briefmarken in Lettland eingeführt und auf separate Besatzungsausgaben für das Baltikum verzichtet (im Gegensatz zum Deutschen Reich mit Marken des Deutschen Reiches, welche den Aufdruck "Ostland" aufweisen). Das sonst so markenreiche Sammelgebiet "Sowjetunion" ist im Michel-Katalog in punkto Nebengebieten sehr sparsam. Gruß Pete (1) https://de.wikipedia.org/wiki/Riga
fdoell Am: 18.03.2021 07:50:12 Gelesen: 3107 # 2
Ein bißchen spät, aber vielleicht doch von Interesse: Während der ersten Besetzung Lettlands durch die Sowjetunion proklamierte die Regierung (nach dem Rücktritt von Staatspräsident Ulmanis) die Lettische Sowjetrepublik (LTSR), die der UdSSR am 5. August 1940 als 15. Unionsrepublik beitrat. In der ersten Oktoberwoche wurden in Riga erstmals sowjetische Stempel eingeführt, oben mit CC (Sowjetstern) CP, unten mit dem Ortsnamen in kyrillischen und lateinischen Buchstaben. Stempel der Republik Lettland wurden aber noch lange weiterverwendet (vgl. Arbeitshilfe Nr. 3 der ArGe Baltikum „Ab 1944/45 weiter verwendete Stempel im Baltikum“, erhältlich über das Web der ArGe [1]). Ab 21. Oktober 1940 wurden Marken der LTSR mit der sowjetisierten Landesnamen „Latvijas PSR“ verausgabt (bis 4. Dezember 1940 insgesamt 12 Werte); lettische Marken blieben daneben bis zum 21. März 1941 gültig, solange sie nicht an die Ulmaniszeiten erinnerten. Im Zusammenhang mit einer Tarifänderung am 15. Dezember 1940 wurden auch sowjetische Marken gültig. Über drei Monate konnten somit Marken der Republik Lettland, der Lettischen SSR und der Sowjetunion zeitgleich verwendet werden. Die erste Periode sowjetischer Besetzung Lettlands 1940–1941 endete mit der Besetzung durch deutsche Truppen im Juli 1941 und der anschließenden Errichtung des Generalbezirks Lettland im Reichskommissariat Ostland. Mehr Informationen und Abbildungen dazu gibt es im Web der ArGe Baltikum unter Sammelgebiete —> Sowjetische Besetzungen 1940-1941 und 1944-1991. Gruss Friedhelm [1] http://www.arge-baltikum.de
Stefan Am: 27.10.2025 18:03:47 Gelesen: 980 # 3
@ fdoell [#2] Im Zusammenhang mit einer Tarifänderung am 15. Dezember 1940 wurden auch sowjetische Marken gültig. Lange war es ruhig in diesem Thema. Gelegentlich taucht doch etwas auf wie im nachfolgenden Fall: Der Brief wurde am 13.06.1941 in Cēsis aufgegeben, adressiert an einen Empfänger in Riga. Rückseitig wurde maschinell am 14.06.1941 ein Ankunftsstempel abgeschlagen. Gut eine Woche später (22.06.1941) begann die Operation "Unternehmen Babarossa" [1] mit dem Einfall der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion, u.a. auch der Besetzung der drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Die Hauptstadt Riga fiel Ende Juni 1941 in deutsche Hände [2]. Wenig überraschend fällt der Umschlag sofort auf, da hier ein weiterverwendeter lettischer Tagesstempel mit lateinischen Buchstaben auf einer sowjetischen Briefmarke ersichtlich ist. Der Ankunftsstempel aus Riga ist bereits zweisprachig gehalten (russisch und lettisch) und aufgrund des vorhandenen Sowjet-Sterns der Stempelkopf des Maschinenstempels entweder aptiert oder neu angefertig worden. Der Stempelkopf sieht mir nach einer Maschine deutschen Ursprungs (Hersteller Klüssendorf, Modell Universal oder Standard) aus. Die Ähnlichkeit mag allerdings auch Zufall sein. Gruß Stefan [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Unternehmen_Barbarossa [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Riga#Zweiter_Weltkrieg