Errare humanum est, sed in errare perseverare diabolicum.
Irren ist menschlich, aber auf Irrtümern zu bestehen ist teuflisch.
Seneca, Epistolae morales
Peter Feuser AIJP, FRPSL
NACHSTEMPELUNGEN DER WÜRTTEMBERG 70 KREUZER IM ZUSAMMENHANG MIT DEN RESTBESTANDSVERKÄUFEN
Meine Aussagen zur Problematik sind eine unmaßgebliche Meinungsäußerung. Sie enthalten neben Tatsachen auch durch Indizien unterlegte Vermutungen und Spekulationen. Es bleibt jedem unbenommen, anderer Meinung zu sein. Selbstverständlich akzeptiere ich konträre Meinungen, sofern sie sachgerecht mitgeteilt werden.
Dem Prüferverband bzw. der Verbandsprüfstelle liegt ein vielseitiger Schriftsatz von mir zum Thema vor. Die ursprüngliche Form dieses Artikels habe ich bereits im Frühjahr letzten Jahres auf meiner Homepage veröffentlicht. Die Gegendarstellung der Fachprüfer bzw. der BPP-Verbandsprüfstelle kann auf der Homepage des BPP bzw. auf meiner Homepage eingesehen werden.
Einführung und Außerkurssetzung der 70 Kreuzer-Marke.
Obwohl die Möglichkeiten von Barfrankaturen bestanden und diese sogar bei der Fahrpost vorgeschrieben waren, verfügte die württembergische Postverwaltung 1872 die Herausgabe einer Freimarke zu 70 Kreuzer ( = 1 Gulden 10 Kreuzer oder umgerechnet rund 2 Mark) zum Zwecke der Frankierung von Auslandsbriefen mit hohen Portostufen. Diese kamen allerdings bereits zu dieser Zeit nur äußerst selten vor. Die Ausgabe der 70 Kreuzer-Marken ausschließlich zum Zwecke der Frankierung von überschweren Auslandsbriefen war ein bürokratischer Irrtum und die Begründung für die Ausgabe der 70 Kreuzer-Marken zu diesem Zwecke in der Einführungsverordnung ist nicht nachvollziehbar. Viel wahrscheinlicher ist die Annahme, dass die Marke (analog zum Erscheinen der 1 und 2 Mark-Marken von Bayern) im Vorfeld der Frankierungsmöglichkeit von Fahrpostsendungen Anfang 1874 eingeführt wurde.
Der Anteil an Briefen, die eine Frankatur von 70 Kreuzer-Marken erforderlich gemacht hätte, muss bei einem Millionenaufkommen dieser Zeit an übrigen Briefen nahe Null gewesen sein. Ein deutliches Indiz dafür ist die Tatsache, dass mit Erscheinen der Ziffernausgabe 1869 der bisher übliche Höchstwert von 18 Kreuzer auf 14 Kreuzer gesenkt wurde (bei der letzten badischen Ausgabe sogar auf 7 Kreuzer). Mir ist im übrigen kein Brief der Ziffernausgabe von 1869 bis 1873 bzw. bis 1876 bekannt, der eine Frankatur mit 70 Kreuzer-Marken erforderlich gemacht hätte. Wäre ein entsprechender Bedarf vorhanden gewesen, dann müssten doch wohl viele Dutzende derartiger Briefe der Ziffernausgabe im Handel nachweisbar sein. Die Briefe verblieben ja im Gegensatz zu den Paketkarten beim Empfänger, und um 1875 entwickelte sich das Briefmarkensammeln in den gutbürgerlichen Haushalten der Kulturstaaten zu einem weit verbreiteten Hobby. Es gab bereits Briefmarkenkataloge, Alben und Zeitschriften, Vereine und Verbände.
Die Marke wurde zunächst nur an den Briefpostschaltern der Postämter in Stuttgart, Ulm und Heilbronn vorgehalten.[1] Im Jahre 1873 kam nur Wildbad hinzu, offenbar vorsorglich fürdenkbare Korrespondenzen der zahlreichen ausländischen Kurgäste. Größere Postämter wie etwa Tübingen oder Ravensburg meldeten hingegen keinen Bedarf an. Die Annahme der Prüferseite, dass durch die prophylaktische Vorhaltung der 70 Kreuzer im Kurort Wildbad ein echter Bedarf für ihre Verwendung auf Briefpostbelegen darstellbar wäre, ist unsinnig.
70 Kreuzer-Marken aus dem Bedarf.
Die für Nachstempelungen auf 70 Kreuzer-Marken verwendeten drei Briefpoststempel der Postämter Stuttgart I und IV sowie der Fahrpost-Fächerstempel des Postamtes Stuttgart IV.
Der Statistik zufolge wurden vom 1.1.1873 bis 30.6.1873 nur 471 Marken verbraucht, ab 1.7.1873 bis 30.6.1874 bereits 4.898 Stück und vom 1.7.1874 bis zur Außerkurssetzung der Marke am 30.6.1875 nochmals 13.750 Stück. Brühl/Thoma schätzen, dass bis zur Möglichkeit der Fahrpostfrankierung mit Freimarken nicht über 1.200 Exemplare der 70 Kreuzer verbraucht wurden, hochgerechnet bis 30.6.1875 wohl über 2.000 Stück für diesen Verwendungszweck.[2] Die Prüferseite ist der Meinung, dass diese Exemplare für überschwere Auslandsbriefe und nicht für die von mir angenommenen internen Verrechnungszwecke verwendet wurden.
Normale Auslands- oder Chargébriefe mit der 70 Kreuzer-Marke sind bis jetzt keine bekannt geworden und auch nicht wahrscheinlich. Abgesehen vom minimalen Aufkommen an Auslandsbriefen, die einen Frankaturwert von über 70 Kreuzer erforderten, war das Verfahren zur Frankierung äußerst kompliziert. Es durften überhaupt nur Briefe mit 70 Kreuzer-Marken frankiert werden (zunächst durch Barfrankatur und anschließende Weiterleitung an die „Bearbeitungsstellen“ in den Postämtern Heilbronn, Stuttgart und Ulm), wenn der vorder- und rückseitige Platz nicht durch Aufkleben mit den kleineren Wertstufen der Ziffernausgabe bis 14 Kreuzer ausreichte. Lt. Postordnung von 1869 war die rückseitige Frankierung bei vorderseitiger Platznot ausdrücklich erlaubt. Es bestand die Möglichkeit von Bar- oder Teilbarfrankaturen, sehr schwere Briefsendungen mussten mit der Fahrpost befördert werden. Es gibt keinerlei Belegstücke (weder Briefstücke noch Briefe), dass 70 Kreuzer-Marken auf Briefen frankiert wurden. Ich selbst bin überzeugt davon, dass keine einzige 70 Kreuzer auf Belegen der Briefpost Verwendung fand.
Möglicherweise wurden die für 1873 genannte Anzahl der Marke zu Verrechnungszwecken im Bereich Telegrafie oder Zeitungsüberweisungen u. ä. verwendet, bis zum Ende der Gebrauchszeit hochgerechnet die oben genannten rund 2.000 Stück. Aufgabeformulare aus diesen Bereichen wurden grundsätzlich wegen des Postgeheimnisses nach Ablauf der Aufbewahrungsfristen vernichtet (dies galt auch in Bayern und im Reich). Es sind nur ganz wenige frankierte Formulare oder Formularabschnitte erhalten geblieben. Sie dürften aus aufgelösten Akten stammen, in denen sie aufgrund von Kundenreklamationen o. ä. für Untersuchungszwecke aufbewahrt werden mussten. Auch wegen der ganz besonders hohen Sicherheitsmaßnahmen für die Innendienstmarken ist es äußerst unwahrscheinlich, dass ungebrauchte oder gebrauchte Exemplare aus dieser Periode in den Handel gelangt sind. Von Prüferseite wird die Verwendung der 70 Kreuzer für interne Verrechnungszwecke bestritten. Es heißt:
„Es gab konkreten Bedarf für diese Marken im Rahmen der Briefpost (höhergewichtige Auslandsbriefe), dies war im Übrigen der alleinige Grund, die Marke auszugeben. Leider ist keiner dieser Briefe erhalten geblieben. Dass die Marke für Verrechnungszwecke genutzt wurde, ist reine Spekulation und u. E. abwegig. Es gibt keine Verlautbarungen hierzu seitens der Postverwaltung.“
Typische Bedarfsstücke der 70 Kreuzer mit zeitgerechten Entwertungen.
Die genannten hochgerechnet ca. 2.000 Exemplare müssten allesamt auf überschweren Auslandsbriefen Verwendung gefunden haben. Dies ist selbstverständlich völlig absurd, wenn in fast 150 Jahren weder ein Brief noch ein Briefstückchen mit einer 70 Kreuzer-Marke aufgetaucht ist. Meine Annahme, dass die Marke auch für Verrechnungszwecke verwendet worden ist, hat Hand und Fuß. Die Verwendung von Freimarken für Verrechnungszwecke wird dokumentiert durch einen zufällig erhaltenen Formularabschnitt mit einem Sechserblock der 9 Kreuzer Ziffernausgabe mit einem Ovalstempel der Stuttgarter Zeitungsexpedition (vgl. 3. Trost-Auktion, Los 919), der von einem aktuellen Attest Heinrich begleitet wird.
Die Prüferseite sollte ihre Meinung, dass die Verwendung von Freimarken (inclusive der 70 Kreuzer) für Verrechnungszwecke „abwegig“ ist, überdenken. Für diese Zwecke wurden auch sehr hohe Beträge mit Briefmarken verrechnet, das belegen ähnliche Verwendungen bei Thurn & Taxis, in Bayern und im Reich auch zeitgleich zur Verwendung der 70 Kreuzer-Marken. Die Höchstwerte der 1870 in Bayern erschienenen Telegrafenmarken betragen 4 und 23 Gulden! Es ist nur verständlich, dass aufgrund der Vernichtungsvorschriften für derartige Formulare nur ganz wenige Belegstücke erhalten geblieben sind. Hingegen müssten von den angeblich zahlreichen Briefpostverwendungen der 70 Kreuzer zumindest dutzende Briefe oder Briefstücke erhalten geblieben sein, da die Briefe ja im Gegensatz zu den Innendienstformularen die Empfänger erreicht haben und dort verblieben. Zum Vergleich: Von der in vielfacher Millionenauflage erschienenen Massenmarke Baden Nr. 18 wurde, dies etliche Jahre vorher, in Stockach ein ungezähnter Bogen von 100 Stück verausgabt (Mi. 18U). Von der unscheinbaren und von Sammlern meist unbeachteten Marke sind 22 ungezähnte Exemplare im Handel nachzuweisen!
Verlautbarungen der Postverwaltungen zu dienstbezogenen Vorgängen konnten öffentlich, intern oder auch überhaupt nicht erfolgen. Keinesfalls sind aufgrund des Fehlens amtlicher Erlasse oder Dienstvorschriften berechtigte Zweifel an meinen Ausführungen erlaubt. Forennutzer Altsax (Jürgen Herbst) schreibt bei anderer Gelegenheit im stampsX-Forum am 22.2.2009:
„Die philatelistische Forschung (wenn man die postgeschichtliche Erkenntnissuche so nennen will) wäre längst am Ziel angekommen, wenn sich alles mit Dienstvorschriften, Verträgen und sonstigen Dokumenten erschließen und beweisen ließe. In den meisten Fällen ist man dagegen auf empirisch/statistische Untersuchungen angewiesen. Sie haben den Nachteil, Ergebnisse lediglich mehr oder weniger wahrscheinlich, aber nicht im wissenschaftlichen Sinne sicher zu machen.“
Ab 1.2.1874 konnten bzw. sollten Fahrpostsendungen (Paketkarten, Wertbriefe, Nachnahmen, überschwere Drucksachen usw.) mit Marken frankiert werden. Dadurch erklärt sich die bedeutende Steigerung der verbrauchten 70 Kreuzer-Marken in den Jahren 1874 und 1875. Nach jetzigem Erkenntnisstand wurden die Marken ab dem 1.2.1874 ausschließlich auf Paketkarten verwendet, andere Fahrpostverwendungen sind wohl nur theoretisch möglich. Die bekannten Wertbriefe mit 70 Kreuzer haben sich als Fälschungen herausgestellt.
Hierzu schreiben die Fachprüfer:
„Es gab stets konkreten Bedarf für diese Marke im Rahmen der Briefpost (höhergewichtige Auslandsbriefe). Eine Verwendung ausschließlich bei der Fahrpost zu unterstellen, ist falsch.
Die These von Peter Feuser, dass 70 Kr. nur auf Paketkarten echt und zeitgerecht entwertet vorkommen können, ist eine Fehleinschätzung mit gravierenden Folgen. Daraus erwachsen letztlich weitere Fehlannahmen und Theorien.“
Auch die vielfache Wiederholung dieser irrigen Ansicht hilft uns nicht weiter. Es gibt keinerlei Belege für die Verwendung der Marke bei der Briefpost. Die Voraussetzungen, die eine Briefpostverwendung der 70 Kreuzer ermöglicht hätten, sind nicht gegeben oder allenfalls theoretischer Natur. Auch der Abstempelungscharakter (Gefälligkeit) der mit Stuttgarter Briefpoststempeln nachentwerteten 70 Kreuzer-Marken lässt den eindeutigen Schluss zu, dass diese Marken niemals auf Bedarfsbriefen verwendet wurden.
Die amtliche Zusammenstellung der Gebrauchsorte der 70 Kreuzer dürfte fehlerhaft sein. So sind für Stuttgart nur die Postämter I und II angegeben und auch sehr unbedeutende Postämter wie Langenargen oder Obermarchthal. Bedeutende Mittelzentren wie Künzelsau, Aalen oder Nagold fehlen. Auch den Postämtern Stuttgart III und IV wurden 70 Kreuzer-Marken zugeteilt, wie eindeutige Bedarfsverwendungen belegen.[3]
Verkäufe der Restbestände der 70 Kreuzer-Marken.
Aufgrund vieler Anfragen von Sammlern und Händlern wurden die Restbestände der Marke zum Nennwert von 2 Mark zunächst ab ca. 1876 am Postamt Stuttgart I an vermutlich zwei Schaltern (dabei am Schalter für Chargé- bzw. Recobriefe) und anschließend ab ca. 1880 an einem speziell eingerichteten „Sammlerschalter“ am Postamt Stuttgart IV verkauft. An diesem Sammlerschalter wurde keine normale Post abgefertigt.
Hierzu heißt es in der Stellungnahme der Prüfer:
„Im Postamt I gab es keine Sammlerschalter. Diese entspringen der Phantasie des Verfassers, um später seine Theorien über angebliche Gefälligkeitsabstempelungen zu rechtfertigen. Den Sammlerschalter im Postamt IV soll es laut Handbuch von Köhler/Sieger (1940) gegeben haben. Eine amtliche Verlautbarung zu Sammlerschaltern oder zu der Genehmigung von Gefälligkeitsabstempelungen gibt es nicht. Alle Aussagen hierzu seitens Peter Feuser, auch zu den Jahreszahlen, sind reine Spekulation und u.E. nicht haltbar.“
Niemand hat behauptet, dass es im Postamt I „Sammlerschalter“ gegeben hätte. Die 70 Kreuzer-Marken wurden an Schaltern mit regulärem Postbetrieb mitverkauft, im Gegensatz zum erst ab ca. 1880 eingerichteten Sammlerschalter im Postamt IV. Sowohl der Verkauf von 70 Kreuzer-Marken im Postamt I als auch am Sammlerschalter im Postamt IV muss als Realität angesehen werden. Das belegen die große Anzahl eindeutiger Nachstempelungen mit Briefpoststempeln dieser Postämter im Zusammenhang mit den Restbestandsverkäufen der 70 Kreuzer ab ca. 1876. Meine Aussagen werden durch zahlreiche weitere beweiskräftige Indizien unterfüttert. Das Fehlen amtlicher Verlautbarungen zu den Sammlerschaltern erlaubt keine berechtigten Zweifel an meinen Aussagen. Alle Akten zu den Umständen der Restbestandsverkäufe der 70 Kreuzer wurden vernichtet und man ist auf Spekulationen angewiesen.
Wegen des verstärkten Wunsches der Sammler- und Händlerschaft nach gestempelten Exemplaren erklärte sich die Postverwaltung beim Kauf der Marken zu nachträglichen Gefälligkeitsabstempelungen bereit.[4] Hierzu wurden beim Postamt Stuttgart I ein kleiner Einkreisstempel und ein kleiner Datumsbrückenstempel verwendet. Im Zusammenhang mit der Errichtung des Sammlerschalters (wohl Ende 1879/Anfang 1880) wurden die beiden beim Postamt IV bis dahin in Gebrauch befindlichen Stempel (ein großer Datumsbrückenstempel der Briefpost und ein Fächerstempel der Fahrpost) eigens für den Gebrauch beim Sammlerschalter ausgesondert.[5] Die Gefälligkeitsabstempelungen im Postamt IV werden durch Köhler-Sieger bestätigt. Alle Einzelheiten hierzu wird Karl Köhler durch die Befragung von Zeitzeugen erfahren haben.[6]
Nachgestempelte Marken mit unmöglichen Daten, Verwendungsorten oder Stempelfarben, Stempelfälschungen (Gemälde).
Nachgestempelte 70 Kreuzer-Marken mit dem Einkreisstempel des Postamtes Stuttgart I.
Selbst nach unermüdlicher Suche ist es mir nicht gelungen, eine Briefpost-Frankatur der Ziffernausgabe (ca. 1869–1876) zu finden, auf die die Voraussetzungen für eine Verwendung der 70 Kreuzer-Marke ab 1873 zutreffen könnten. Derartige Frankaturen müsste es aber nach Ansicht der Kreuzerzeitprüfer vielfach geben.
Zur Demonstration sehen Sie oben einen päckchenartigen bayerischen Chargébrief der 6. Gewichtsstufe vom 26.9.1871 mit Gerichtsakten nach Texas/USA mit noch teilweiser vorhandener Frankatur, die vollständig 66 Kreuzer Franco und 7 Kreuzer Einschreibegebühr erfordert hätte, also 73 Kreuzer (vgl. DBZ 4/2022, S. 24). Die Portostufen der süddeutschen Gebiete ins Ausland waren weitgehend gleich. Noch schwerere Briefe sollten mit der Fahrpost befördert werden. Es bestand auch die Möglichkeit der Bar- oder Teilbarfrankatur (vgl. Los 1874A der 96. Feuser-Auktion vom 7.5.2022).
Der Brief zeigt die naturgemäß deutlichen Spuren der häufigen Umladung auf dem wochenlangen Transport nach Amerika. Die allen Ernstes von den Kreuzerzeitprüfern vielfach in ihrer Gegendarstellung zu meinem Artikel vorgetragene Behauptung, dass sich praktisch alle mit Stuttgarter Briefpoststempeln entwerteten 70 Kreuzer-Marken mit ihrem weit überwiegendem Gefälligkeitscharakter auf überschweren Auslandsbriefen befunden haben müssen, ist aus der Luft gegriffen. Es ist unbegreiflich, dass nicht nur der BPP, sondern auch der Vorstand und der Fachbereich Kreuzerzeit der ArGe Württemberg diese völlig absurde Ansicht teilen.
Wäre ein Bedarf für die Verwendung der 70 Kreuzer bei der Briefpost vorhanden gewesen, dann müssten auch Exemplare mit zeitgerechten Briefpoststempeln aus 1873 und Januar 1874 der Postämter Heilbronn, Stuttgart II und Ulm existieren. Dies ist nicht der Fall.
Die Prüferseite moniert, dass der obige Absatz frei erfunden und kein einziger Punkt belegbar ist oder anhand der überlieferten gestempelten Marken nachvollzogen werden kann.
Diese Kritik ist nicht haltbar. Alle meine Aussagen werden durch deutliche und leicht nachvollziehbare Indizien unterlegt. Die ganz überwiegend in einheitlicher Gefälligkeitsstempelqualität mit den genannten Briefpoststempeln vorliegenden 70 Kreuzer können niemals bedarfs- und zeitgerecht bei der Briefpost verwendet worden sein. Briefpoststempel sind bei der Aufgabe von Paketkarten nicht möglich. Gefälligkeitsabstempelungen während der Kurszeit wegen des Verkaufverbotes der 70 Kreuzer ebenfalls nicht. An anderer Stelle wird im Einzelnen darauf eingegangen.
Die Prüferseite verfällt in ihrer Gegendarstellung regelmäßig in unsubstantiiertes Bestreiten, ohne für ihre Position eigene Beweise oder auch nur handfeste Indizien vorzutragen. Aussagen wie „Im Stuttgarter Postamt I wurde kein Stempel für Nachstempelungen benutzt“ sind schon deswegen irrelevant, weil eine Behauptung, dass etwas nicht existiert bzw. stattgefunden hat, töricht ist. Man kann nicht beweisen, dass es etwas nicht gibt, weil in diesen Fällen keinerlei Spuren hinterlassen werden. In unserem Fall gibt es im Gegenteil aber eine Vielzahl Parameter bzw. Anhaltspunkte, die eindeutig für den Verkauf der 70 Kreuzer-Marken an mindestens zwei Schaltern im Postamt I ab 1876 sprechen.
Nach Außerkurssetzung bis zum Ende der Verkaufszeit Mitte 1889 wurden Karl Köhler zufolge 2.850 Exemplare der 70 Kreuzer an Liebhaber verkauft. Ich schätze, dass mindestens 20 bis 30 % davon, also rund 600 bis 900 Exemplare, nachträglich mit Gefälligkeitsstempeln versehen wurden, wohl ganz überwiegend im Zusammenhang mit dem Kauf der Marken an den beiden genannten Stuttgarter Postämtern. Der größere Teil der nachgestempelten Exemplare dürfte sich noch im Handel und bei Sammlern befinden. Nachstempelungen anderer Orte kommen ebenfalls vor, beispielsweise von Ulm, Beimerstetten, Gmünd oder den anderen Stuttgarter Postämtern. Der Anteil der Nachstempelungen anderer Postämter als Stuttgart I und IV dürfte nur rund 10 % betragen. Diese werden in aller Regel von den zuständigen BPP-Verbandsprüfern nicht als zeitgerechte Entwertungen anerkannt.
Hierzu schreiben die Fachprüfer:
„Wir schätzen, dass etwa 50 bis 100 Marken der am Sammlerschalter Postamt IV verkauften Marken mit Gefälligkeitsstempeln von verschiedenen württembergischen Orten versehen wurden. Nachweisbare Nachstempelungen von 70 Kr. kommen selten vor.“
Bereits in der Kreuzerzeit wurden regelmäßig verschlissene und repaturbedürftige Stempel zur Überholung an die vorgesetzten Oberpostämter oder an die Oberpostdirektion in Stuttgart gesandt. Bis zur Einführung der Wanderstempel übernahmen meist vorhandene Fahrpoststempel (oft frühere Briefpost-Zweizeiler) den kurzzeitigen Ersatz bis zur Rückkehr der reparierten Stempel. Im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Reparatur des grünen Datumsbrückenstempels des Postamtes IV wird diese hundertfach paktizierte Praxis von den Kreuzerzeitprüfern angezweifelt bzw. bestritten.
Nur zur Demonstration des Verfahrens hier zwei Seiten aus dem Einlieferungsbuch eines Selbstbuchers aus dem bayerischen Neuenmarkt. Vor dem 20.3.1898 lieferte der Briefpost-K1 des Postamtes nur noch schlechte Abschläge und der Datumseinsatz war oft nicht mehr korrekt zu lesen. Am 21.3. wurde der Stempel dann zur Reparatur an die OPD Bamberg gesandt, die bis zum 25.4.1898 dauerte. Für die Zwischenzeit wurde dem Postamt der in Bayern übliche Wanderstempel zur Verfügung gestellt. Ab dem 16.4.1898 lieferte dann der K1 wieder ordentliche Abschläge. Das gleiche Verfahren wurde auch in Württemberg praktiziert.
Mit dieser Aussage stellen die Prüfer fest, dass im Zusammenhang mit den Restbestandsverkäufen der 70 Kreuzer-Marken
überhaupt keine Nachstempelungen stattgefunden haben (einige wenige 70 Kreuzer mit schwarzem DB STUTTGART IV dürften nach Abverkauf der Restbestände gestempelt worden sein).
Das bedeutet: Praktisch alle nachträglich erfolgten Abstempelungen mit den Briefpoststempeln der Stuttgarter Postämter I und IV werden in Attesten und Befunden fälschlicherweise als zeitgerecht kategorisiert. Nur wegen dieser grotesken Fehleinschätzung
„kommen nachweisbare Nachstempelungen selten vor.“
Die Aussage steht auch in krassem Widerspruch zu den Literatur- und Katalogaussagen. Im MICHEL heißt es beispielsweise:
„Nachträgliche Gefälligkeitsabstempelungen mit echten Poststempeln kommen nicht selten vor.“
Weiter heißt es in der Stellungnahme der Verbandsprüfstelle zu der von mir geschätzten Anzahl von ca. 500 bis 700 im Zusammenhang mit den Restbestandverkäufen nachgestempelten Exemplaren:
„Bei einer überhaupt nur registrierten Menge von gut 1.000 Exemplaren der Mi. Nr. 42 legt dies nahe, dass nur 100 bis 400 Exemplare davon echt und zeitgerecht entwertet sein können, da die nachgestempelten Stücke den Hauptteil im heutigen Handel ausmachen sollen. Wenn der größte Teil davon, nämlich über (registrierte) 500 Werte, jedoch nicht einmal die inkriminierten Stuttgarter Stempel zeigen und weitere gut 400 Exemplare bei der Stuttgarter Fahrpost verwendet wurden, wird offensichtlich, dass Ihre Schätzungen erheblich(!) übertrieben sind.“
Diese Aussagen sind unlogisch. Meine Schätzungen über die Anzahl der nachgestempelten Exemplare beziehen sich auf die ursprüngliche vorhandene Menge und dürften zutreffen.
Verbraucht wurden nachweisbar 19.119 Exemplare der 70 Kreuzer. Wenn überhaupt, können davon nur ganz wenige Exemplare für die ursprünglich vorgesehene Verwendung auf Auslandsbriefen gebraucht worden sein. Abziehen muss man die geschätzt ca. 2.000 Exemplare für die Innendienst-Verrechnungen. Bleiben rund 17.000 Marken, die auf Paketkarten verbraucht wurden. Für die Verwendung auf anderen Fahrpostbelegen gibt es keine Anhaltspunkte.
Von den auf Inlandspaketkarten verwendeten Exemplaren dürfte ursprünglich ein bedeutender Teil erhalten geblieben sein. Die Marken der Paketkarten (auch von Telegrammformularen) wurden nicht nur ausgeschnitten, sondern auch abgewaschen, gebündelt bzw. eingetütet und anschließend verkauft. Nach meinen Informationen geschah dies in Strafanstalten, in unserem Fall wohl in Hohenasperg. Auch ein Teil der Auslandspaketkarten könnte auf diese Art behandelt worden sein.
Eine Nachfrage bei der Verbandsprüfstelle ergab, dass sich die genannte registrierte Anzahl von gut 1.000 gestempelter 70 Kreuzer-Marken nur auf die den Prüfern tatsächlich zur Prüfung vorgelegten Marken bezog. Diese bei einem Verbrauch von über 19.000 Exemplaren natürlich viel zu geringe Anzahl muss selbstverständlich hochgerechnet werden. Es ist unsinnig, sie als Grundlage für die weiteren Berechnungen der Verbandsprüfstelle heranzuziehen.
Die Kategorisierung als „echt und zeitgerecht verwendet“ in Befunden und Attesten ist also ein Unding, weil die nachträglich gestempelten und im Falle der Datumsbrückenstempel rückdatierten Exemplare der 70 Kreuzer nach den Normen des BPP als falsche Entwertungen angesehen werden müssen. Der Handelswert dieser Marken beläuft sich nur auf einen Bruchteil der bedarfs- und zeitgerecht verwendeten Exemplare oder sie müssen als nahezu wertlos angesehen werden. Frühere Literaturangaben, nach denen sich der Wert der nachgestempelten Exemplare etwa 10 % über dem Handelswert ungebrauchter 70 Kreuzer-Marken bewegen sollte, dürften nicht mehr zeitgemäß sein. Käufer dieser Marken laufen trotz der auf „zeitgerecht gebraucht“ lautenden Atteste Gefahr, einen erheblichen Vermögensverlust zu erleiden.
Stuttgarter Briefpoststempel auf 70 Kreuzer-Marken.
Wenn die 70 Kreuzer-Marken ab 1.2.1874 ausschließlich auf Paketkarten verwendet wurden, was ja festzustehen scheint, dann ist eine Entwertung mit den drei Briefpoststempeln der Postämter Stuttgart I und IV als Aufgabestempel auf Paketkarten technisch ausgeschlossen.
Es war unmöglich, an einem Briefpostschalter der großen Stuttgarter Postämter ein Paket aufzugeben. Die Schalter verfügten weder über die entsprechenden Fahrpostmanuale noch über Fahrpostlabels und -Einlieferungsscheine. Es waren keine Waagen für die schweren Pakete vorhanden und wohl auch kein geschultes Personal für die Errechnung der oft komplizierten Taxen. Natürlich dürften auch keine 70 Kreuzer-Marken und Paketkarten verfügbar gewesen sein.
Hierzu der übliche Kommentar der Fachprüfer:
„Dies ist eine gravierende Fehleinschätzung, 70 Kr.-Marken wurden stets auch für die Briefpost verwendet.“
In den großen Stadtpostämtern waren die Briefpost- und Fahrpostannahme räumlich stark getrennt. Es wäre undenkbar, täglich einige hundert oder gar tausend Paketsendungen in den Schalterräumen der Briefpost aufzugeben. Dafür gab es die sog. Packkammern mit „Wagenhöfen“. Alte Lithografien und Stahlstiche zeigen ein Mordsgewusel aus Pferdefuhrwerken, Leuten mit Handkarren voller verschnürter und versiegelter Pakete und zahlreichen Postbediensteten. Die „Schalter“ bestanden aus Pulten und Tischen, an denen Postbeamte die Sendungen bearbeiteten.
Die Fachprüfer irren erneut:
„Höhergewichtige Auslandsbriefe wurden am Briefpostschalter aufgegeben, mit 70-Kr.-Marken versehen und mit Stempeln der Briefpost entwertet.“
Brief- und Fahrpost hatten unter diesen Umständen natürlich verschiedene Stempel, im Gegensatz zu kleinen Postämtern. Diese nahmen Brief- und Fahrpostgegenstände in aller Regel an einem gemeinsamen Schalter an und benötigten deshalb auch keine gesonderten Fahrpoststempel. Mittelgroße Postämter benutzten an verschiedenen Schaltern in gleichen oder naheliegenden Räumen verschiedene Stempel, die bei Bedarf im Gegensatz zu den großen Postämtern leicht getauscht werden konnten. Als Beispiel nenne ich die vorphilatelistischen Zweizeiler, die nach ihrer Aussonderung bei der Briefpost als Fahrpoststempel mit einer gewissen Regelmäßigkeit aushilfsweise wieder bei der Briefpost eingesetzt wurden, in aller Regel mit einer Funktion der später eingeführten Wanderstempel. Derartige Aushilfsverwendungen bei den großen Postämtern sind mir nicht bekannt. Sie hatten genügend Briefpost-Reservestempel.
Es gibt keine Belege dafür, dass die Stuttgarter Briefpoststempel als Aufgabestempel auf Paketkarten Verwendung gefunden hätten. Dies betrifft nicht nur die Kreuzerzeit, sondern nach meinen Beobachtungen auch die anschließende Pfennigzeit bis mindestens etwa 1880.
Einige wenige bekannte Fahrpostverwendungen sind sogenannte Postwechselbriefe. Hier wurden Nachnahmebriefe u. ä. versehentlich am Briefpostschalter angenommen, gestempelt und anschließend an die Fahrpost weitergeleitet oder umgekehrt normale Briefe oder Postkarten versehentlich am Fahrpostschalter abgefertigt. Die Prüferseite schließt aufgrund dieser Postwechselbriefe auf eine gelegentliche Verwendung des Briefpoststempels am Fahrpostschalter. Das ist natürlich völlig unrealistisch.
Eine wohl einmalige Zufallsentwertung aus der Boker-Sammlung: Versehentlich blieb der Sechserblock bei der Fahrpostaufgabe ungestempelt und wurde erst beim Übergang der Paketkarte auf die Briefpost mit dem Einkreisstempel STUTTGART des Postamts I nachentwertet. Rein theoretisch ist eine derartige Nachentwertung auch auf 70 Kreuzer-Marken möglich, aber denkbar unwahrscheinlich: Für die Innendienstmarke galten strenge Sicherheitsvorschriften und die Entwertung gleich bei der Aufgabe war in der Einführungsverfügung der 70 Kreuzer ausdrücklich vorgeschrieben.
Auch dieser Sechserblock mit dem Ovalstempel der Zeitungsexpedition des Postamts Stuttgart I dürfte einmalig sein. Die „frankierten“ Innendienstformulare mussten genau so wie die Aufgabe-Telegrammformulare nach Ablauf der Aufbewahrungsfristen vernichtet werden. Diese Vorschrift bestand auch in Bayern und im Reich. Es sind nur ganz wenige komplette Formulare oder Teile davon erhalten geblieben. Es erschließt sich mir nicht, warum die Prüferseite eine Innendienstverwendung der 70 Kreuzer-Marken für Verrechnungszwecke auf Zeitungsüberweisungen und Telegrammformularen für abwegig erklärt.
Ein Postwechselbrief mit dem grünen Datumsstempel des Postamtes Stuttgart IV. Der Brief wurde versehentlich am Briefpostschalter abgegeben, dort gestempelt und an die Fahrpost weitergeleitet.
Hier das Gegenstück: Ein Chargébrief wurde irrtümlich, vermutlich mit aufzugebenden Wertbriefen, am Fahrpostschalter abgegeben und mit dem Fahrpost-Fächerstempel des Postamtes Stuttgart II versehen, dann aber korrekt zur Briefpost weitergeleitet (K1 STUTTGART II. und L1 CHARGÉ). Dort wurde die Manualnummer „5145“ angebracht.
Gefälligkeitsentwertungen der 70 Kreuzer während ihrer Kurszeit können ausgeschlossen werden. Die Marke durfte nicht an das Publikum abgegeben werden. [7] Ihr Verbrauch wurde streng protokolliert. Verstöße gegen das Abgabeverbot hätten drakonische Disziplinarstrafen nach sich gezogen. Es ist auch nicht bekannt geworden, dass Postbeamte 70 Kreuzer-Marken unterschlagen und zweckentfremdet hätten. Dies geschah allerdings einige Jahre später:
Ein Postbeamter hatte einige Innendienstmarken 2 Mark gelb unzulässigerweise an einen Interessenten veräußert. Ein enormer Wirbel war die Folge und führte zur Außerkurssetzung der Marke und ihrem Ersatz durch die 2 Mark rot, mit dem rückseitigen Aufdruck „Unverkäuflich“.[8]
Das Stuttgarter Postamt I benutzte ihren Briefpost-Einkreisstempel STUTTGART gelegentlich als Transitstempel auf Paketkarten, Nachnahmebriefen usw. beim Übergang der entsprechenden Belege von der Fahrpost auf die Briefpost. Paketkarten wurden getrennt von der eigentlichen Sendung mit der Briefpost befördert und am Empfangspostamt wieder zusammengeführt. Es ist theoretisch möglich, dass etwa auf Paketkarten aus vorderseitigem Platzmangel rückseitig geklebte 70 Kreuzer-Marken bei der Aufgabe versehentlich nicht gestempelt, mit dem Briefpoststempel nachentwertet wurden und somit als zeitgerecht entwertet zu gelten haben. Diese Annahme ist aber abenteuerlich angesichts der besonders strengen Sorgfaltspflichen bei den Innendienstmarken und der großen Anzahl an Entwertungen mit diesem Stempel. In der Einführungsverordnung zur 70 Kreuzer wurde die sofortige Entwertung der Marke bei der Aufgabe ausdrücklich angeordnet.[9] Verstöße dagegen hätten unweigerlich disziplinarische Maßnahmen nach sich gezogen.
Nachstempelungen der 70 Kreuzer beim Postamt Stuttgart I.
Die Nachfrage von Sammlern und Händlern nach der 70 Kreuzer-Marke war nach deren Außerkurssetzung am 30.6.1875 wohl groß. Schließlich war es aufgrund des Verkaufsverbotes nicht möglich gewesen, ein Exemplar während der Kurszeit zu erwerben.
Die Postverwaltung entschloss sich, die vorhandenen Restbestände zum Nennwert von umgerechnet 2 Mark an Interessenten abzugeben. Der Verkauf der noch vorhandenen rund 2.850 Exemplare zog sich -aus heutiger Sicht kaum vorstellbar- bis Mitte 1889 hin, erst dann war alles restlos verkauft. Insgesamt erlöste die Postverwaltung nach Angaben von Karl Köhler 10.538 Mark durch den Verkauf ungültig gewordener Marken. Neben der 70 Kreuzer wurde der Haupterlös wohl durch den Verkauf einer weiteren Innendienstmarke erzielt: der 2 Mark gelb (Michel-Nr. 50). [10]
Der Eduard Hallberger-Verlag (ab 1881 Deutsche Verlagsanstalt/DVA) war einer der bedeutendsten Buch- und Zeitschriftenverlage der damaligen Zeit und ist es bis heute. Bekannt wurde er besonders durch die seinerzeit auflagenstärkste Illustrierte „Über Land und Meer“. 1873 führte man Buch- und Zeitschriftenabteilung in einem neuen großen Gebäude in der Neckarstraße 121 zusammen. Wegen des enormen Paketaufkommens des Verlages eröffnete die Postverwaltung im gleichen Gebäudekomplex am 15.12.1873 das Postamt Stuttgart IV.
Obere zwei Reklamekarten des Hallberger-Verlages nach Frankfurt a.M. und Luxemburg (ex Trost). Die untere sehr seltene „Postwechselkarte“ ist versehentlich am Fahrpostschalter aufgegeben worden und wurde auch dort abgestempelt.
Die Verbandsprüfstelle schreibt hierzu:
„Bei einer Menge von 2.850 Werten UND 2 Mark-Werten (wobei der Anteil der Mi. Nr. 52 an dieser Aufstellung zwar nicht geklärt ist, anhand der registrierten Mengen an ungebrauchten Werten aber eher gering sein dürfte), die über einen fast 14 Jahre währenden Zeitraum verkauft wurden, ging statistisch etwa jeden zweiten Tag eine Marke über den Schalter.“[i/]
Und die Fachprüfer zu dem Verkauf von Restbeständen der 2 Mark gelb (Mi. Nr. 50).
[i]„Falsch. Die Restbestände der Mi. Nr. 50 wurden verbrannt und nicht verkauft.“
Verbandsprüfstelle und Fachprüfer widersprechen sich also selbst mit jeweils unzutreffenden Aussagen auf peinliche Weise. Die von Karl Köhler genannte Menge von 2.850 Restbestandsexemplaren bezog sich ausdrücklich nur auf die 70 Kreuzer. Er schreibt:
„Ich habe Grund zu der Annahme, daß insgesamt 22.000 Marken zu 70 Kreuzer hergestellt worden sind. Unter dieser Voraussetzung würde sich nach Abzug der im Jahre 1872 an vier fremde Postverwaltungen und an die württ. Postsammlung abgegebenen 30 Stück und der nachweisbar verbrauchten 19.119 Exemplare ein Restbestand von rund 2.850 Stück im Werte von etwa 5.700,- Mark rgeben.“[11]
Die Prüferseite hat kritiklos alte Literaturangaben übernommen, dass alle Restbestände der 2 Mark gelb vernichtet wurden. Sollte dies zutreffend sein, wäre die Mi. Nr. 50 die wohl mit Abstand seltenste ungebrauchte Marke aller Altdeutschen Staaten, da ein Verkauf während der Kurszeit nicht möglich war und lediglich einige wenige (lt. Köhler/Sieger „vereinzelte“) durch Postbeamte veruntreute Exemplare im Handel sein könnten. Die Marke ist aber keinesfalls übermäßig selten und kann dutzendfach jährlich, bei einem Katalogwert von 750 Euro, zu einem Preis von ca. 200 Euro auf Auktionen erworben werden. Im Handel befinden sich postfrische Exemplare und ungebrauchte Einheiten. Die im Handel zirkulierenden ungebrauchten Exemplare müssen also zum weit überwiegenden Teil aus den Restbestandsverkäufen vom Sammlerschalter des Postamtes IV. stammen. Auch meine im übrigen genannten Vermutungen dürften zutreffen.
Die Postverwaltung genehmigte offenbar bereitwillig die Gefälligkeitsabstempelung von verkauften 70 Kreuzer. Die Marken hatten ja keine Gültigkeit und die Poststempel damit keinen urkundlichen Charakter mehr. Es wurden scheinbar auch Sonderwünsche erfüllt, wie beispielsweise wappenfreie Abstempelungen u. ä.
Beim Postamt I wurden die 70 Kreuzer-Marken an offenbar zwei Schaltern verkauft. An dem einen bediente man sich für die nachträglichen Abstempelungen des Einkreisstempels STUTTGART, am Schalter für Reco- und Expressbriefe wurde mit dem kleinen Datumsbrücken-K2 STUTTGART POSTAMT I. gestempelt. Der Verkauf der Marken erfolgte während des normalen Betriebes, beide Stempel sind auch für die Abfertigung von normaler Post bis Mitte 1878 bzw. Mitte 1882 belegt.[12]
Hier das übliche Statement der Prüferseite dazu:
„Alles frei erfunden. Es gibt keinerlei Verlautbarungen der Post hierzu. Die angeblichen Gefälligkeitsentwertungen des Postamtes I sind bedarfs- und zeitgerechte Briefpostentwertungen.“
Meine Aussagen sind keineswegs frei erfunden, sondern sie werden durch zahlreiche eindeutige Indizien unterfüttert und glaubhaft gemacht. Keinesfalls kann es sich um „bedarfs- und zeitgerechte Briefpostentwertungen“ handeln.
Der Einkreisstempel STUTTGART des Postamtes I.
Der Einkreisstempel wurde für Nachstempelungen auf 70 Kreuzer-Marken von ca. 1876 bis 1878 in vermutlich dreistelliger Anzahl benutzt.[13] Als Briefpoststempel ist er bedarfsmäßig zeitgerecht verwendet als Aufgabestempel auf Paketkarten nicht möglich. Der größte Teil aller bekannten Abschläge trägt Merkmale einer einzeln erfolgten Gefälligkeitsabstempelung, die wegen des Verkaufsverbotes der Marke zeitgerecht nicht möglich ist. Echt während der Laufzeit der 70 Kreuzer verwendete andere Marken mit diesem Stempel haben hingegen oft den Charakter von Bedarfsentwertungen. Es sind bis etwa 1880 keine Paketkarten bekannt, bei denen der Stempel bei der Aufgabe verwendet wurde. Es existieren einige wenige mit dem Einkreiser verstempelte Mängelexemplare mit dem Charakter von Bedarfsstücken, über deren Zustandekommen spekuliert werden kann.
Der Stempel ist auch, zeitgerecht verwendet ebenfalls praktisch nicht möglich, auf einer großen Bogenecke bekannt. Während der Laufzeit der 70 Kreuzer wurden aus Platzgründen die Ränder abgetrennt (es sind wenige eindeutige Bedarfsstücke mit kleinen Bogenrändern bekannt). BPP-Prüfer Heinz Thoma hat die Abstempelung auf der Bogenecke als Nachentwertung erkannt und eine Attestierung abgelehnt. Es entbehrt jeder Logik, den Stempel auf einer Bogenecke abzulehnen, auf normal geschnittenen Marken aber als echt und zeitgerecht verwendet zu bestätigen. Von Prüferseite wird jetzt mitgeteilt, dass zwar von Heinz Thoma die Abstempelung nicht als zeitgerecht bestätigt wurde, eine Einschätzung eines aktuellen Verbandsprüfers zu diesem Stück nicht vorliegt. Damit soll hoffentlich nicht angedeutet werden, dass eine neuerliche Prüfung durch jetzige Verbandsprüfer Aussicht auf eine Attestierung „zeitgerechte Abstempelung“ erhalten könnte.
Der Stempel auf 70 Kreuzer muss nach den Regeln des BPP als falsch gelten. Bis heute wurde und wird der Stempel auf 70 Kreuzer-Marken m.W. grundsätzlich von den Verbandsprüfern als echt und zeitgerecht verwendet anerkannt. Diese Prüfpraxis muss revidiert werden. Die Aussage in früheren Befunden und Attesten von Verbandsprüfern, dass der Stempel zeitgerecht verwendet worden ist, kann keinen Bestand mehr haben.
Der kleine Datumsbrückenstempel des Postamtes I.
Der kleine Datumsbrückenstempel des Postamtes I ist als Briefpoststempel bei der Aufgabe von Paketkarten ebenfalls nicht möglich. Bis ca. 1880 sind keine Paketkarten mit dem Stempel bei der Aufgabe bekannt. Es handelt sich ebenfalls in allen Fällen einer Entwertung auf 70 Kreuzer um Nachstempelungen aus dem Zeitraum von 1876 bis Ende 1879, evtl. in ganz wenigen Fällen auch zu einem späteren Zeitpunkt.
Beim Verkauf von gefälligkeitsgestempelten 70 Kreuzer-Marken musste der Stempel jedesmal lästigerweise zurückdatiert und anschließend wieder auf das aktuelle Jahresdatum umgestellt werden. Dabei kam es zu Missgeschicken: in zahlreichen Fällen wurde die eigentlich bei einer Paketkartenverwendung „unmögliche“ Jahreszahl „73“ eingesetzt. Es liegt ein Attest eines Verbandsprüfers für eine m.E. falsch gestempelte Bogenecke 70 Kreuzer vor, in dem diese Jahreszahl als Stempelirrtum (statt „74“) des diensttuenden Postbeamten bezeichnet wird. Der Beamte müsste sich ja ständig beim Einsatz der Jahreszahl geirrt haben, wie die zahlreichen nachgestempelten 70 Kreuzer mit der Jahreszahl „73“ beweisen.
Beispiele für nachgestempelte 70 Kreuzer-Marken mit dem kleinen Datumsbrückenstempel des Postamtes Stuttgart I. Es fällt auf, dass keine kopfstehenden Abschläge vorhanden sind, und die meisten Marken einzeln abgestempelt wurden. Zahlreiche Abschläge haben Daten aus 1873! Die Marken müssten sich alle auf überschweren Chargé- oder Express-Auslandsbriefen befunden haben, um als zeitgerecht gestempelt zu gelten.
Prüferverband und der Vorstand der ArGe Württemberg teilen diese völlig unglaubwürdige Annahme der Kreuzerzeitprüfer und bringen sich damit in eine blamable Situation.
Es existieren wenige Exemplare der 70 Kreuzer mit diesem Stempel, die bedarfsmäßig entwertet wirken und über deren Zustandekommen nur spekuliert werden kann. Die Nachstempelungen mit dem kleinen Datumsbrückenstempel erwecken darüber hinaus größtenteils den Charakter von einzeln erfolgten Gefälligkeitsentwertungen. Handelte es sich um Bedarfsverwendungen, müssten zahlreiche Exemplare mit Mehrfachabschlägen existieren.
Den bisher bekannten Belegen zufolge wurde der kleine Datumsbrückenstempel des Postamtes I bis mindestens 1880 ausschließlich am Schalter für Chargé- und Expressbriefe verwendet (später sind wenige Aushilfsverwendungen bei der normalen Briefpost bekannt).
Hochgerechnet also sollen an diesem Schalter überschwere Auslands-Recobriefe mit einer dreistelligen Anzahl 70 Kreuzer-Marken aufgegeben worden sein, und das dazu wohl noch als Einzelfrankaturen, wie die zentrischen Einzelabstempelungen der mit diesem Stempel entwerteten 70 Kreuzer nahelegen.
Köhler-Sieger sprechen im übrigen von „Bearbeitungsstellen“ für allfällig werdende 70 Kreuzer-Briefe in den 4 Einführungspostämtern Stuttgart I und II, Ulm und Heilbronn. Dies lässt den Schluss zu, dass die 70 Kreuzer-Marken während der Kurszeit überhaupt nicht an den beiden Schaltern im Hauptpostamt verfügbar waren. Die Annahme, dass 70 Kreuzer-Marken auf überschweren Chargé-Auslandsbriefen in nennenswertem Umfange verwendet worden sind, ist gerade in diesem Fall völlig unglaubwürdig.
Es dürfte ursprünglich eine dreistellige Anzahl 70 Kreuzer-Marken mit dieser Abstempelung, die nach den Normen des BPP als falsch gilt, vorhanden gewesen sein. Bis heute wurde und wird der kleine Datumsbrückenstempel des Postamtes I auf 70 Kreuzer generell in Attesten und Befunden der zuständigen Verbandsprüfer als echt und zeitgerecht verwendet kategorisiert. Diese Prüfpraxis muss in Zukunft revidiert werden. Frühere Befunde und Atteste können, was die Aussage „echt und zeitgerecht verwendet“ betrifft, keinen Bestand mehr haben.
Die Fachprüfer sind hingegen auch hier folgender falscher Meinung:
„Die angeblichen Gefälligkeits-Abstempelungen des Postamtes I mit der Datumsbrücke sind bedarfs- und zeitgerechte Briefpostentwertungen.“
Nachstempelungen der 70 Kreuzer beim Postamt Stuttgart IV.
Der Restbestandsverkauf der noch vorhandenen Marken im Hauptpostamt behinderte dort den laufenden Betrieb in nicht unerheblichem Ausmaß. Dort herrschte tagsüber ständig Hochbetrieb mit starker Kundenfrequenz. Im erst am 15.12.1873 eröffneten Postamt Stuttgart IV (an der damaligen Ostperipherie Richtung Cannstatt in der Neckarstraße, in etwa in Höhe der heutigen Schwabengarage gelegen) drehten hingegen die Postbeamten am Briefpostschalter Däumchen. Das Postamt war wohl in erster Linie wegen des hohen Paketaufkommens eröffnet worden. Alleine die sich in unmittelbarer Nähe des Postamtes befindliche Schokoladenfabrik Starker & Pobuda sorgte werktäglich durch den massenhaften Versand von Kakaodosen für viel Verkehr.
Eröffnet wurde das Postamt IV aber im Zusammenhang mit dem Neubau des sehr großen Hallberger-Verlages (später DVA) im Jahre 1873. Die Postverwaltung entschloss sich wegen des enormen Paketaufkommens des Verlages von täglich wohl vielen hundert Stück (bei Neuerscheinungen von trivialer Belletristik wohl von über 1.000 Paketen), das am 15.12.1873 neu eröffnete Postamt direkt im Gebäudekomplex des Hallberger Verlages in der Neckarstraße 121 unterzubringen. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: Die Postverwaltung konnte die Packkammern des Postamts I entscheidend entlasten, und die Pferdefuhrwerke des Verlages mussten nun nur noch mit ihren Express- und Stückgutsendungen zum nahegelegenen Güterbahnhof, während die Postpakete direkt an Ort und Stelle in die Fahrpostkutschen verbracht werden konnten.
Die Postverwaltung entschloss sich 1879 also, den Verkauf der 70 Kreuzer-Marken an einen speziellen „Sammlerschalter“ im Postamt IV zu verlagern. Wegen des immer noch vorhandenen Bedürfnisses der Interessenten nach gestempelten Exemplaren (mittlerweile waren wohl auch von den Paketkarten abgelöste Bedarfsstücke im Handel) wurden sowohl der bei der Briefpost eingesetzte Datumsbrückenstempel und der bei der Fahrpost benutzte Fächerstempel des Postamtes IV ausgesondert und ab da während der Verkaufszeit der 70 Kreuzer wohl ausschließlich am Sammlerschalter weiterverwendet. Auch die vorhandenen Stempelkissen mitsamt ihrer kräftiggrünen Farbe kamen weiter zum Einsatz.[14[ Wegen des hohen Fahrpostaufkommens war offenbar ein zweiter Fächerstempel als Reserve vorhanden, der jetzt Paketkarten, Wertbriefe usw. in schwarz weiterstempelte.
Prüfer und die Verbandsprüfstelle sind der Meinung, dass eine Behinderung des laufenden Betriebes durch den Verkauf der Restbestände der württembergischen Freimarken im Postamt I nicht stattgefunden haben kann, weil statistisch in der Zeit von 1876 bis 1889 in den Postämtern I und IV täglich nicht einmal eine 70 Kreuzer-Marke verkauft wurde.
Es wird dabei übersehen, dass ja nicht nur die 70 Kreuzer, sondern auch alle Werte der Ziffernausgabe, Ganzsachen, im Postamt IV auch Telegrafenmarken usw. verkauft wurden. Die Bestände mussten täglich (möglicherweise sogar zweimal täglich bei Schaltereröffnung und Schalterschluss) inventarisiert, Verkäufe notiert, schriftliche Bestellungen erledigt werden, der Datumsbrückenstempel rück- und wieder auf das aktuelle Tagesdatum umdatiert werden usw. Die Eröffnung eines eigenen Sammlerschalters im Postamt IV ab ca. 1880 ist erwiesen und ein deutliches Indiz für den entsprechenden Aufwand auch im Postamt I.
Fußnoten im Beitrag [#2]