Thema:
Großbritannien: Die wirtschaftliche Situation der post office Agenturen
Am: 17.07.2025 22:51:50
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Die Financial Times (FT) berichtete in einer ihrer kürzlichen Ausgaben:
• Much-loved post office branch illustrates profitability problem (Beliebte Postagentur veranschaulicht ein Profitabilitätsdilemma)
Beginn Inhaltsangabe
Die FT beschreibt den Ort Shrivenham, in dem die thematisierte Postagentur liegt, so: 3.000 Einwohner, reetgedeckte Häuser, zwei Pubs, eine Kirche, die bis ins 12. Jahrhundert zurückdatiert werden kann, und eine Postagentur (im UK als post office bekannt). Es handele sich um eine lebendige, wohlsituierte Ortschaft. Man verfüge über einen Golfclub, Pferdeställe für Rennpferde, eine bekannte Militärakademie liege in der Nähe. Aber die letzte Bankfiliale (der Lloyds Bank) habe vor einigen Jahren geschlossen.
Um die Innigkeit der Beziehung der Bewohner zum post office zu verdeutlichen, werden zwei Bewohner zititert. Einer sagt, wenn er eine Karte benötige, werde er im post office entsprechend beraten. Außerdem würde er, wenn er Gesellschaft brauche, auf ein Schwätzchen vorbeischauen. Ein anderer Nutzer wird zitiert, er wäre ein trading card-Händler, zwar würde es auch im coop eine automatisierte Päckchen-Annahme-Station geben, da seine Karten einen ziemlichen Wert hätten, komme er zu Sara und Mathew Thorton (die Posthalter in Shrivenham), in dem Bewusstsein, dass seine Sendungen von dort sicher auf den Weg gehen würden.
11.500 Agenturen gebe es landesweit und die Agentur in Shrivenham würde das Profitabilitätsproblem verdeutlichen. (Und jetzt wird die FT sachlich…) Der Umsatz der Agentur im letzten Jahr habe GBP 104.500 betragen. Nach Miete, Löhnen für vier Teilzeitangestellte und anderen Kosten betrage der Gewinn GBP 37.000. Weitere GBP 22.200 betrage der Gewinn aus dem Verkauf von Schreibwaren und Geschenkartikeln.
Mit GBP 37.000 p.a. rangiere die Agentur im oberen Drittel aller post offices, aber da von zwei Personen in Vollzeit betrieben, repräsentiere dieser Betrag weniger, als mit dem jährlichen britischen Mindestlohn zu verdienen gewesen wäre.
Eine Kettenbetreiberin von post offices (Firma UOE im Eigentum des private equity-Investors Next Wave Partners – UOE hat 9 Agenturen in London und Umgebung und will weitere akquirieren) wird dahingehend zitiert, dass 52% aller Agenturen überhaupt keinen Gewinn machen würden.
Die Kluft zwischen dem sozialen Wert der Post und deren ökonomischen Wert habe sich vertieft.
Auch die Verbindung zur Royal Mail habe sich gelockert. Es würden weniger Briefe geschrieben, und es gäbe mehr Wettbewerb, Amazon unterhalte ein Logistikzentrum in der Nähe Shrivenhams. Die FT merkt bei der Gelegenheit an, dass die Royal Mail 2011 privatisiert worden sei und 2024 vom tschechischen Milliardär Daniel Kretinsky (Anmerkung des Autors des Beitrags: der stets große Appetit auf Firmen mit großen Pensionskassen hat) übernommen worden sei.
Die Thornes würden GBP 1,50 für jede Sendung mit Zusatzleistungen erhalten, wenn der Kunde das Porto in der Agentur bezahlen würde und die Sendung zur Beförderung dalasse. Würde der Kunde hingegen online ein Label der Royal Mail kaufen und damit seine Sendung freimachen, würde die Agentur nur GBP 0,25 erhalten.
Die Thornes werden zitiert „Es koste Zeit, einen Kunden zu bedienen, auch weil häufig ein kurzes Gespräch erwartet werden würde.“ Der Umgang mit den Leuten sei wunderbar, und die Thornes wünschen es sich auch nicht anders, aber am Ende habe man mit dieser Transaktion einen Reinertrag von nur GBP 0,25 erwirtschaftet. Man sehe einem baldigen Umzug in die ehemalige Bankfiliale am Ort entgegen, um in Zukunft mehr Umsatz im Bereich von Finanzprodukten und Einzelhandel zu erzielen.
The Post Office habe in 2024 seinen Unter-Postmeistern insgesamt GBP 416 Mio. vergütet und man werde den Betrag 2026 um GBP 120 Mio. und in 2030 um weitere GBP 250 Mio. erhöhen, wenn Kostenkürzungen gelingen und Bank- und andere Erlöse gesteigert werden können. Die FirmaThe Post Office befände sich in Staatseigentum und die Regierung würde in Kürze ein Konzept zur Zukunft der Gesellschaft fertigstellen. The Post Office strebe einen Langzeitrahmen an, um größere Autonomie zu erlangen.
Aber zwischen dem Wunsch nach persönlichem Service und wirtschaftlichen Notwendigkeiten bestünden eben Spannungen. Für ihre Agentur benötigen die Thornes die baldige Erhöhung ihrer Vergütung. Die Thornes werden zitiert, man habe drei Jahre lang keinen Urlaub gemacht, auch weil man es sich nicht habe leisten können. Die Regierung, The Post Office und die Bewohner Shrivenhams seien, so die FT, einer Meinung, dass die Arbeit der Thornes wertvoll sei. Das Geschäft rentabel zu betreiben, sei schwieriger.
Ende der Inhaltsangabe (da zeige ich mal zur Auflockerung eine 10Bx von 1855)
Der Artikel enthält so manche Fakten.
Mich interessierte insbesondere die Komponente, wo Postnutzer eben auch einmal Label und Briefmarken mitbringen. Ich dachte dabei an die Situation vor der viele Philatelisten stehen, entnehmen wir doch für unsere Sendungen doch Marken aus unseren Lagerbüchern.
Und da moderne Postagenturen ja nur noch geringe Mengen an Sondermarken zugeteilt bekommen, es doch ganz klar ist, dass bei Neuheiten das vollständigere Einkaufserlebnis bei Bestellung über die Versandstelle zu finden ist. Ich persönlich habe zuletzt eine größere Menge über die Versandstelle und in Nürnberg im Postmuseum gekauft als das Erlebnisteam Briefmarken vor Ort war.
Ich kenne die Abrechnungsmodelle der Deutschen Post nicht, aber es ist naheliegend, dass die ähnlich wie The Post Office abrechnen werden (ich habe gelesen: 5% des Verkaufserlöses gehen an die deutschen Agenturen, aber wenn die nichts verkaufen, dann hat unsere Agentur auch nichts davon).
Wie sollen wir uns da dauerhaft die Gunst unserer Postagenturen erhalten, deren Existenz für uns in Stempelfragen doch wichtig ist?
Auch bin ich kürzlich in Süddeutschland über Land gefahren und habe an zwei Postagenturen gehalten, die ihren Betrieb in Kürze aufgeben werden. Das Profitabilitätsthema wurde dabei einmal - ungewöhnlich für Deutschland - als explizierter Grund in einem Aushang genannt.
Am: 17.07.2025 23:53:26
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# 2
Die Royal Mail wurde doch kürzlich an den tschechischen Milliardär Daniel Kretinsky verkauft.
(und wer Milliarden hat der will noch mehr davon...)