Briefmarken Atteste

Thema:

Deutsches Reich Feldpost WK 2 Familie Frettlöh aus Marburg

DERMZ Am: 12.04.2025 10:37:43 Gelesen: 19329 # 1
Guten Morgen, Der Besuch auf dem wöchentlichen Flohmarkt in Marburg brachte eine kleine Holzkiste auf einem Verkaufsstand zum Vorschein, gut gefüllt mit Briefen - offensichtlich viel Feldpost und die stammte wohl aus dem 2. Weltkrieg. Der Zustand der Belege teilweise furchtbar, wenn mit Marken frankiert, dann gab es wohl jemanden, der diese ausgerissen hat, aber die Briefinhalte sind augenscheinlich noch größtenteils vorhanden. Der geforderte Preis war horrend hoch, doch wer nicht fragt, bekommt auch keine Antwort, es hätte ja sein können, daß die Kiste günstig zu erwerben sei. Nach dem Preis, habe ich dann noch mal einen genaueren Blick in die Kiste gewagt, zu meiner Überraschung, ist es ein Posten - in der Hauptsache - aus den Jahren 1944 und 1945 und die meisten Belege gingen entweder nach Marburg oder wurden von dort verschickt. Es ist die Feldpost einer Familie, der Familie Frettlöh aus Marburg. So werde ich jetzt die Briefe bzw. Karten lesen und hier (zeitlich sortiert) einstellen - wohin die "Reise" geht, kann ich noch nicht abschätzen, ich möchte das geschriebene auch nicht bewerten, es dient rein der Dokumentation dieser Korrespondenz. Wer die einzelnen Personen sind, kann ich noch nicht genau sagen, ich werde zu einem späteren Zeitpunkt eine Namensliste erstellen. Beginnen möchte ich mit einer Postkarte aus Göttingen an die Schülerin Hilde Frettlöh, 1935 in Wiesbaden wohnhaft An die Schülerin Hilde Frettlöh Wiesbaden Rheinstr. 79 II Göttingen, den 25. Mai 1925 Liebe Hilde! Im Begriff, von hier abzufahren, sende ich Dir diese Karte, aus der Du siehst, daß es auch hier schön ist. Hoffentlich seid Ihr alle noch wohl und munter! Herzliche Grüße Papa Anzumerken sei noch, daß die handgeschriebenen Jahreszahl NICHT mit dem Stempeljahr übereinstimmt, ich gehe davon aus, daß Papa Frettlöh sich um zehn Jahre geirrt hat. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 14.04.2025 17:40:28 Gelesen: 19224 # 2
Guten Abend, in gleichem Umschlag von Lotte Romahn [#94]) fand ich noch eine Seite aus einem Schulheft, ich datiere die Seite etwa auf das Jahr 1935 ... Albert schreibt an seinen Papa ein paar Zeilen, 1935 wohnte Familie Frettlöh in Wiesbaden ... Sehr geliebter Papa! Ich danke Dir herzlich für die Postkarte. Wir waren gestern zur Josphhütte [1] gegangen. da haben wir vie= le Veilchen gefunden. Auch unter den Eichen haben wir Veilchen gefunden. Am Sonntag ./. haben wir (Butterbl) Gänse= blümchen geflückt. Im Rabenborn [2] waren ganz viele Gänseblüm= chen. Nun lieber Papa, wenn nocheinmal sowas von den Soldaten pasiert, dann schreibst Du es mir gleich. Wir haben einen ganz riesigen Fliederstrauß, der nur 10PF gekostet hat. Vorgestern saßen wir gerade beim Mittagessen ./. da schellte es gerade. Da war ein Mann, der ./. Fliedersträuße zu verkaufen hatte. ./. Herzliche Grüße und frohes Wiedersehen Dein Albert. [1] Josephhütte – war eine Schutzhütte am Kisselbornweg, die in den 1990er Jahren b ei einem Sturm zerstört wurde ... Ein Bild der Hütte - siehe https://www.wiesbaden.de/stadtlexikon/stadtlexikon-a-z/Schutzhuetten [2] gemeint ist wohl der Rabengrund, ein Naherholungsgebiet von Wiesbaden Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 15.04.2025 10:54:00 Gelesen: 19157 # 3
Guten Morgen, heute zeige ich die erste Feldpost von Albert Frettlöh an seine Eltern, geschrieben am 7. Januar 1944, einem Freitag. Albert schrieb: Lwh. A. Frettlöh L08885 LGPA Münster Herrn Dipl. Ing. Frettlöh Marburg (Lahn) Wilhelm-Roserstr. 45 7.1.44 Liebe Eltern. Ich bin hier gut angekommen, denkt Euch doch nur, ich habe einen alten Klassenkameraden hier getroffen. Wir liegen zwar nicht auf einer Bude zusammen, aber trotzdem helfen sie uns mit in allem mit Rat und Tat. der Dienst ist harmlos , heute sind wir geimpft worden, das Essen ist prima. Ich muß jetzt schließen, am Montag fährt Albrecht Heck- mann nach Haus, der nimmt einen ausführlichen Brief mit. Viele Grüße auch an Hilde, Mir geht’s gut. Euer Albert Kurze Erklärung: Lwh. = Luftwaffenhelfer L08885 LGPA Münster = Luftgau-Postamt Albert Heckmann war wahrscheinlich um 1944 in Marburg wohnhaft Mit vielen Grüßen Olaf
DERMZ Am: 18.04.2025 12:40:49 Gelesen: 19009 # 4
Guten Tag, der erste Brief von Albert an seine Eltern, datiert vom 12. Januar 1944, abgestempelt in Hofgeismar, und mit großer Hilfe von Emiel die fehlenden Worte entschlüsselt - Danke Emiel. Die Adress- und Absenderangaben wiederhole ich nicht, es sei denn, sie enthalten weitere Informationen. den 11.1.44 Liebe Eltern. Endlich komme ich dazu Euch ausführlich zu schreiben. Ich habe leider keine schöne Unterlage, also entschuldigt bitte die schlechte Schrift. Bitte seht auch zu, daß ich meinen Füller gemacht be= komme. Auch fehlen mir Umschläge und Briefpapier. Aber nun will ich mal meine Erlebnisse der Reihe nach erzählen. Nach unserer Ankunft in Kassel wurden wir von Budenwart Sandt in eine Schule gebracht, wo wir um drei auf die einzelnen Batterien verteilt wurden, nachdem ein paar Phrasen geschwungen worden waren. Jede der drei Klassen unserer Schule wurde kam von einer anderen Ecke von Kassel. Wir kamen nach Obervellmar und trafen dort unsere alten Klassenkameraden Die diesen Abend Wir sind in Holzbaracken untergebracht. Im ganzen sind zu unserer Batterie 21 Luftwaffenhelfer gekommen. Davon 12 Oberschüler die auf einer anderen Bude sind. Auf unserer Bude sind wir drei und 6 Schüler der Kasseler Wilhelms. Gymnasi- um, das Essen ist nach wie vor fabelhaft (Verdauung klappt) und der Dienst leicht. Im nächsten Brief werde ich weitererzählen. Also viele Grüße auch an Hilde Euer Albert Mit vielen Grüßen Olaf
DERMZ Am: 20.04.2025 11:16:31 Gelesen: 18931 # 5
Guten Tag, Albert schreibt einen ausführlicheren Brief über seine ersten Tage bzw. Unterbringung, Bekleidung und Verpflegung O.V., den 15.1.44. Liebe Eltern! Endlich komme ich dazu, Euch einen ausführlichen Brief zu schreiben. Als erstes will ich mich für das Päckchen bedanken, das mir Albrecht mitgebracht hat, die Äpfel und Plätzchen schmecken prima und das Schuhputzzeug brauchte ich sehr dringend, deshalb habe ich mich darüber sehr gefreut. Heute morgen erhielt ich einen Brief vom 11.1.44. . Auch hierfür meinen herzlichsten Dank. Ich will auch jetzt noch einiges über meine Unterbringung, Ver= pflegung und Bekleidung mitteilen. Also gleich am 6. Januar erhielten wir 3 Garnituren und Ausgeh-Garnitur, Arbeitsgarnitur [alte, abgelegte, chemisch gereinigte Soldatenbekleidung], und Drillich- Anzug [bis jetzt nicht gebraucht], dazu Taschen- und Handtücher und 4 Hemden [viel zu groß], ferner Mantel, Stahlhelm, Mütze, Butterdose, Feldflasche und Kochgeschirr. Ein Paar Schuhe erhielt ich heute. In unserer Baracke haben wir es sehr warm, wenn man zu heizen versteht, fußkalt ist es keineswegs. Wir liegen auf Strohsäcken mit weißen Bezügen. Jeder hat vier Decken gestellt bekommt. Der Verpflegung ist ausgezeichnet. Wir kriegen mittags meistens ./. Pellkartoffeln mit Soße und einem Stück Fleisch und Gemüse. Sonntags Pudding dazu. Nur an wenigen Tagen gibt es Eintopf. Wir kriegen täglich 700gramm Brot, dazu jeden Tag Butter, meistens Margarine, ferner Wurst oder Käse oder Marmelade oder Kunsthonig immer in anständigen Portionen. Das Brot ist so reichlich, daß wir den Russen, die hier sind, was abgeben, dafür bekommen wir Brennholz und auch machten sie aus 10 Pfennig Messingstücken prima Ringe, ich habe auch schon einen, alle Welt läuft hier mit solchen Ringen herum. Auch an Unterhaltung fehlt es nicht, Donnerstag war die Gaufilmstelle, wir sahen „Sophienlund“ und gestern Abend war Batteriefest, dazu kam die Henschel- bühne [Cabarett] mit einigen Aufführungen. Um halb 11 waren wir erst im Bett. Eigentlich sollten wir uns das schlechtschmeckende Bier bekommen, wehrend die Soldaten Punsch bekommen, aber wir wußten uns auch etwas davon zu beschaffen. Leider muß ich schließen, Viele Grüße Albert O.V. = Obervellmar Russen in Obervellmar: ich vermute, daß es sich um Kriegsgefangene bzw. Zwangsarbeiter im Arbeitslager der Organisation Todt handelte, allerdings war dieses laut wikipedia erst ab Oktober 1944 in Nutzung -https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/xsrec/current/26/pageSize/30/sn/nstopo?q=YToxOntzOjExOiJzYWNoYmVncmlmZiI7czoxNzoiT3JnYW5pc2F0aW9uIFRvZHQiO30= "Sophienlund": wurde 1942 unter der Regie von Heinz Rühmann gedreht - https://de.wikipedia.org/wiki/Sophienlund_(1943) Mit vielen Grüßen Olaf
evwezel Am: 20.04.2025 13:04:51 Gelesen: 18915 # 6
Hallo Olaf, Den Film “Sophienlund” kann man auch online sehen. Viele Grüße Emiel https://archive.org/details/1943-sophienlund-kathe-haack-hannelore-schroth-fritz-wagner_202412
DERMZ Am: 22.04.2025 12:44:10 Gelesen: 18849 # 7
Guten Tag,

Das Schuhputzzeug war für Albert wohl von großer Bedeutung, am 12. Januar schrieb er schon seiner Schwester Hilde:



O.V., den 12.1.44.
Liebe Hilde!
Nun will ich Dich auch einmal
mit einer Karte beglücken. Denk
Dir, ich habe heute schon 4 Karten ge=
schrieben und zwar an die Großmutter,
Tante Josepha, dann - Müllers und
Knabs. Bitte schick mir doch mal
ein bißchen Briefpapier und
Umschläge und einen Federhalter.
Tinte kann ich mir leihen. Ich
brauche auch Schuhputzzeug. Wir
sind bereits eingekleidet, nur
Schuhe, Strümpfe, Unterzeug und
Koppel haben wir noch nicht. Sag
mal, Du könntest mir hierher die
Oberhessische bestellen, dann habe ich
wenigsten abends was zu lesen.
[Außerdem geht auch das Klosettpapier bald
./.
zu Ende] Sag mal, Du
kanntest doch Frl. Rüder
die sich später mit
einem gewissen Dr.
Heffert verheiratete. Kannst
Du mir mal ein Bild
schicken, wo sie drauf ist.
Denn die 6 Kasseler Gymnasiasten,
die hier auf der Bude sind,
hatten sie als Klassenlehrerin.
Viele Grüße auch an die Eltern Albert.

Mir war der Begriff "Koppel" neu, mit "Gürtel" im übertragenen Sinn hätte ich etwas anfangen können, und die "Oberhessische" war die "Oberhessische Zeitung", die Tageszeitung aus Marburg, heute bekannt unter dem Namen "Oberhessische Presse".

Mit vielen Grüßen Olaf
DERMZ Am: 24.04.2025 05:24:24 Gelesen: 18772 # 8
Guten Tag ein wenig aus der Sequenz geraten ist dieser Brief vom 7.Januar, ich bitte die "Unordnung" zu entschuldigen Albert schrieb an seine Eltern: O.V., 7.1.44. Liebe Eltern! Nun bin schon den dritten Tag bei dieser Flak= batterie in Obervellmar. Ich konnte nicht eher schreiben, da unser „Betreuungs“-Wachtmeister uns das Schreiben verboten hatte, weil wir noch nicht über „Sabotage, Spionage und deren Abwehr unterrichtet seien. Na, ich will der Reihe nach erzählen. Um 9.57 fuhren wir in Marburg und waren um halb 1 in Kassel. Wir marschierten in eine Schule, wo wir um 3 Uhr eingeteilt und von Flakunteroffizieren abgeholt wur= den und zu einer Batterie direkt am Stadtrand gebracht wurden. Dort wurden wir wieder verteilt und nur ein kleiner Teil kam nach Obervellmar, wo wir zu unserer Freude unsern alten Klassen= kameraden wiederfanden. Wir leben hier ganz schön, das Essen ist überreichlich. Diesen Brief gebe ich Albrecht Heckmann mit, der ihn in Marburg einwerfen wird. Würdet ihr vielleicht folgende Sachen einpacken und Montag, spätestens Dienstag könnte die Hilde sie mit in die Schule nehmen, und sie der kleinen Schwester von Albrecht Heck= mann geben, der sie dann bringt. Ich bräuchte Schuhbürsten und schwarzes Lederfett. Außerdem Lederfett Briefmarken. Nun muß ich schließen. Viele Grüße und macht Euch keine Sorge, mir geht’s gut. Euer Albert Es gibt keine Lederfett-Briefmarken, Albert hatte sich verschrieben und Lederfett zweimal auf das Blatt Papier gebracht, das zweite Mal hat er es durchgestrichen - ich versuche dieses durch Kursiv-Schrift und Unterstreichung kenntlich zu machen. Mit vielen Grüßen Olaf
DERMZ Am: 26.04.2025 14:04:26 Gelesen: 18695 # 9
Guten Tag, ich vermute, daß Albert daheim war und von daher in der Zeit zwischen dem 15. und 27. Januar keine weitere Post verfasst hat, dafür hat er aber seinen Füller dabei, wenngleich dieser offensichtlich den Brief nicht durchgehalten hat. Ich habe folgendes gelesen - danke auch an Emiel für die wertvolle Hilfe: O.V., den 27.1.43 Liebe Eltern! Gestern abend mußte ich erst einräumen, deshalb konnte ich noch nicht schreiben. Nun will ich es heute morgen nach= holen. Denkt Euch doch, wir haben heute morgen überhaupt kei= nen Dienst gehabt, alles was vorgesehen war, fiel aus. In Kassel hatte ich gestern vormittag gleich Anschluß und ich kam ziemlich früh hier an. Ich kam gerade in eine Übung hinein, wozu auch der Abteilungskommandeur kam. Er zollte nachher den Luftwaffenhelfern großes Lob. O.V. den 30.1.43 Bitte entschuldigt, daß ich erst jetzt den Brief fortsetze. Denn obwohl ich ansich viel Zeit hier habe, so hinderte feindliche Flieger mich daran, den Brief fortzusetzen. Vorgestern mußte ich zum Impfen, heute morgen war hier die feierliche Verpflichtung der neuen Luftwaffenhelfer. Es war sehr komisch. Vorgestern Ich muß jetzt leider mit Bleistift weiterschreiben, da mein Füller keine Tinte mehr hergibt und ich hier keine auftreiben kann. Also Fissan-Paste und Kamm und Bürste habe ich wiedergefunden. Ich habe vorgestern ein Päckchen mit Schlafanzug an Euch abgehen lassen. Bitte wascht ihn nur aus und schickt ihn mir zurück. Zulassungsmarke die wir empfangen haben, schicke ich mit diesem Brief. Mir ist es schon besser, von der Erkältung merke ich nur noch wenig. Die Plätzchen bin ich alle los= ./. geworden, Streuselkuchen habe ich nicht abbekommen, Wir haben gestern die übrigen Sachen bekommen, die ich noch nicht empfangen hatte, Rucksack, Unterhosen, Strümpfe, Handschuhe, Koppel, Gamaschen, Turnhose, Pullover und Eßbesteck. Augenblicklich [9 Uhr abends] ist hier Feuerbereitschaft. Die Anderen sind oben an Geschützen und Gewehr . Wir die wir nicht eingesetzt sind sitzen hier bei spärlicher Beleuchtung. Euren Brief habe ich gestern erhalten. Vielen Dank dafür. Ich drücke dringend die Daumen für Hildes Abitur, h offentlich besteht sie es gut. Nun Viele Grüße auch an Hilde Euer Albert Bitte entschuldigt die schlechte Schrift, bei der Be- leuchtung ist das kein Wunder. Ob man heute noch Fissanpaste schreiben würde, glaube ich weniger, ohne Werbung machen zu wollen würde dort heute wohl eher Nivea- bzw. Penatencreme stehen. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 27.04.2025 20:01:49 Gelesen: 18645 # 10
Guten Abend, ohne Hilfe geht es (immer) noch nicht, DANKE Emiel. O.V., den 13.2.44. Liebe Eltern! Am Mittwoch erhielt ich Eurer liebes Päckchen mit den Plätzchen und den Äpfeln. Sie haben mir ausgezeichnet geschmeckt und ich sende Euch hierdurch meinen herzlichsten Dank. Mir geht es soweit gut, außer daß meine Impfen mich manchmals schmerzen, ich bin nämlich Mittwoch geimpft worden. Aber jetzt merke ich schon garnichts mehr davon. Obwohl die Vorgesetzten hier in der Stellung sich damit bereiterklärt hatten, daß am 7. unser Unterricht begann, hatten wir vorige Woche doch keinen Unterricht und werden morgen wir erst beginnen, weil der Unterrichts= beginn für die neuen Luftwaffenhelfer einheitlich auf den 14. Januar festgesetzt worden war. Ich bin seit einigen Tagen als Vorfeldschreiber eingesetzt und muß, wenn Flugzeuge die 200km-Grenze zu überfliegen rauf aus Gerät. Ich stehe dann im Freien an einer Glastafel, auf der Kassel mit Westdeutschland aufgemalt sind und zeichne die Flug= meldungen ein, die ich durch Telefon bekomme. Es ist sehr interessant und ich weiß immer an erster Stelle, was über Deutschland los ist. Aber es hat auch seine Schattenseiten. Z.B. mußte ich in einer Nacht 4 mal raus, während die anderen nur einmal brauchten, denn sie brauchten nur bei 120km raus. Heute am Sonntag mußte ./. ich zweimal die Buntstifte spielen lassen. Diese Woche war hier zweimal Film. Das erstemal [„Hab mich lieb“] wurden die Luftwaffenhelfer nach der Wochenschau rausgeschmissen, weil der Film nicht zugelassen ist, Das andere Mal [„Die Entbahrung“] gab es mittendrin Alarmbereitschaft Heute mittag gab es Pudding mit Apfelmus, hat prima geschmeckt. Sonst sind wir mit dem Essen nicht so sehr zufrieden, kann sein, daß wir, weil es im Vergleich zu den ersten Tagen etwas weniger gibt, verwöhnt sind. Besonders schimpfen wir darüber, daß es so wenig gar kein Weiß= Brot oder Brötchen gaben. Meine letzten Marken habe ich längst verbraucht. Könntet ihr mir vielleicht ein paar Roggenbrötchenmarken, am besten Urlaubermarken schicken, auch dafür bekommt mann Weißbrot oder Brötchen hier im Dorf. Heute haben wir ein zweites Paar Schuhe bekommen. Eben erfahre ich, daß morgen der Unterricht ausfällt, weil der Lehrer krank ist. Es geht also lustig los. Ich werde wahrscheinlich am 22. auf Urlaub kommen, es kann aber auch bis zu einer Woche Länger dauern. Nun viele Grüße sendet Euch Euer Albert [Laßt mal was von Euch hören] N.S. Entschuldigt bitte die schlechte Schrift, wir haben sehr schlechte Beleuchtung Und die Glasfeder schreibt auch nicht so ausgezeichnet. Es seien mir ein paar Anmerkungen gestattet: -Datum des Poststempels und Datum im Brief passen (noch) nicht zusammen, ich vermute, da der Brief NICHT über die Feldpost verschickt wurde, daß Albert diesen einem Kollegen aus Marburg mitgegeben hat und dieser ihn in Marburg aufgegeben hat. Jetzt passt das Datum immer noch nicht, ich interpretiere es zur Zeit als Datumsfehleinstellung, es könnte gut der 18. Februar 1944 gewesen sein. -„Hab mich lieb“ - Deutscher Spielfilm von 1942 mit Marika Rökk -„Die Entlassung“ - Deutscher Spielfilm von 1942 mit Werner Krauss -„Urlaubermarken“ waren Gutscheine, mit denen man freie Tage bekam. Diese scheinen nicht benannt worden zu sein. Wenn der Autor sie also nicht nutze, konnten diese gehandelt werden. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 06.05.2025 21:54:02 Gelesen: 18488 # 11
Guten Abend, nach einer kürzeren Pause, habe ich noch eine Karte von Albert an seinen Papa gelesen, dieser hatte Geburtstag ... Ich las folgendes: O.V., den 14.2.11 Lieber Papa! Zu Deinem Geburtstag sende ich Dir hiermit meine herzlichsten Glück= wünsche. Es war mir leider wegen der Einsatzbereitschaft nicht möglich zu diesem Tage Urlaub zu bekommen, ich werde aber einige Tag später sicherlich kommen. Heute sollte unser erster Unter= richt sein [Latein] er fiel aber wegen Krankheit des Lehrers aus. Morgen ist wahrscheinlich Mathematik. Wie ist denn in Marburg das Wetter. Ist Winterwetter hier liegt dauernd etwas Schnee und das Thermometer ist meistens unter Null. Seit mehreren Tagen erhalten wir überhaupt keine Post mehr. Es ist ein ganz großer Mist. Wer weiß was da los ist. Auch der Oberheß kommt ./. nicht regelmäßig, am Donnerstag erhielt ich drei Zeitungen aufein= mal, dafür die letzten Tage überhaupt keine. Nun zum Schluß sende ich Dir nocheinmal die besten Wünsche zum Geburtstag und bleibe Dein Albert Vielleicht noch zur Erklärung, die "Oberheß" meint die "Oberhessische Zeitung", die Albert ja bei seiner Schwester Hilde am 12. Januar erbeten hatte Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 09.05.2025 05:20:45 Gelesen: 18367 # 12
Guten Morgen,

Albert schreibt etwas ausführlicher an seine Eltern





O.V., den 5.3.44
Liebe Eltern!
Endlich komme ich dazu Euch mal wieder zu schreiben, teils durch Einflüge
feindlicher Flieger und teils durch Schulaufgaben bin ich noch nicht dazu gekommen.
Ich danke Euch herzlich für den Brief vom 28.2., ich erhielt ihn gestern, übrigens vor=
gestern bekam ich einen Brief von Hilde. Sie schrieb mir ziemlich ausführlich, und ich
will ihr heute auch schreiben. Eure Marken, die Ihr mir geschickt habt kann
ich ausgezeichnet gebrauchen, und ich werde jetzt diese 4 Wochen bestimmt hin=
kommen. Ich will auch mal aufzählen, was ich habe: 4900gr Roggen und 1420gr
Weizenmarken, 150gr Butter, 450gr Fleisch und 100gr Marmelade das schickt!
Auch hast Du, liebe Mutti, mir allerlei Überraschungen in die Mappe am
Montag eingepackt, die mich sehr gefreut haben. Das Backobst habe mit dem
Beutel in der Manteltasche gesteckt und bei Feuerbereitschaft lutsche ich Trockenpflau=
men. Es fragt sich blos, wie lange es bei der andauernden Feindtätigkeit reicht!
Dies ist ja augenblicklich ganz toll. Vorige Nacht, gestern am Tag, heute Nacht
und heute Mittag mehrmals Feuerbereitschaft, und mehrm noch viel öfter Alarmbereit=
schaft, zum Beispiel heute nachmittag dreimal. Gestern Mittag hieß wo starke
Verbände eingeflogen waren, hieß es, der Angriff richte sich entweder gegen
Kassel oder Neustadt (Allendorfer Munifabrik). Die Flieger-Verbände befanden sich
in ganz Kurhessen und hatten von allen Seiten Kurs auf Kassel, plötzlich drehten
alle Verbände und hart nördlich Kassel flogen sie an uns vorbei nach
Norddeutschland und gegen Berlin. Der Spaß dauerte von 1115 bis 415. Auch
heute Nacht war allerlei los. Zum Glück brauche ich jetzt nachts und
während des Schulunterrichts nicht eher nach oben, als die anderen. Im
übrigen war der Unterricht regelmäßig, die Flieger kamen immer erst
mittags und in die Lehrer kamen auch immer. Wir haben jeden Tag
von 17 bis 18 Uhr Schularbeitenstunde. Dann ist bis 21 Uhr dienstfrei. Der
Dienst in der Batterie dauert nur von 14-17 Uhr. Das ist alles. Aufstrich habe
ich augenblicklich genug, wenn es mal knapp ist, streiche ich Schmals, das ist
aber gleich zu Ende. Na dann hole ich mir mal ab und zu etwas aus dem
Dorf, ich habe ja genug Marken. Meine Erkältung wird allmählich besser und
ich fühle mich ganz gut. Das Bettzeug ist auch gewechselt worden, und die
Zahl der Flöhe in unserer Bude ist rapid zurückgegangen, ich merke jeden=
falls nichts mehr.
./.
Meinen 6-Tage Urlaub habe ich für den 25.März beantragt und ich werde sehr wahrschein=
lich dann auch kommen. Unsere Ausbildung ist sehr mau augenblicklich
und wir haben im großen und ganzen ein ruhiges Leben. Daß ich am Tage,
wenn Flieger kommen, eher rauf muss als die anderen, hat auch manchen
Vorteil. Zum Beispiel brauchte ich den am Sonnabend den Infanteriedienst
und den Stubendurchgang nicht mitzumachen. Nun viele Grüße von mir
Albert.


Allendorfer Munifabrik= Allendorf Sprengstoffwerke - siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Sprengstoffwerke_Allendorf_und_Herrenwald

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 10.05.2025 14:32:21 Gelesen: 18272 # 13
Guten Tag, heute ein Brief von Alberts Oma an seine Mama Else, seine Oma wohnte damals in Böttchersdorf, Ostpreußen - heute heißt der Ort wohl Sewskoje. Mit der unendlich wertvollen Hilfe von Emiel habe ich folgendes gelesen: Frau Dipl. Ing. Else Frettlöh Marburg-Lahn Wilh.Roserstr. 45 Böttchersdorf d. 13.3.44 Mein liebes Elschen, Du hast mich wieder so erfreut mit so viel schönen leckern Sachen, dafür danke ich Dir vielmals, kommt Ihr dadurch auch nicht zu kurz? Wie ertragt Ihr beiden nun das Alleinsein, es ist doch die erste Trennung von den Kindern, u. die Kinder selbst, wie ertragen sie es? Beide haben mir zum Geburtstag gratuliert, was mich sehr erfreut hat, Hildchen habe ich ein Päckchen selbst gekochter Bonbons geschickt, ob sie ihr auch schmecken werden! Mit heutiger Post geht auch ein Päckchen mit den Bücher an Dich ab, welche vorgestern hier ankamen, ich habe 2 Bücher davon erwählt, eins mit den An- sichten u. dann das Buch von Hildchen, wie ist es nun mit den beiden Bücher, die Du geschickt hast, sind die fest gekauft, oder werden sie zu rück genommen? Mit einliegendem Geld rangiere doch die Sache, so oder so, jedenfalls schicke nichts zurück ./. Am 19.3. ist nun Evis Einsegnung, Vater wird mit Lotte hinfahren, ich fühle mich nicht mehr kräftig genug, um die Reise u. die damit verbundenen Auf- regungen aus zu halten. Willy ist nach dem Osten gekommen, möge Gott ihm u. uns allen gnädig sein! Am 5.3. ist bei Erich Okreste der 2. Junge Andreas angekommen. Wie Martha Boldt mir schrieb, ist anfangs Januar Bertha gestorben, sie ist nur kurz vor dem Tode ihrer Schwester benachrichtigt auf ihre Bitte um nähere Angaben hat sie keinen Bescheid erhalten. Du wirtschaftest wohl schon tüchtig im Garten, was macht Dein Federvieh u. die Ziege? In dem Päckchen ist ein etwas lila Satin mit etwas ein wenig Stoff als Garnierung gedacht zu einer Kleidschlinge für Dich oder Hildchen reicht es allemal, vielleicht auch zum Kleidchen die heutige Zeit macht uns ja so bescheiden. Nun, liebes Elschen, laß Dir herzlichst gratulieren zu Deinem Geburtstage, möge der liebe Herrgott Euch vor Leid u. Kummer bewahren u. die Kinder gesund heimkehren. Nochmals vielen Dank für all Deine Liebe u. Fürsorge Gott schütze u. behüte Euch Deine Mutter https://de.wikipedia.org/wiki/Sewskoje Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 13.05.2025 12:38:02 Gelesen: 18169 # 14
Guten Tag, an diesem Brief musste ich deutlich länger knobeln als bei den vorherigen, zum einen weil der Bleistift sehr schwach aufgetragen wurde und zum anderen haben sich mir manche Worte nicht erschließen wollen - Dank Emiel sind die Lücken nun gefüllt. Ich zeige den Brief einmal farblich unverfälscht und dann im verstärkten Kontrast. mit verändertem Kontrast: Albert schreibt folgendes: O.V., den 20.3.44 Liebe Eltern! Ich hoffe, es wird nun doch mit einem Urlaub klappen, und daß ich am 2.4. komme. Nur wenn der Batteriechef den Urlaubsschein nicht unterschreibt, müßte ich noch rund eine Woche warten – dies ist natürlich möglich denn bevor er einen Urlaub unterschreibt, sieht er in der Urlaubskartei nach, ob derjenige schon dran ist mit Urlaub. Und da ich doch drei Tage zu früh dran bin, ist es möglich, daß er meinen Urlaub streicht. Am Dienstag nachmittag waren wir im Dorf sammeln zum Tag der deutschen Wehrmacht. Ich hatte 174 Mark gesammelt. Am Abend wurde es dann heiter. Starke feindliche Fliegerverbände nahmen denselben Kurs wie bei dem Angriff vom 22. Oktober. Man rechnete von fest mit einem Angriff und wirklich, schon kamen die Vortrupps, setzten viele rote, grüne, und gelbe Kaskaden, aber der Bombenhagel blieb aus. Wohl fielen einzelne Bomben, davon eine 300m von der Stellung und wir schossen wie verrückt, aber es war doch nur ein Scheinangriff, in Wirklichkeit griffen sie Frankfurt und Wiesbaden an. Gestern am Sonntag gab es eine Erbsensuppe ohne Pudding, weil Tag der deutschen Wehrmacht war. Eben erfahre ich daß drei Mann von meinem Gerät krank sind, es kann also auch die Einsatzbereitschaft ein Grund sein daß ich keinen Urlaub bekomme. Na, hoffen wir das Beste. Viele Grüße Albert. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 14.05.2025 16:34:09 Gelesen: 18102 # 15
Guten Tag, Alberts geplanter Urlaub rückt näher, doch er muß ihn verschieben. Ich habe erneut den Kontrast verstärkt für eine bessere Lesbarkeit O.V., den 23.3 Liebe Eltern! Nun werde ich doch meinen Urlaub verschieben müssen. Denn morgen, wo ich fahren wollte, kommen 30 Luftwaffen= helfer fort zu einer anderen Batterie von meinem Gerät ferner sind 2 Luftwaffenhelfer krank, infolgedessen kann ich morgen nicht fahren, da es wegen der Einsatzbereitschaft nicht geht. Ich werde also wahrscheinlich erst nächste Woche kommen. Euren Brief habe ich erhalten, vielen Dank dafür. Vielen Dank auch für die Marken. Was sagt ihr denn zu der stündlichen Luftlagenmeldung durchs Radio? Sogar uns, die wir doch an der Quelle sitzen, nützt das sehr. Christoph Herwig fährt heute auf Urlaub, der wird diese Karte in Marburg in den Kasten stecken. Na, nun viele Grüße, ich werde sehen, daß ich bald auf Urlaub komme. Euer Albert Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 16.05.2025 04:45:04 Gelesen: 18006 # 16
Guten Morgen, Wunsch und Wirklichkeit - der Urlaub wurde für die ganze Stube gestrichen, somit auch für Albert - er berichtet über die Hintergründe. O.V., den 30.3.44. Liebe Eltern! Gestern erhielt ich Euren Brief vom 24.3. Habt vielen Dank dafür. Also mit Urlaub wird es vorläufig nichts, denn wir Luftwaffenhelfer haben Urlaubssperre, weil einer auf dem Gang unserer nur aus Holz und Pappe bestehenden Großraumbaracke ein großen Haufen Papier angesteckt hatte, und der Chef die hohe Flamme sah. Folge: Urlaubssperre, weil der Täter sich nicht gemeldet hatte. Wir hatten keine Beweise gegen ihn und mußten ihn ziehen lassen, denn er gehört zu denen, die zu einer anderen Batterie versetzt worden waren. Meine Brotmarken sind leider gehen nächsten Donnerstag zu Ende, also vielleicht wäret Ihr so freundlich, mir in dieser Be= ziehung unter die Arme zu greifen, wenn ich Ostern noch hier sein sollte. Wenn es Euch nichts ausmacht, könntet ihr mir vielleicht ein Päckchen mit Plätzchen und Ostereiern schicken. Vielleicht könnte ich auch eine Schachtel Zigaretten bekommen., Zigaretten sind näm= lich hier der begehrteste Tausch- und Radfahrartikel ferner brauchte ich einen Radiergummi und Sicherheits= nadeln. Die Verbände Liebe Mutti, zu Deinem Geburtstag sende ich Dir meine herzlichsten Glückwünsche, ich werde ja ./. nun nicht da sein, aber wir werden ihn dann nachfeiern. Ich muß nun leider schließen, weil feindliche Flieger mir einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Also viele Grüße sendet Euch Euer Albert. N.S. Gesundheitlich geht es mir ausgezeichnet, und die Schule ist auch ziemlich regelmäßig. Wenn ihr mir Marken schickt, bitte nur Brot- und Brötchenmarken, an anderen Fressalien habe ich genug. Den "Radfahrartikel" konnte ich nicht lesen, Emiel hat mir geholfen - besten DANK - und auch die Suche im Netz war in meinen Augen ebenfalls hilfreich, wikipedia schreibt zum Thema "Radfahrtruppen" folgendes: Im Jahr 1936 wurde von der Wehrmacht eine Versuchsabteilung beim I. Armeekorps in Königsberg gebildet. Im Krieg wurden Radfahrer bei den Aufklärungsabteilungen der Infanteriedivisionen des Heeres eingesetzt. Mit zunehmender Motorisierung der Truppe wurde die Mehrzahl der Radfahreinheiten aufgelöst und umgegliedert. Erst mit mangelnden Treibstoffen gegen Kriegsende ab etwa 1944/45 wurden einige Einheiten und Verbände, vor allem des Volkssturms, mit Fahrrädern beweglich gemacht, an denen oft zwei Panzerfäuste an Halterungen zum Transport angebracht wurden. https://de.wikipedia.org/wiki/Radfahrtruppen Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 17.05.2025 07:26:54 Gelesen: 17940 # 17
Guten Tag, offensichtlich hat Albert doch Urlaub bekommen und sich eine Erkältung eingefangen ... Albert schreibt aus Kassel, daher ein veränderter Absender: L.W.H. Frettlöh Krankenrevier Luisenschule Kassel Luisenstraße Kassel, den 13.4.44 Liebe Eltern! Nun bin ich doch auf dem Revier gelandet. Ich war am 10. gut in Obervellmar angekommen, wo man mir alles glaubte und ich weiter keine Schwierigkeiten hatte. Der Sani, bei dem ich mich dort gleich meldete, untersuchte mich, fand aber nichts und ich war voll dienstfähig. Nun hatte ich aber die letzten Nächte noch immer ziemlichen Husten, und als das unser Betreuungswachtmeister hörte – er schläft neben unserer Stube - ordnete er an, daß ich heute früh zum Arzt sollte, der untersuchte mich und schrieb mich erneut krank. Ich zog heute mittag hier ein und fühle mich sehr wohl hier. Das Essen ist besser als in der Stellung, heute abend ./. gab es Bratkartoffeln mit Rührei. Ich liege mit 5 Soldaten und 1 L.W.Helfer auf einer Stube, alle sind hier nett. Ich hoffe, daß ich bald wieder gesund bin, an dem halben Tage, den ich hier liege, ist der Husten schon besser geworden. Nun viele Grüße Albert. Zeigenswert empfinde ich den Tarnstempel aus Kassel Und eine Anmerkung zur Luisenschule in Kassel: Die Luisenschule wurde im Jahr 1855 als Mädchenschule gegründet, benannt nach Louise von Bose. Im Sommer 1943 wurden die oberen Stockwerke der Schule durch Luftangriffe zerstört, im Oktober 1943 wurde der gesamte Dachstuhl vernichtet und die Zimmer im 1. und 2 Stock brannten aus. Im Jahr 1944 war auf dem Gelände ein Krankenrevier aufgebaut. Ab Februar 1949 konnte in ersten Räumen wieder Unterricht stattfinden. Im Mai 1979 beschloss die Gesamtkonferenz die Aufnahme von Jungen in der Luisenschule. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 18.05.2025 12:45:09 Gelesen: 17874 # 18
Guten Tag, Albert ist wieder gesund und zurück in seiner Batterie in Obervellmar. Er schreibt folgendes: O.V., den 25.4.44 Liebe Eltern! Vielen Dank für Euren Brief vom 20.. Ich bin nun vor zwei Tagen aus dem Revier entlassen worden. Am letzten Tag war ich nocheinmal zum Röntgen gegangen, und da nichts los war und der Husten besser war, bekam ich 20 Pillen in die Hand gedrückt und konnte gehen. Mit Erholungsurlaub war es Essig, ich würde nur 5 Tage innendienstkrank geschrieben. Am letzen Tag – es war so schönes Wetter – habe ich einen kleinen Spaziergang auf den Herkules gemacht. H Auch habe ich mir in Bettenhausen die Schäden von dem Tagesangriff angesehen. Fieseler[1] ist ziemlich kaputt, die Flugmotorenfabrik in Altenbauna ist kaum getroffen. Wir in der Luisenschule hatten von dem Angriff kaum was gemerkt. Wir hörten nur ein fernes Wummern und das Licht ging einmal aus. Auch nachher ging es in der Stadt ganz ruhig zu und man merkte garnicht, daß es einen Angriff gesetzt hatte. In letzter Zeit werden wir fast nur durch einzelne Maschinen behelligt, von denen die meisten Jäger sind. Bis gestern hatten wir das schönste Wetter hier. Seit gestern abend regnet es in einem fort. Kartons In der letzten Zeit gab es hier öfters Bratfisch. Heute gab es zwei große Kästen Keks. Wo Wo Morgen müssen wir die Winterbekleidung (Handschuhe, Kopfschützer, 1 Paar Strümpfe und eine Decke) abgeben. Meiner Ansicht nach ist das zu früh, na ja, es wird schon gehen. Ihr schreibt mir, ich sollte dem Walter mal eine Karte schicken, aber ich kenne doch gar nicht seine Adresse. Das eine von den drei Päckchen war gleich nach Ostern angekommen. Bei den beiden anderen hatte ich jegliche Hoffnung verloren. Um so größer war meine Freude, als ich sie gestern beide bekam, um so mehr, da ich meine Plätzchen usw. im Revier aufgegessen hatte. Im Revier bekamen wir dasselbe Essen wir in der Batterie, nur daß wir ab und zu eine Schnitte Weißbrot bekamen. Ich muß nun leider schließen, da gleich Stubendurchgang ist, also viele Grüße und Küsse Euer Albert. N.S. Wolfgang Naumann ist gestern als H.J.Bonze nach Marburg entlassen worden. Der hat Schwein. Viele Grüße Olaf [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard-Fieseler-Werke, dort steht unter anderem: Am 19. April 1944 wurden die wieder instandgesetzten Fieseler-Werke erneut durch Bombenangriffe der USAAF beschädigt.
DERMZ Am: 19.05.2025 21:03:11 Gelesen: 17765 # 19
Guten Abend, der Mai ist gekommen, die Fliegeralarme werden weniger - ob es ein gutes Zeichen ist/war? Albert schrieb am 3. Mai von Obervellmar an seine Eltern: O.V., den 3.5.44 Liebe Eltern! Habt Ihr meinen letzten Brief erhalten, wo ich Euch meine Entlassung aus dem Revier mitteilte? Mir geht es augenblicklich ausgezeichnet, der Husten ist lange weg und sonst fehlt mir auch nichts. Am Sonntag hatten wir Arbeitsdienst [Schippen], dafür hatten wir am Montag [1. Mai] Feiertag, morgens Feier mit allem Klim-bim; nachmittags Fußballspiel gegen eine andere Batterie, wir waren natürlich Sieger, und abends Batteriefest, sprich Sauferei. Wir Luftwaffenhelfer durften nicht mitmachen, weil wir noch keinen Alkohol genießen dürfen. Die Fliegeralarme sind in der letzten Zeit recht selten, uns ist das nur recht. In der letzten Zeit gibt es oft Bratfisch, der auch ganz gut schmeckt. Mit Urlaub bin ich eigentlich am 15. dran, aber ob ich dann wegkomme, ist so eine Sache. An unserem Gerät sind die Leute furchtbar knapp, und nun ist gestern Richard Krafft 3 Wochen weg zum Segelfliegerlehrgang, da ist es nun ganz übel. Na ja, es wird schon gehen. Hier ist augenblicklich richtiges Aprilwetter, mal Regen, mal Sonnenschein und ziemlicher Wind. Man hört hier viel von der Invasion reden und die meisten glauben auch daran. Man nimmt an, daß mit der Invasion im Westen, Großoffensiven in Rußland und Italien gestartet werden, dazu ein unerhörtes Anschwellen des Luftkrieges. Aber es wird auch fest damit gerechnet, daß alle Angriffe abgewiesen werden und wir im Gegenschlag nach England übersetzen werden. Viele Grüße Albert. Als der Brief verschlossen war, ergänzte Albert noch: N.S. Liebe Eltern! Eben erhielt ich den Brief vom 27. Vielen Dank dafür und Mutti ich wünsche Dir gute Besserung. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 20.05.2025 13:06:05 Gelesen: 17724 # 20
Guten Tag, Albert hat sich erneut krank gemeldet und ist wieder im Krankenrevier in der Luisenschule in Kassel. er schreibt dazu: L.W.H. Frettlöh Kassel Luisenstr. Krankenrevier Luisenschule Kassel, den 8.5.44 Liebe Eltern! Nochmals vielen Dank für den letzten Brief von Mutti. Mit mir ist wieder allerlei los. Nachdem ich mich davor frisch wie ein Fisch im Wasser gefühlt hatte, hatte ich seit zwei Tagen, wohl durch das schlechte Wetter Halsschmerzen und gestern abend sogar ein wenig Fieber. Ich ging darauf zum Sani, der mich heute morgen mit aufs Revier nahm. Der Arzt Mandel stellte auf den ersten Blick Halsentzündung fest und ich durfte im Revier bleiben. Hier werde ich mit Pillen, Halsmitteln und Gurgeln mit Kamillentee behandelt. Ich freue mich durchaus, daß ich jetzt im Revier bleibe, denn erstens bekomme ich sicherlich Erholungsurlaub, weil ich auch erst vor zwei Wochen im Revier lag, und zweitens war es bei dem schlechten Wetter in der Batterie nicht sehr gemütlich. Mit Essen bin ich gut versorgt, denn erst am Sonnabend hatte ich in Obervellmar das letzte mit der Karte gekauft, unter anderem 1 Glas Himbeerkonfitüre. Na viele Grüße und macht Euch keine Sorgen. Euer Albert An den Stellen, wo leider eine geteilte Briefmarke über dem Text klebt, habe ich die Worte - meines Erachtens - durch Sinnvolle Worte ergänzt - ich habe diese im Fettdruck dargestellt. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 21.05.2025 17:30:38 Gelesen: 17543 # 21
Guten Tag Albert liegt immer noch im Krankenrevier, aber er ist schon wieder fast gesund... Kassel, den 10.5.44 Liebe Eltern! Heute erhielt ich Papa's Brief vom 5. Vielen Dank dafür. Einerseits ist es ja nicht schön für Hilde krank zu sein aber andererseits wird sie wohl einige schöne Urlaubstage rausschlagen können. Wünscht Ihr bitte gute Besserung und hoffentlich bist Du liebe Mutti auch bald ganz gesund. Es klingt fast wie eine Ironie des Schicksals, wenn in dem oben genannte Brief steht, ich solle mich vor Erkältungen hüten, und ich liege schon längst wieder im Revier. Na mir geht’s Gott sei Dank wieder besser, die Halsschmerzen sind fast weg und ich hatte heute morgen 36° und heute nachmittag 36.1°. Na hoffentlich komme ich bald wieder hinaus. In den letzten Tagen treiben die Eng= länder eine tolle Aufklärungstätigkeit. Gestern z.B. - es war den ganzen Morgen kein Voralarm, geschweige den Fliegeralarm – schoß die schwere Flak hier viel mehr als bei irgendeinem Fliegeralarm, und zwar auf 1= und 2motorige Aufklärer des Feindes. Unter anderem schoß eine 10,5 Batterie in Niedervellmar fast ununterbrochen 15 Minuten auf eine Spitfire, die in 11500m Höhe [außer Reichweite der 8,8Flak] dauernd ihre Kreise über Kassel zog, ohne sich um das schlechtsitzende 10.5=feuer zu kümmern. Naja, kein Wunder bei der Höhe. Zum Schluß nochmals gute Besserung an alle und viele Grüße auch an Hilde Albert ... eine 10,5er meint wohl eine 10,5cm Flak 39 Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 23.05.2025 04:56:09 Gelesen: 17452 # 22
Guten Morgen Albert ist wieder zurück in seiner Batterie und hatte wohl Besuch von seinem Vater ... O.V., den 22.5.44. Liebe Eltern! Nun bin ich schon wieder zwei Tage hier und habe mich ordentlich eingelebt. Während heute und gestern am Tage feindliche Jagdverbände eingeflogen waren, wurden in der letzten Nacht Bomben auf Duisburg, Dortmund, Essen, Oberhausen, Aachen und Hannover. Wir waren auch draußen und durften heute morgen länger schlafen. Dadurch hatten wir heute auch nur 1 Stunde Unterricht [deutsch]. Bist Du gut nach Hause gekommen, Papa, und hast Du Anschluß gehabt. In den Zügen ist jetzt immer der erste Wagen leer und abgeschlossen, „Schutzwagen“ steht daran, weil die Tiefflieger immer den Anfang des Zuges beschießen, um die Lokomotive zu treffen. Gestern gab es prima Essen. Gestern Mittag Pudding mit Rhabarber, abends Drops und 2 Apfelsinen, 80gr. Mettwurst und nicht ranzige Butter. Heute wieder Butter, 1 Schachtel Keks und eine Apfelsine. Morgen soll es 2 Rollen Drops geben. Na ja, ich will jetzt schließen, man hat ja nach so kurzer Zeit nicht viel zu berichten. Im übrigen kann ich die Hosenträger gut gebrauchen, die anderen waren doch furchtbar klein. Nun viele Grüße auch an Hilde Euer Albert. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 24.05.2025 12:47:49 Gelesen: 17260 # 23
Guten Tag, noch ist es hier etwas zu frisch fürs Baden im Freibad, im Juni 1944 wurde in Obervellmar schon draußen gebadet... Den mit Bleistift geschriebenen Text stelle ich dieses Mal kursiv dar... O.V., den 1.6.44. Liebe Eltern! Endlich komme ich dazu Euch zu schreiben. Wir hatten die letzte Zeit furchtbar viel zu tun. Dauernd Arbeits= dienst und Vorbereitung zur Besichtigung, die jetzt statt= finden sollte. Nun ist diese aber verschoben worden, und bis zu ihr ist in ganz Kassel Urlaubssperre, das heisst, vor dem 25.6 ist bei mir nicht mit Urlaub zu rechnen. Pfingsten hatten wir furchtbar viel Feuerbereitschaft, verbunden mit wunderschönem Wetter. Jetzt wo das Wetter wieder schlecht geworden ist, haben wir mehrere Tage völlige Ruhe gehabt. Das Essen hat sich in letzter Zeit sehr gebessert und wir sind äußerst zufrieden damit. Am ersten Pfingsttag kamen hier viele feindliche Jäger rüber. Wir schossen ordentlich. Ich machte Richtmann und konnte die Feindtmaschinen alle prima sehen. Ich fühle mich augenblicklich ausgezeichnet. Wo die Tage hier so Schön waren, haben wir schon gebadet hier in dem Bad dicht bei der Stellung. Sonst war befohlener Dienstanzug Turnzeug. Ich muss leider schließen da gleich Zapfenstreich ist. Viele Grüße auch an Hilde Euer Albert N.S.: Ich komme wahrscheinlich erst 25.Juni 16 Tage. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 25.05.2025 14:39:56 Gelesen: 17178 # 24
Guten Tag,

im Juni 1944 gab es in Obervellmar wohl üppig viele Kirschen, wie Albert berichtet ...



O.V., den 4.6.44.
Liebe Eltern!
Heute am Sonntag komme ich endlich dazu Euch einen längeren Brief zu
schreiben. Es ist jetzt am Nachmittag die Sonne durchgekommen und ganz schön
geworden. Draußen ist alles grüner. Wir leben hier richtig auf dem Lande,
auf der einen Seite Getreidefelder – ja es ist sogar so, dass zwischen den einzelnen
Geschützen Getreidestreifen liegen – auf der anderen Seite der hohe mit
Bäumen und Strauchwerk bestandene hohe Bahndamm. Seit einer Woche ist
keine Feuerbereitschaft gewesen heute nacht als Ludwigshafen angegriffen wurde,
hatten wir nur Alarmbereitschaft. Um das Essen brauchen wir uns augen=
blicklich keine Sorge zu machen. Es gibt genug, und man hat immer
was übrig, das liegt wohl aber auch daran, dass man bei der Hitze nicht
soviel ißt. Wir haben jetzt sogar Radio in unserer Stube, zwar sind wir
ganz auf unseren Nachbarn (Betreuungswachtmeister Dobberkau) angewiesen,
denn wir haben an dessen Apparat einen alten Lautsprecher aus einem Klein=
empfänger angeschlossen. Aber trotzdem haben wir tadellosen Empfang. Was
machen denn die Kirschen und Erdbeeren in Marburg, ich werde wahrscheinlich
erst Ende Juli 16 Tage bekommen, aber dazwischen noch einmal 4 Tage.
Im übrigen stehen halb verborgen am Bahndamm hinter unserer Kantine
auch ein paar Kirschbäume die ziemlich gut angesetzt haben. Der Dienst
war in der letzten Woche ziemlich scharf und wird es die nächsten zwei Wochen
auch bleiben, weil eine Besichtigung stattfinden soll, durch den kommandierenden
General [1] im Luftgau. Wie geht es denn Hilde, fährt sie nun jeden Tag nach Damm. [2]
Hier zur Flak kommen immer mehr Luftwaffenhelferinnen, mit ihrem
Urlaub ist es viel besser, als mit unserem. Einheimische haben 3 Tage Dienst
und 1½ Tage Urlaub. Mit der Schule ist es sehr unregelmäßig in letzter
Zeit. Z.B. war unserem Mathematiklehrer einmal gesagt worden, es
wäre AlarmbVoralarm in der Nacht gewesen, und er kam 2 Stunden
später. In Wirklichkeit hatten wir die Nacht ungestört geschlafen.
Dieser selbe Lehrer ist auch der unbeliebteste Lehrer. In der letzten Stunde
nahm einer ihm das Notenbuch vom Tisch und versteckte es. Er wurde
furchtbar wütend und lief zum Spieß. Folge: Benachrichtigung der
Eltern des selben Übeltäters. Ich will jetzt schließen, denn ich weiß
nichts bedeutendes mehr mitzuteilen. Viele Grüsse auch an Hilde
Euer Albert
N.S.: Ich habe seit ich wieder hier bin keine Post von Euch bekommen.
Es liegt doch hoffentlich an der schlechten Zustellung.

[1] Kommandierender General im Luftgau Kommando Münster war ab 1. Januar 1944 Generalleutnant Ernst Dörffler
Quelle: https://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Gliederungen/Luftgaue/Luftgau6.htm

[2] Für mich kommen im Raum Marburg zwei Orte in Betracht, die Albert mit "Damm" meinen könnte, zum einen wäre es die Dammühle in Wehrshausen, das sind knapp 6km, bergauf und bergab, einen organisierten Nahverkehr gab es 1944 in den ländlichen Raum meines Wissens nach nicht - Hilde hat eventuell ein Fahrrad genutzt.
Zum Anderen könnte es sich um den Ort Damm bei Lohra handeln, etwas weiter entfernt, aber durchaus denkbar, daß sie mit dem Zug gefahren sein könnte - Marburg Hbf - Niederwalgern - Lohra, vom Bahnhof nach Damm sind es dann nochmals knapp 2 km Fußweg.

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 26.05.2025 15:08:46 Gelesen: 17088 # 25
Guten Tag, Albert und seine Kameraden sind von den aktuellen Ereignissen absolut ergriffen ... Albert schrieb folgendes: O.V., den 6.6.44. Liebe Eltern! Das Datum das oben am Kopf dieses Briefes steht, wird sicherlich eins der denkwürdigsten dieses Krieges sein. Wie eine Bombe schlug bei uns der Beginn der Invasion ein. Wie wir die Nachricht hörten, tobten und schrien wir wie die Irren, als ob wir einen großen Sieg errungen hätten. Aber es war es wohl die Erlösung nach dem langen Warten. Wir sind hier alle fest davon überzeugt, daß es eine richtige Schlappe für die Gegner wird. Da damit gerechnet wurde, daß mit der Invasion der Gaskrieg kommen würde, müssen wir jetzt dauernd mit Gasmaske rumlaufen. Außerdem müssen dauernd Luftwaffen= helfer Flugmelder stellen. Was mich gewundert hat, ist daß wir heute und die letzten Tage Ruhe vor den Fliegern hatten, wo doch gerade immer gesagt wurde, mit der Invasion werde eine gewaltige Luftoffensive gegen Deutschland kommen. Nur ins Rheinland und die besetzten Westgebiete kamen sie in den letzten Tagen, und zwar griffen sie, wie auch in der Zeitung stand, hauptsächlich Verkehrs= einrichtungen an. Eben erhielt ich Papa's lieben Brief vom 24.5.. Vielen herzlichen Dank dafür. Nun zum Schluß viele Grüße auch an Hilde Euer Albert. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 27.05.2025 18:32:34 Gelesen: 16986 # 26
Guten Tag, Tag drei der Invasion und offensichtlich entwickelt es sich nicht ganz so, wie Albert es sich gedacht bzw. gewünscht hat ... Mit Emiels wertvoller Hilfe entstand folgender Karteninhalt: O.V., den 8.6.44. Liebe Eltern! Nun läuft die Invasion schon den dritten Tag und der Feind hat, wie wir hörten an einer Stelle in breiter Front festen Fuß gefaßt. Hierüber sind hier die Meinungen verschieden. Verschiedene meinen, wir ließen ihn absichtlich tief ins Land, damit wir ihn dann umso besser schlagen könnten. Ich glaube dies aber nicht, vielmehr sind wir mit aller Kraft bedacht den Feind so schnell wie möglich wieder hinauszuschmeißen; denn bestimmt landet er auch an anderen Stellen, vielleicht sogar in Norwegen, und dann ist es gut wenn wir wieder die Reserven frei haben. Wir haben augenblicklich keine Möglichkeit auf Urlaub zu kommen, aber ich hoffe doch, daß wenn ich dran bin, es wieder geht. Etwas gutes hat doch die Invasion für die Heimat: die Terrorangriffe haben fast ganz ./. aufgehört, weil wohl die Flugzeuge an der Kanalküste gebraucht werden. Wir wußten das auch: seit mehreren Tagen brauchten wir raus(?): Nun zum Schluß viele Grüße auch an Hilde Euer Albert Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 28.05.2025 13:47:41 Gelesen: 16937 # 27
Guten Tag, Albert hat die Gelegenheit genutzt und seine Post einer Bekannten nach Marburg mitgegeben ... im Adressbuch von Marburg 1938 und 1950 ist eine Elli Börsch, wohnhaft in der Wilhelmstraße 18 bzw. 28, gelistet, sie ist Pfarrerswitwe O.V., den 11.6.44. Liebe Eltern! Vielen Dank für Euren Brief vom 6. dieses Monats, man ist doch immer hier sehr erfreut, wenn Post von zu Hause kommt. Ich bekomme zwar fast jeden Tag eine Zeitung, und die wird mir merkwürdigerweise schneller zugestellt, als die Briefe, aber die letzteren stehen einem doch viel näher. Während in anderen Batterien die Urlaubssperre, die durch die Invasion hervorgerufen, wieder aufgehoben wurde, besteht sie bei uns immer noch und wird wohl bis zur Besichtigung in einer Woche bleiben. Im übrigen löste die Invasion hier in Kassel allerlei Maßnahmen aus. Z.B. war in Kassel Telefonsperre, wir hatten Gas= bereitschaft, aber die Engländer schienen doch nicht mit Gas angefangen zu haben. Heute ist Frau Börsch hierher ge= kommen, sie sagte, sie hätte gern mir ein Päckchen mitgebracht, aber leider hätte sie vergessen Euch zu benachrichtigen, dafür nimmt sie diesen Brief mit. Hilde scheint es ja in Damm ganz gut getroffen zu haben. Wenigstens ist sie doch Sonntags zu Hause. Ich muß jetzt leider schließen. Viele Grüße besonders auch an Hilde sendet Euch Euer Albert. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 29.05.2025 21:04:18 Gelesen: 16832 # 28
Guten Abend

Albert schreibt fleissig ...





O.V., den 12.6.44.
Liebe Eltern!
Da wir heute nacht Feuerbereitschaft hatten, und auch Vor-
alarm in Kassel war, sind unsere Lehrer heute morgen
nicht gekommen, und ich habe Zeit Euch zu schreiben. Wir
haben jetzt wieder fast jede Nacht Feuerbereitschaft, da der
Feind uns jetzt wieder mit Störflugzeugen behelligt. Dagegen
ist am Tag völlige Ruhe, die aber wieder durch scharfe
Ausbildung ausgeglichen wird, denn in einer Woche soll
die Besichtigung der Batterie steigen. Die Urlaubssperre
wird hoffentlich bald aufgehoben werden und in 14 Tagen
werde ich wohl 4 Tage bekommen. Meine 16 Tage werde
ich voraussichtlich am 24. Juli bekommen. Es freut mich
daß ihr jetzt mit Marken gut bestellt seid, aber ich brauche
wirklich nichts. Ich habe selbst noch Marken, und außer=
dem muß ich darauf bedacht sein, meine Vorräte zu
verzehren, die ich noch aus der heißen Zeit, wo man wenig
aß, besitze. Dazu gab es in der Batterie in der letzten
Zeit sehr reichlich. Durst zu leiden brauche ich auch nicht,

./.

wir können nämlich hier jeden Tag genug Buttermilch
kaufen, den Liter zu 10 Pfennig. Es ist nur so schade, daß
jetzt so schlechtes Wetter ist. Der Himmel ist dauernd bedeckt
und am Tag regnet es dreimal; schönes Wetter wäre
mir lieber. Wir haben wieder Päckchenmarken bekommen,
ich bringe sie im nächsten Urlaub mit. Wir haben vorigen
Dienstag eine Lateinarbeit geschrieben. Ich habe alles
verstanden, aber einige Fehler sind wohl doch drin. Na,
morgen bekommen wir sie wieder, da werde ich ja sehen,
was ich mir zurechtgemacht habe. In Deutsch lesen wir augen-
blicklich Minna von Barnhelm *, es ist nicht gerade kurzweilig.
In Geschichte und Erdkunde wird augenblicklich geprüft für
das Versetzungszeugnis, das heißt, versetzt wird wohl jeder
werden, es handelt sich also nur um die Noten. In Mathematik
treiben wir analytische Geometrie, es fällt mir sehr leicht,
wir haben sich sie ja auch schon in Marburg durchgenommen.
Heute Nachmittag fahre ich noch Post nach Kassel, weil
ich Paßbilder machen lassen muß für meinen Personal=
ausweis. Zum Schluß viele Grüße besonders auch an Hilde
Euer Albert

* „Minna von Barnhelm“ oder „Das Soldatenglück“ ist ein Lustspiel in fünf Aufzügen von Gotthold Ephraim Lessing, aber das sollt je eigentlich bekannt sein


Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 02.06.2025 08:29:50 Gelesen: 16696 # 29
Guten Tag, Albert hat viel zu tun, darum schreibt er dieses Mal "nur" eine kurze Karte O.V., den 15.6.44. Liebe Eltern! Heute erhielt ich Eure lieben Briefe vom 9., 11. und 12. dieses Monats und ich danke Euch herzlich dafür. Ich selbst kann Euch leider nur eine Karte schreiben, da ich w wir aus bestimmten Gründen sehr wenig Zeit haben. Für die Marken danke ich Euch sehr, ich will äußerst sparsam damit um= gehen. Im übrigen hoffe ich Ende nächster Woche auf Urlaub zu kommen. Hier heißt es ebenfalls, daß im Juli Jahrgang 1927 entlassen würde und Lehrlinge von 1928 dafür kämen, während Jahrgang 1929 [Schüler] überhaupt nicht kommen würde. Na vielleicht brauchen sie bald überhaupt keine Luft= waffenhelfer mehr, und können den größten Teil der Heimatflak an die Front bringen. Ich glaube, daß wir nicht, wenn wir die Invasionsarmee ins Meer ./. geworfen haben, an der Küste stehen bleiben. Die Namen Rommel [1] und Rundstedt [2] bürgen dafür, daß die Sache nicht schief geht. Zum Schluß viele Grüße besonders auch an Hilde sendet Euch Euer Albert. N.S. Ich schreibe bald einen längeren Brief [1] Johannes Erwin Eugen Rommel (1891-14.Oktober 1944), Generalfeldmarschall [2] Karl Rudof Gerd von Rundstedt (1875-1953), Generalfeldmarschall Bemerkenswert erscheint mir, daß Albert erstmals als Absender "Luftwaffenhelfer" ausschreibt und nicht abkürzt Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 03.06.2025 04:10:56 Gelesen: 16655 # 30
Guten Morgen, Albert musste seinen Brief unterbrechen und beendete ihn erst zwei Tage später - sein Urlaub ist nach wie vor in weiter Ferne ... O.V., den 17.6.44. Liebe Eltern! Eben erhielt ich Euren lieben Brief vom 14., und ich übermittle Euch meinen herzlichsten Dank dafür. Also in der Lateinarbeit habe ich eine drei, ich habe mir zwei eigentliche Fehler und ein paar schlechte Ausdrücke. In Geschichte werde ich jetzt im Versetzungszeugnis wahrscheinlich befriedigend bekommen und in Erd= kunde gut. Unser Deutschlehrer ist sehr streng und genau, während sein Unterricht unklar und wenig verständlich geführt wird. Deshalb glaube ich bei ihm nicht über eine Vier zu kommen, was wohl die Note sämtlicher Marburger sein wird. Was ich in Latein, Griechisch, Mathematik, Physik und Chemie bekommen werde, das kann ich wirklich nicht sagen. Ich muß jetzt unterbrechen, weil wir zum Gemeinschaftsempfang von Fritsche [1] in die Kantine müssen. Vielleicht handelt es von den Raketenflugzeugen und wird sehr interessant werden. den 19.6.44 Nun war ich doch nicht dazu gekommen, den Brief fortzusetzen. Heute sollte nämlich die Besichtigung durch den General stattfinden, und da wurde gestern am Sonntag Dienst bis dorthinaus gemacht. Nun ist die Besichtigung verschoben und soll Donnerstag stattfinden, was uns garnicht recht ist, denn jetzt geht der Rummel bis dahin weiter. Na ja, auf Urlaub werde ich ja doch nicht kommen, denn nach einem grundsätzlichen Befehl des Führers ist für die gesamte Wehrmacht Urlaubssperre, einerseits wegen der Invasion, andererseits weil die Bahn ent= lastet werden soll. Deshalb ist bei uns Ausgang nach Kassel erlaubt. Die Reichsbahn hat doch bei den Tieffliegerangriffen allerlei an Lokomotiven und Wagen verloren, man sieht hier öfters zusammengeschossene Lokomotiven vorbeikommen. Na nun hat ja die Vergeltung begonnen und wird ihnen hoffentlich den Luftkrieg verleiden und vielleicht sogar friedenswillig machen. In Süddeutschland sind ja die Luftwaffenhelfer mancher Orte zeitweilig nach Hause entlassen worden, vielleicht geht es dann uns auch so. Das wäre doch eine feine Sache: wir kommen nach Hause, und die Batterien mit den Landheer an die Front. Zum Glück hat uns jetzt die Invasion und vielleicht auch die Vergeltung die feindlichen Flieger fast ganz vom Hals gehalten, es sind kaum noch Einflüge, und wenn es wirklich mal „Verbände“ heißt, so sind es doch gegen frühere Einsätze verhältnismäßig wenig Maschinen. Ich sehe jetzt, daß der erste Teil dieses Briefes furchtbar schlecht geschrieben ist, entschuldigt dies bitte. Zum Schluß viele Grüße besonders auch an Hilde Euer Albert [1] Wer Fritsche war, ist mir nicht bekannt, eine Möglichkeit wäre August Franz Anton Hans Fritzsche (1900-1953), er war seit November 1942 Leiter der Rundfunkabteilung des Propagandaministeriums und Generalbevollmächtigter für die politische Organisation des Großdeutschen Rundfunks.. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Fritzsch Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 05.06.2025 03:39:22 Gelesen: 16471 # 31
Guten Morgen, die lange angekündigte und mehrfach verschobene Besichtigung hat nun stattgefunden, man merkt die Erleichterung bei Albert an ... Der Kontrast auf der zweiten Seite wurde für eine bessere Lesbarkeit erneut verändert. O.V., den 22.6.44. Liebe Eltern! Heute erhielt ich Euren lieben Brief vom 18. und danke Euch herzlich dafür. Für uns ist jetzt eine ganz ruhige Zeit angebrochen, denn heute mittag hat nun die lange Zeit vorher angesagte Besichtigung stattgefunden. Zu dieser war sogar der komman- dierende General [1] des Luftgau Münsters gekommen, aber es hat alles ganz prima geklappt und wir wurden sehr gelobt. Die Folge ist natürlich, das wir jetzt unsere Sohle schieben können. Es ist nur schade, daß wegen der Belastung der Bahn Urlaubssperre ist. Dafür können jetzt auch Marburger Ausgang nach Kassel nehmen, und ich werde voraussichtlich Sonnabend nach Kassel ins Theater oder Kino fahren und ein bißchen spazieren gehen. Allerdings wird dabei mein Geld zur Neige gehen, aber ich werde mich schon einrichten. Wenn ich will, kann ich dies jede Woche einmal tun. Mit Marken bin ich jetzt gut gestellt, wir haben von der Batterie 1800gr Brötchenmarken be= kommen. Auch die kalte Verpflegung ist besser geworden. Zum Schluß viele Grüße besonders auch and Hilde sendet Euch Euer Albert [1] Kommandierender General im Luftgau Kommando Münster war ab 1. Januar 1944 Generalleutnant Ernst Dörffler Quelle: https://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Gliederungen/Luftgaue/Luftgau6.htm Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 06.06.2025 01:58:26 Gelesen: 16355 # 32
Guten Morgen, Albert schreibt mal wieder seiner Schwester Hilde einen ausführlicheren Brief, ich habe allerdings Zweifel, ob der Umschlag, in dem ich den Brief fand, auch wirklich zu diesem Brief dazu gehört, die Absenderangabe macht mich stutzig, der Poststempel wurde durch das Entfernen der Marken ebenfalls unkenntlich gemacht ... Die Absendeadresse lautet: Lw.Obh. Frettlöh L30330 Luftgaupostamt Unna/i. Westf. O.V., den 23.6.44. Liebe Hilde! Eben erhielt ich Deinen Brief vom 19. dieses Monats, und ich sende Dir meinen herzlichsten Dank dafür. Für uns Luft= waffenhelfer ist es immer der schönste Augenblick des Tages, wenn die Post ausgeteilt wird, und man wieder einen Gruß von zu Hause bekommen hat. Deshalb schreibt mir nur recht oft, an Antwort soll es nicht fehlen. Also ich will das mit der Bescheinigung wegen der Uhr versuchen, habe aber nicht viel Hoffnung, ob die auf der Schreibstube das so ohne Weiteres tun, denn so dringend brauche ich ja die Uhr hier nicht. Im übrigen stellst Du Dir ja unsere Batterie reichlich komisch vor, wenn Du denkst, daß ich wegen so einer Kleinigkeit [in den Augen der Vorgesetzten] gleich zum Chef laufen sollte. So etwas macht vielleicht der Spieß oder sonst einer. Du schreibst, daß Erdbeeren und Kirschen nicht reifen wollen, na es wird wohl bald werden. Die letzten Tage waren doch ganz schön, und gestern sah ich in einem Garten hier schon reife Erdbeeren; und so bald werde ich nicht auf Urlaub kommen. Es ist nur schade, daß durch diese Urlaubssperre auch mein 16-Tage Urlaub verschoben wird. Wie ich hörte, ist in Allendorf fast keine schwere Flak mehr, Erwin Mittelsten Scheid[1] ist ja auch in Dortmund, aber ebenso kann es auch uns blühen, daß wir irgendwohin versetzt werden. Ich lege dem Brief zwei Bilder bei, ich habe sie knipsen lassen, weil ich für meinen Ausweis dringend eins brauchte. Nachdem ich zweimal vergeblich nach Kassel gefahren war, kam ich dann beim dritten Mal unter furchtbarem Gedränge zum fotografieren dran. Es gibt nämlich in Kassel nur ./. ein einziges Fotogeschäft, daß Paßbilder macht. Ich habe neun Stück machen lassen, aber besonders sind sie nicht ge= worden. Ich lege 4 Päckchenmarken noch bei, die kommen mir sonst noch weg wie die letzten zwei. Ich habe mir heute von meinen Kameraden 5 Brötchen und 40gr. Butter mitbringen lassen. [1] Im Adressbuch Marburg von 1938 ist ein Dr. phil. Friedrich Mittelsten-Scheid, Wilhelm-Roser-Straße 42 aufgeführt Der Brief endet unvermittelt ohne Grußformel - möglich, daß Albert diesen selbst mit nach Hause genommen hat, denn im nächsten Brief schreibt er, daß er von seinem Urlaub zu Hause wieder zurück in der Batterie sei... dieses könnte auch den "falschen" Umschlag erklären ... Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 07.06.2025 04:22:40 Gelesen: 16243 # 33
Guten Morgen, Albert war wohl kurz daheim in Marburg auf "Kurzurlaub", nun ist er zurück in seiner Stellung. O.V., den 30.6.44. Liebe Eltern! Heute fährt Richard Krafft auf Urlaub und er wird diesen Brief mitnehmen. Ich habe mich nun wieder einge= lebt, denke aber schon wieder an den nächsten Urlaub, der hoffentlich 16 Tage dauert. Gestern bei dem schönen Wetter hatten wir den ganzen Vormittag Feuerbereit= schaft. Nördlich von uns flogen viele Fortreßverbände vor= bei und wir konnten sie prima im Glas sehen. Außer= dem kamen bei uns feindliche Jäger vorbei herüber und wir haben sie auch beschossen, allerdings ohne sicht= baren Erfolg. Nun hat sich über Nacht das Wetter ge= ändert, und es regnet heute früh an einer Tour. Gestern mittag bekamen wir einen Teller Kirschen, und sonst ist auch die Verpflegung gut. Liebe Mutti, wie geht es denn Dir, ich wünsche jedenfalls gute Besserung und wünsche hoffe, daß es Dir bald nicht mehr an der Gesundheit fehlt. Zum Schluß viele Grüße besonders auch an Hilde sendet Euch Euer Albert. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 08.06.2025 12:49:40 Gelesen: 16116 # 34
Guten Tag, es ist geschehen, ich habe einen "Nachzügler" entdeckt, der sich bis anhin erfolgreich gegen eine Veröffentlichung versteckt hielt - ein Brief aus dem Februar 1944, ich bitte die Leser, diesen entsprechend in der Sequenz zu lesen. Dank Emiel konnten auch hier wieder die letzten Leselücken geschlossen werden - DANKE Emiel! O.V., den 5.2.44. Liebe Eltern! Vielen Dank für Euren Brief vom 1. dieses Monats, er hat mich sehr gefreut, besonders die Aussicht auf Plätzchen und Äpfel. Hoffentlich kommt der Schlafanzug gut an. Sagt mal in Frankfurt muß es doch schlimm aussehen, vor ein paar Tagen war doch wieder ein Angriff am Tage. Wie hat den Hilde ihr Abitur bestanden, ich habe dauernd den Daumen gedrückt. Nun bin infolge feindlicher Flieger nicht dazu gekommen, gestern den Brief fortzusetzen. Ich will es also heute [Sonntag nachmittag] tun. Entschuldigt bitte die schlechte Schrift, denn ich komme eben von der einer Übung und meine Finger sind sehr klamm. Ich danke Euch vielmals, daß Ihr die Zeitung bestellt habt, ich bekomme sie bereits seit einigen Zeit Tagen, auch zur Freude meiner anderen Klassenkameraden hier. Es ist in den letzten Tagen erheblich kälter geworden. Es schneit öfters und die Wassertonnen sind jeden Morgen zuge= froren. Gestern nachmittag war der wöchentliche Stuben= durchgang mit Spindappell. Ich bin dadurch aufgefallen, daß mein Kamm zu sauber war, er wurde vom Spieß ganz glatt als Apellkamm angesprochen. Sonst war alles in Ordnung. Am Freitag waren wir zum Duschen in der Schule von Obervellmar, diese Generalreinigung tat wirklich nötig. ./. Bei dieser Gelegenheit habe ich meine letzten Brötchen gekauft. Würdet Ihr vielleicht bitte mir ein paar Brötchenmarken schicken, ihr könntet sie ja bei Seip gegen Wehrmachtsmarken umtauschen. Also jetzt eine vertrauliche Mitteilung. Morgen beginnt unser Schulunterricht und zwar soll Morgen Latein sein. Jetzt hört endlich der morgendliche Infanteriedienst auf und das sture Herumhocken auf mit dem Zuhören von irgendeinem Unteroffizier Vortrag z.B. „Vorgesetzten= verhältnisse der L.W.H. Oder sonst so ein blödes Thema. Na ja, das hört ja jetzt zum Glück auf. An meinem Gerät bin ich noch immer nicht ein- gesetzt, aber das ist ja bei einer so lahmen Aus= bildung und einem so uninteressiertem Uffz. kein Wunder. Das einzige Gute ist dabei, daß ich bei Feuerbereitschaft nicht nach oben brauche. Das Essen ist Die Bewunderung für das Essen, die ich in den ersten Tagen sagte, ist langsam abge= flaut. Aufstrich ist ziemlich knapp. Einmal fehlt Fett, einmal Wurst und Käse, manchmals beides. Aber einmal Wurst und Käse manches ist erfreulich. Gestern gabs für jeden 1kg Äpfel, wenn auch nicht besonders gut, heute Drops und Pudding. Nun viele Grüße Euer Albert Ebenfalls war in dem Umschlag ein weiterer "kleinerer" Brief von Albert an Papa enthalten: O.V. Den 6.2.44 Lieber Papa! Eben traf Dein lieber Brief vom 4. dieses Monats ein. Vielen Dank dafür. Gratuliere bitte Hilde von mir für ihr Abitur. Euer Päckchen ist noch nicht eingetroffen. Ich sende Dir im voraus meinen Dank dafür. Ich freue mich schon sehr darauf, denn etwas Abwechslung in der Kost kann man gut gebrauchen. Der Sonntagnachmittag ist heute fast völlig draufgegangen durch eine Übung und Meß= reihen ablesen. Na ja der morgen einsetzende Unterricht tröstet einen dafür. Martin Schaper ./. fährt morgen auf Urlaub der nimmt meinen Brief mit und wird ihn morgen in Marburg in den Kasten werfen. Nun will ich schließen, laß es Dir gut gehen und sieh zu, daß Deine Erkältung wieder in Ordnung kommt, Dein Albert Mit vielen Grüßen Olaf
DERMZ Am: 09.06.2025 03:53:44 Gelesen: 16040 # 35
Guten Morgen, Papa Frettlöh schreibt an seinen Sohn Absender: Dipl. Ing. H. Frettlöh 16 Marburg (Lahn) Wilhelm-Roserstraße 45 LWH Frettlöh L08885 21 LGPA Münster i.W. Marburg, den 3. Juli 1944. Lieber Albert! Deinen l. Brief vom 30.6., der uns das erste Lebenszeichen von Dir nach Deinem letzten Urlaub brachte, haben wir erst soeben erhalten. Gestempelt wurde er hier gestern früh um 10 Uhr. Im übrigen freuen wir uns, daß Du Dich dort wieder eingelebt hast, daß die Verpflegung gut ist und Ihr sogar Kirschen bekommen habt. Du schreibst gar nicht, ob Du meinen letzten Brief bei Deiner Rückkehr vorgefunden hast; es waren Marken darin, und hoffentlich sind sie nicht verloren gegangen! Mama geht es jetzt – Gott sei Dank! - wieder etwas besser, sie muß sich aber noch sehr schonen und gut pflegen. Beides tut sie meiner Ansicht nach zu wenig, aber was kann man da machen, wenn sie nicht will. Hilde hat es jetzt, wie sie sagt, in D. bedeutend besser, als früher in B. [1] Auch macht ihr das Fahren auf der Bahn vielen Spaß. Gestern hatte sie ihren freien Sonntag und ist am Nachmittag hier zum Sportfest gegangen, wo ihr besonders die guten Leistungen „ihrer“ Jungen aus Damm [2] Freude gemacht haben. Klasse 7 hat aber nicht mehr mitgemacht, da diese Herren jetzt doch bald fortkommen. Ab nach Kassel! Nun lebe wohl und sei freundlichst gegrüßt von Deinem getr. P Und Hilde [1] den Ort "B." habe ich noch nicht lokalisieren können [2] siehe auch Brief vom 5. Juni, dort schreibt Albert von "Damm", nun ist klar, daß es sich um Damm bei Lohra handelt, da Hilde Bahn fährt. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 10.06.2025 04:27:28 Gelesen: 15931 # 36
Guten Morgen, Anfang Juli überschneiden sich die Briefe zwischen Albert und seinen Eltern regelmäßig, dieses Mal schreibt Albert... O.V., den 2.7.44. Liebe Eltern! Vielen Dank für Euren Brief vom 28.6.. Es hat mich sehr ge- freut, dasz Ihr mir gleich am Tage meiner Abfahrt geschrieben habt, damit ich nicht so lange auf den ersten Brief von zu Hause war- ten brauchte. Ich habe mich auch noch für Papas letzten Brief zu bedanken, besonders auch für die Brot- und Butter- marken. Der Obstversand als Expressgut wäre eine gute Lösung, wie ich ein paar Kirschen bekommen könnte. Allerdings müssten sie gut verpackt sein. Die Adresse lautet: L.W.H. Frettlöh, Kassel-Obervellmar, Gasthaus Regenbogen [1]. Die Fernsprechnummer kenne ich nicht, ich weiss auch nicht, was die euch nützen sollte, denn wenn ihr von Marburg aus hier anrufen wolltet, so müsstet ihr sicherlich 3-4 Stunden warten, bis ihr die Leitung frei bekämt. Mit dem 16-Tage-Urlaub wollen wir uns nicht zu grosze Hoffnung machen, denn es ist noch äuszerst unsicher damit. Wir sollten eigentlich zwei Wochen Unterrichtspause haben, aber weil so oft der Unterricht ausfällt, wurde diese aufgehoben, indes sollten nur andere Lehrer kommen, damit sich unsere mal ausspannen könnten. Deshalb hoffen wir nun doch auf diese Pause, denn wo sollen andere Lehrer herkommen? Das genaue Datum von Richards Geburts= tag kenne ich nicht, ich weiß nur, dasz er im Juli Geburts= tag hat, ich werde ihm jetzt einmal schreiben. In diesem Brief habe ich nun einmal wunschgemäsz Lateinisch geschrieben, es will noch nicht so recht, ich komme immer wieder in die deutsche Schrift hinein. Zum Schlusz viele Grüsse besonders auch and Hilde sendet Euch Euer Albert. [1] Das „Gasthaus Regenbogen“ existierte von 1811 bis April 2013, im Januar 2015 entstand an gleicher Stelle das „Gesundheitszentrum Regenbogen“. Von 1948 bis 1972 war eine Gasolin-Tankstelle angeschlossen. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 11.06.2025 02:20:29 Gelesen: 15838 # 37
Guten Morgen, "heute" gibt es das Schul-Zeugnis für Albert, ich darf an dieser Stelle erwähnen, daß Albert am 12. August 1928 geboren wurde, also kurz vor seinem 16. Geburtstag steht O.V., den 5.7.44. Liebe Eltern! Gestern nun haben wir das Zeugnis bekommen in dem uns „auf Grund der Leistungen und es Ver= haltens im Unterricht und im Einsatz“ die Versetzung in die Klasse 8 bestätigt wird. Die Noten im einzelnen sind nicht berühmt: Deutsch: Physik: Ausreichend Chemie: Geschichte: Erdkunde: Mathematik: Befriedigend Latein: Griechisch: Wie die Lehrer selbst sagten, hätten sie Einheits= noten gegeben, weil sie keine Unterlagen hätten. So zum Beispiel Physik und Chemie, denn der Lehrer hierdrin hatte uns vielleicht 3-4 Stunden gegeben und konnte garnicht wissen, was wir in den ./. betreffenden Fächern leisten. Ich muß jetzt leider schließen, denn die Dietrichs wollen den Brief mitnehmen, sie fahren heute auf 4 Tage. Im übrigen ist Wolfgang Gut gestern auch auf 4 Tage gefahren. Zum Schluß viele Grüße besonders auch an Hilde sendet Euch Euer Albert. Die Klammer "}" kann ich hier graphisch nicht darstellen Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 12.06.2025 02:57:21 Gelesen: 15722 # 38
Guten Morgen, aus dem Juli sind zum Glück auch Briefe der Eltern erhalten geblieben, es schreibt Papa Frettlöh an seinen Sohn Albert, er fragt nach den Zeugnissen, die Post hat sich erneut überschnitten... Marburg, 5.7.44 Lieber Albert! Herzlichen Dank für Deinen Brief vom 2.7. Deine Lateinschrift macht sich sehr nett, und ich denke, Du bleibst jetzt dabei; Du siehst, ich habe mich auch umgestellt. Was den Obstver- sand betrifft, wollen wir uns vorher noch genau auf der Bahn erkundigen. Die Fernsprechnummer ist für die Bahn dort, dass sie den Empfänger, in Deinem Fall das Gasthaus Regenbogen, telefonisch von der Ankunft des Expressgutes benachrichtigen kann. Aber vielleicht kommt Hilde als Expressbote in etwa 14 Tagen, das wäre noch die sicherste und schnellste Beförderung. Vorerst wollen wir hoffen und wünschen, dass endlich der Regen aufhört, sonst platzen noch die schönen Kirschen, von denen Hilde jetzt auch schon nascht. Aber das schlechte Wetter hat wohl auch etwas Gutes, wir haben in der letzten Woche keinen Alarm gehabt und Ihr Luft- waffenhelfer gewiß ruhige Nächte. Wann bekommt Ihr denn Eure Versetzungszeugnisse? In Hilde's Lager Damm geht schon alles auf die Ferien Mitte Juli hin, aber leer wird das Lager nicht, 150 Mädel sollen dort geschult werden, aber die Abiturientinnen bekommen wohl trotzdem ihre Ferien, nur sonst hat das Gebiet sie sehr geärgert, indem es sie auf einen Tagelohn von 50Pf gesetzt hat. Nun lebe wohl, schreibe bald und sei herzlich gegrüsst von Deinen Eltern und Hilde. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 13.06.2025 06:27:30 Gelesen: 15612 # 39
Guten Morgen Albert schreibt an Familie Damm-Müller, die wohnen im Elternhaus in der Wilhelm-Roserstraße 45, näheres konnte ich über die Familie nich in Erfahrung bringen O.V., den 12.7.44. Liebe Familie Damm-Müller! Ich möchte Ihnen auf diesem Wege auch ein- mal wieder einen Grusz aus Kassel senden. Man hat ja sonst nicht viel freie Zeit, wie sogar unsere Vorgesetzten zugeben, denn wir müssen hier zwei Dinge miteinander vereinbaren, und das sind Dienst und Schule. Dies ist naturgemäsz sehr schwer und sehr oft fällt die Schule unter den Tisch, weil zum Beispiel Besichtigung oder irgendeine Übung ist. Ein Faktor allerdings wirft alles über den Haufen, das sind die feind= lichen Flieger, die uns augenblicklich zum Glück in Ruhe lassen. Die Vergeltung scheint sie doch ziemlich zu treffen, oder sie brauchen die Flieger an der Invasionsfront und zur Bombardierung der V1-Abschussbasen. Na, dann hat wenigstens die Zivilbevölkerung etwas Ruhe und kann ohne Störungen ihrer Arbeit nachgehen. Auch könnte der riesige in der Heimat stehende Flakschutz verringert werden, und viele Batterien könnten an die Front geschickt werden um unsere hart kämpfenden Soldaten zu unterstützen. - Wie geht es Ihnen denn gesundheitlich? In der Hoff- nung, dasz es Ihnen allen gute geht übermittle ich Ihnen meine herzlichsten Grüsse Ihr Albert. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 14.06.2025 04:40:00 Gelesen: 15521 # 40
Guten Morgen,

Albert schreibt seiner Schwester Hilde, der Brief wurde leider mittig geteilt, ist allerdings noch komplett erhalten ...





O.V., den 12.7.44.
Liebe Hilde!
Ich möchte mich auf diesem Wege für Deine
gute Absicht, nämlich mich zu besuchen, bedanken.
Ich will Dir aber lieber abraten, denn nach
einer neuen Verfügung bedarf es besonderer Erlaub-
nis, wenn man von Auswärts Besuch bekommt,
weil die Bahn zu sehr beansprucht wird. Und
ich werde wohl diese Erlaubnis nicht bekommen,
weil ich alle 5 Wochen nach Hause komme. Ich be=
komme ja auch auf dem Wege des Expressgutes
in einem halben Tage hier etwas Obst her. Was
macht denn Deine Arbeit in Damm? Hast Du
jetzt Ferien bekommen. Die Klasse 7 wird ja
wieder zur Flak kommen, wie ich hörte. Ich
las hier in der Zeitung von einem Kriegsein=
satz der Klasse 7 der Lyzeen. Die Mädels können
doch jetzt ein ganzes Jahr die Schule unter=
brechen, da verlernen sie ja alles. Wann wirst
Du denn endlich studieren können? Nachdem wir
einige schöne Tage hatten, ist seit Sonntag hier
trübers Wetter mit Regen, Gewitter und sogar
Überschwemmungen eingezogen. Damit verbun=
den war ist natürlich, dasz uns die Flieger ziemlich
in Ruhe lassen. Nun zum Schlusz schicke ich
Dir herzliche Grüsze besonders auch an Papa und
Mutti Dein Albert. N.S.: Schreib bitte
mal.


Lyzeum (plural: Lyzeen) ist eine weiterführenden Schule des sekundären Bildungsbereichs, die zur Hochschulreife führt, hier ist
die Elisabethschule in Marburg gemeint


Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 15.06.2025 01:29:29 Gelesen: 15431 # 41
Guten Morgen, um es vorweg zu nehmen, dies ist der letzte Brief von Albert, bevor er für den Rest des Monats nach Marburg auf Urlaub geht und Anfang August meldet er sich dann erst wieder ... er weiß es allerdings noch nichts von der bevorstehenden Zeit in Marburg. O.V., den 11.7.44. Liebe Eltern! Ich sende Euch auf diesem Wege meinen herzlichsten Dank für das Paket mit Kirschen, welches ich bereits am Sonntag mittag bei der Bahn abholen konnte. Die Bahn hatte bereits am 8. mittags eine Benachrichtigungs- karte an Gasthof Regenbogen geschickt, die ich von dort Sonntag früh bekam. Die Kirschen haben ausgezeichnet geschmeckt, und es war nicht eine einzige schlechte darunter. Ich will mich jetzt noch nach der Telefon= nummer von Regenbogen erkundigen, dann bekomme ich wohl das Obst noch früher, wenn Ihr mir vielleicht noch etwas schickt. Gleichzeitig habe ich mich für die Briefe vom 3. und 5. zu bedanken, die beide gestern kamen. Papa's Brief noch vor meinem Urlaub mit den Marken war zu Eurer Beruhigung gut angekommen. Meinen herzlichsten Dank dafür. Jetzt ist ja wieder ein neuer Fahrplan gültig, ich habe durch Zufall in Kassel einen zu kaufen bekommen. Wenn Ihr mir vielleicht ./. einen braucht, so schreibt, ich will dann versuchen noch einen zu bekommen. Am Sonntag war ich als Post- kourier in Kassel. Ich benutzte diese Gelegenheit zu einem Spaziergang zum Herkules und in den Wilhelmshöher Schloßpark. Außerdem verzehrte ich etwas Torte in einem kleinen Café. Mein 16-Tage Urlaub ist jetzt sehr unsicher geworden, ich könnte es so einrichten, daß ich Ende Juli 4 Tage fahre, und am 16. August auf 16 Tage, wo ich zu meinem Geburtstag zu Hause sein könnte. Andernfalls könnte ich am 1. August auf 16 Tage und Ende September auf 4 Tage. Ob Hilde mich überhaupt besuchen darf, ist sehr fraglich, denn wir müssen erst um Erlaubnis einkommen, weil die Bahn so belastet ist. Zum Schluß Euch allen einschließlich Hilde meine besten Grüße Albert. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 16.06.2025 01:53:24 Gelesen: 15333 # 42
Guten Morgen, wie schon gesagt, Albert hat kurzfristig seinen 16-Tage Urlaub bekommen und ist nun wieder zurück in seiner Stellung O.V., den 2.8.44. Liebe Eltern! Nun bin ich schon zwei Tage hier wieder und habe mich langsam an den Betrieb wieder gewöhnt. Während meiner 16 Tage hat sich nichts hier ver= ändert, und alles geht im alten Trott weiter. Feuerbereitschaft hatten wir die letzten Tage nicht ein einziges Mal, heute ist schönes Wetter, da werden sie wohl wieder kommen. Ich werde aber heute nachmittag Post holen, und dabei ein wenig spazieren gehen. Der Jahrgang 27 wird wohl zum größten Teil in den nächsten zwei Monaten eingezogen werden, als Ersatz dafür sind gestern die ersten Lehrlinge gekommen. Das Essen ist augenblicklich sehr gut. Gestern bekamen wir Weißbrot und Stachel - und Erdbeeren Kirschen. Allerdings war das Obst so schlecht, daß ich meins ver= schenkt habe, ich habe ja auch noch den halben Karton voll von zu Hause. Zum Schluß viele Grüße auch an Hilde sendet Euch Euer Albert. N.S.: Entschuldigt bitte die schreckliche Schmiererei, ich liege nämlich auf dem Bett während ich schreibe. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 17.06.2025 04:10:18 Gelesen: 15219 # 43
Guten Morgen, manchmal bleibt nicht viel Zeit zum Schreiben, Albert fasst sich kurz. Ich habe den Kontrast der Schriftseite für eine bessere Lesbarkeit etwas verändert. Albert schreibt: O.V., den 7.8.44. Liebe Eltern! Eben holte ich Euer liebes Paket vom Bahnhof ab. Es ist alles gut erhalten, und ich sende Euch meinen herzlichsten Dank dafür. Diese Karte schreibe ich schnell, damit sie noch mit der Post mitgeht, Brief folgt. Sonst geht es mir gut, heute war eine Lehrerin vom Lyzeum Marburg hier und gab für den Deutschlehrer, der in Urlaub ist, Englisch, die heißt Frau Haries. Muß leider Schluß machen, viele Grüße auch an Hilde sendet Euch Euer Albert Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 18.06.2025 01:32:33 Gelesen: 15084 # 44
Guten Morgen, Albert ist mal wieder gezwungen, den Brief in mehreren Etappen zu schreiben. Liebe Eltern! Nun bin ich wieder eine Woche hier, und trotzdem kam es mir vor, als sei ich erst gestern vom Urlaub gekommen. Ihr seht daran, wie schnell hier die Zeit vergeht, und ich denke schon an meinen nächsten Urlaub Anfang September. Aber bis dahin wird vielleicht allerhand geschehen, und ich glaube, es wird das beste sein, dasz Ihr mich nicht besucht. Im übrigen ist das Essen ausgezeichnet. Wir be= kamen zweimal Tomaten und einmal Birnen. Auch Weiszbrot fehlte nicht in der Runde. Dazu hole ich mir jeden Tag Möhren oder Kohlrabi aus dem Batteriegarten, manchmals mache ich mich auch an die Schoten. Unterricht ist Augen- blicklich sehr unregelmäszig, die eigentlichen Lehrer sind in Urlaub, dafür kommen andere Lehrer, die uns das bieten, was sie am besten können, so bekamen wir von dem Musiklehrer und dem Zeichenlehrer der Marburger Oberrealschule [1] Musik und Kunstgeschichte. Einmal kam auch eine Lehrerin, die English gab. - - - Den 7.8.44. Leider bin ich gestern nicht fertig geworden, denn durch diese ewige Feuerbereitschaft [bei diesem schönen Wetter kommen die Flieger dauernd] kommt man ja zu nichts. Da schon wieder Alarmbereitschaft. - - - Wie ich eben von der Feuerbereitschaft herunter kam lag eine Postkarte auf dem Tisch, auf der die Bahn dem Gasthaus Regenbogen die Ankunft eines lieben Päckchens mitteilte. Ihr könnt Euch denken, wie ich mich freute. ./. Die Kirschen waren noch tadellos erhalten, die Stachelbeeren schon etwas matschig, haben aber noch prima geschmeckt. Bitte schickt mir die nächste Zeit auf diesem Wege nichts, und besucht mich auch nicht, denn es heiszt allerhand, ist aber noch sehr unbestimmt. Heute mittag gab es als Nachtisch Waffeln und Stachelbeerkompott, hat ausgezeichnet geschmeckt. Ich habe es verstanden, zwei Portionen zu besorgen. Sagt mal, könnt Ihr Einheitsseife [2] gebrauchen, denn während früher jeder in jedem Monat ein Stück gestellt bekam, können wir jetzt in der Kantine soviel kaufen, wie wir wollen, Stück 12 Pfennig. Ich habe schon 8 Stück liegen. Ich hörte eben, dasz diese Woche wieder der alte Unterricht mit den alten Lehrern losgehen solle, weil auch die Schulferien zu Ende seien. Heute haben wir 23 Lehrlinge aus dem Gebiet Fulda bekommen, lauter doofe Typen. Eben hörte ich dasz wir vielleicht in einen anderen Vorort Kassels kämen. Wer weisz? Jahrgang 27 wird in der nächsten Zeit zum RAD kommen, Hartmut Börsch im September. Zuerst werden natürlich Kriegsfreiwillige und Offiziersbe= werber eingezogen. Sie scheinen die Truppe dringend zu brauchen, wenn auch die allgemeine Meinung der Soldaten dahin geht, dasz die verräterischen Offiziere an dem Rückzuge in Ruszland Schuld seien. Na, warten wir ab, wie's weiter geht! Zum Schlusz viele Grüsze auch an Hilde übermittelt Euch Euer Albert [1] gemeint ist die damalige „Adolf-Hitler-Schule“, heute Martin-Luther Schule [2] Einheitsseife – RIF Reichsstelle für Industrielle Fette und Waschmittel, auch bekannt als Wehrmachtsseife Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 21.06.2025 10:25:20 Gelesen: 14884 # 45
Guten Tag,

Albert wurde sein begehrtes Abo der Oberhessischen Zeitung aufgesagt, also gekündigt ...



O.V., den 11.8.44.
Liebe Eltern!
Sehnlichst erwarte ich Post von Euch, denn ich habe schon
dreimal geschrieben, und erst einmal Post bekommen, aber vielleicht
kommt heute wieder etwas. Gestern habe ich an die Groszmutter
und Tante Josepha geschrieben, heute an Damm-Müllers. Da
staunt Ihr, was? Ja, und die Oberhessische Zeitung hat mir
aufgesagt, sie schrieben mir, dasz nach einer neuesten Ver=
ordnung zum totalen Krieg sämtliche Zeitungssendungen
durch Feldpost zu unterbleiben hätten. Jetzt ist doch auch
wieder eine durchgreifende Verordnung rausgekommen, wonach
es im Kino nur noch Einheitspreise und keine Karten mehr
geben soll. Auch sollen doch auch alle ausländischen
Arbeitskra Hausangestellten in die Rüstungsindustrie kommen,
da musz also die Walla von Knabs auch weg. Ich bekam
jetzt so einen Wisch von der H.J., dasz ich mir die Zähne
sanieren lassen solle, damit ich gesunde Zähne zum
Wehrdienst hätte. Darauf ging ich (wie alle 28iger) zum
Truppenzahnarzt, der mir einen Zahnsplitter zog, und
mich noch einmal bestellte. Ich bin mal neugierig, was
er mit mir anstellen wird. Dem Walter Hesse habe ich noch
nicht geschrieben, weil er doch dort nur zum Lehrgang war,
und der sicherlich zu Ende ist, und Walter längst eine andere
Adresse hat. Fragt doch mal so beiläufig Frau Hesse nach seiner
Adresse. Zum Schlusz viele Grusze auch an Hilde Euer Albert.

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 22.06.2025 08:36:51 Gelesen: 14748 # 46
Guten Morgen,

die Möhren und der Kohlrabi werden frisch im Batteriegarten geerntet und bereichern die Malzeiten ... und in der Luft ist auch Betrieb ...



O.V., den 14.8.44.
Liebe Eltern!
Jetzt sind es genau zwei Wochen, die ich wieder
hierbin, und es tut sich allerlei, was ich schon
während meines Urlaubs nicht für unmöglich hielt.
Also besucht mich bitte nicht, und auch keine Express=
päckchen. Im Luftkrieg sind jetzt wieder Nachtangriffe
an der Tagesordnung. Vorige Nacht flogen 300 Maschinen
nördlich von uns vorbei, und heute nacht, wo sie
Hannover angriffen, hiesz es „Drohender Angriff auf
Kassel.“ Sonntag hatte ich mir wieder Kuchen, Brötchen,
Butter und Mettwurst gekauft. Augenblicklich esse
ich auch noch an Damm-Müllers Glas Gelee, was
ausgezeichnet schmeckt. Ich hole mir auch immer
Möhren und Kohlrabi aus dem Batteriegarten. Mit
dem Unterricht will es noch immer nicht klappen,
wir werden ja wegen der Alarme jeden Morgen später
geweckt [wie heute], und dann war auch Alarm in
Kassel, und die Lehrer kommen viel später oder
überhaupt nicht, zwei sind auch krank. Wie wird
das erst in der nächsten Zeit werden. Von Euch habe
ich auszer dem Päckchen noch immer keine Post, na
es wird wohl bald kommen. Zum Schlusz viele Grüsse
auch an Hilde sendet Euch Euer Albert.

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 23.06.2025 01:33:25 Gelesen: 14692 # 47
Guten Morgen, Albert und seine Batterie sind umgezogen - von Obervellmar nach Niedervellmar, er berichtet recht ausführlich an seine Eltern ... O.V., den 19.8.44. Liebe Eltern, liebe Hilde! Jetzt erst kann ich Euch für Eure lieben Briefe vom 11.,13. und 14. danken, und ebenso für die Geburtstagsglückwünsche. Es verschönt einem immer den ganzen Tag, wenn man von zu Hause Post bekommt, besonders da ja keine Zeitungen mehr kommen. Ich will aber nun schreiben, warum ich jetzt erst antworte. Also seit ungefähr zwei Wochen hiesz es, dasz wir in eine alte viel schlechtere Stellung nach Nieder= vellmar kämen. Zuerst glaubten wir es nicht, aber dann fuhren dauernd welche dorthin, um die Stellung vorzubereiten, und das Datum wurde bestimmt, nämlich der 16. August, da war es nun sicher. Am Vorabend wurde alles vorbereitet und wir packten unsere Sachen. Natürlich hatten wir furchbar schweres Gepäck, Stahlhelm, Gasmaske, Decken, Bettzeug, Schuhe Pantoffeln, Wäsche, Eszzeug, Bücher, Mantel, 1. Garnitur, A-Garnitur, Drillich, Kochgeschirr, Feldflasche, Brotbeutel und viele andere Dinge. Dazu hatte ich noch einige Sachen von Bernhard Görge, der auf Heimaturlaub ist, und dessen groszen Koffer, wo ich noch Sachen von mir hineintun konnte, zu tragen. Jedenfalls mit solch einem Gepäck hätte ich einen längeren Marsch bestimmt nicht ausgehalten. Am nächsten Morgen nun ging es früh aus den Betten, und es begann die Ver= ladung von Kammer, Schneiderstube und Schreibstube. Ich half eifrig mit und fuhr an diesem Tage auf Lastwagen fünfmal zwischen Ober- und Niedervellmar hin- und her. Zu allem Überfluss flog an diesem Tag der Feind mit starken Verbänden ein, und, während ich mit einem Wagen nach Niedervellmar fuhr, dröhnten über uns über 200 Fortress. Schon erwartete ./. alles Bombenabwürfe auf Henschel, aber die Maschinen flogen trotz des wütenden Flakfeuers weiter. [Es hiesz nachher: Bombenabwürfe im Raum von Meiningen.] (1) Währendessen ging der Stellungswechsel ruhig vonstatten, Geschütz nach Geschütz und die anderen Geräte wurden im Mannschaftszug in Stellung gebracht. Wie gerade Platz war, packten wir unsere Klamotten auf die Wagen, und schafften sie in unsere neuen Unterkünfte. An diesem Tag habe ich gerade drei Schnitten gegessen gehabt, infolge widriger Umstände bekam ich kein Mittagessen. Erst am späten Abend konnte ich mich mit Brot sattessen. Bei dieser Gelegenheit habe ich das letzte Gelee von Damm-Müllers verbraucht. Abends um 11 Uhr kam ich dann ins Bett. Das schlimme an der Stellung Ich schreibe Euch im nächsten Brief mehr, musz leider Schlusz machen, damit Christoph Hering den Brief mitnehmen kann. Viele Grüsze Euch allen sendet Euch Euer Albert (1) Ergänzend hierzu ein Augenzeugenbericht aus Meiningen vom 16. August 1944 - https://mv-naumburg.de/projekte/erinnerungen/nazizeit-krieg/ritter-16-august-1944 Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 24.06.2025 02:33:16 Gelesen: 14591 # 48
Guten Morgen,

Der Umzug in die neue Stellung nach Niedervellmar hat zur Folge, das das vermeintlich ruhige Batterieleben nun erst einmal vorbei ist. Aus alter Gewohnheit schreibt Albert vom Schreibort O.V. (Obervellmar), das bleibt auch noch eine Weile so...



O.V., den 23.8.44.
Liebe Eltern!
Vielen Dank für Euern lieben Brief vom 17.
dieses Monats. Ich habe augenblicklich furchtbar
wenig Zeit, in der neuen Stellung ist soviel zu
tun, dasz wir von morgends bis abends Arbeits=
dienst haben. Nur der Schulunterricht wird zum Glück
eingehalten, wo man sich ausruhen kann, sonst
fällt die Mittagspause flach, die Arbeit geht bis
sieben Uhr abends. Dann ist man immer
hundemüde. Dazu kommt noch die Auseinander=
gezogenheit der Stellung. Zur Kantine und Wash=
baracke haben wir 10 Minuten über staubige Feld=
wege zu laufen, dort auch alles Wasser zu holen.
Diese Wege verwandeln sich natürlich bei Regenwetter
in grundlosen Morast. Hier wie bei Euch auch sicherlich
ist jetzt eine furchtbare Hitze, dazu die Arbeit, na
ich sehne mich richtig nach Urlaub, Ende nächster
Woche wird es wohl so weit sein. Mein Geburtstag
ging völlig ruhig vorbei, ich hatte mir am Tag
vorher, wie ich beim Zahnarzt war, etwas Kuchen
gekauft, wie ich 1 Stunde später auf dem
Herkules war, bekam ich solchen Hunger, dasz ich
ihn (einen 500gr Stollen) aufasz. Zum Schlusz
viele Grüsze auch an Hilde Albert.
N.S.: Entschuldigt die schlechte Schrift, ich schreibe mit
schweiszklebrigen Fingern.


Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 25.06.2025 02:56:44 Gelesen: 14430 # 49
Guten Morgen,

Albert schreibt eine "dringende" Karte, da die Wehrmacht nun Dokumente von ihm einfordert ...



O.V., den 24.8.44.
Liebe Eltern!
Ich habe zwar eben gerade an Hilde
geschrieben, aber eine zwingende Sache
drängt mich, Euch diese Karte zu senden.
Denn eben sagte man mir, dasz für
mein Jugendstammblatt, dasz bei uns
Luftwaffenhelfer jetzt auch ausgefüllt
wird, ich die Geburts- und Taufurkunden,
oder beglaubigte Abschriften, oder irgend=
eine Urkunde, woraus Geburtsort und
- Datum und Religion meiner Eltern
und Groszeltern hervorgeht, brauche.
Jedenfalls, man will bewiesen haben,
dasz ich nicht von Juden abstamme. Also
bitte seht mal zu, was da zu machen
ist, damit wenn ich in einer Woche auf
Urlaub komme, die Sache erledigen kann,
und die Unterlagen mitnehmen kann.
Beim Zahnarzt bin ich immer noch in
Behandlung, es waren drei Plomben zu

./.

machen, davon wollte
die eine nicht sitzen,
das erste Mal gelang sie
nicht, das zweite auch
nicht, nun bin ich zum
30. bestellt. Vorhin habe
ich mich bei Damm-Müllers
für die Geburtstagsglückwünsche
bedankt. Zum Schlusz viele
Grüsze sendet Euch
Albert.


Gedanken machend Olaf
DERMZ Am: 26.06.2025 08:43:20 Gelesen: 14323 # 50
Guten Morgen, Albert schreibt abends auf dem Bette liegend an seinen Papa ... O.V., den 25.8.44. Lieber Papa! Vielen Dank für Deinen lieben Brief vom 22. dieses Monats ich komme ja jetzt hoffentlich bald auf Urlaub, wo ich mündlich alles berichten kann. Ich rechne mit Ende nächster Woche, vielleicht auch schon Mittwoch. Ich glaube, dasz ich, wenn ich auf Urlaub komme, nicht mehr erst am späten Abend zu Euch komme, denn wenn man den Zug versäumt, kann man bequem die Viertelstunde zur Straszenbahn laufen. Wie Erwin Mittelsten-Scheid hätte und kann es mir genau so gehen [können]. Dasz Ihr unsere Verwandten in Ostpreuszen und Tante Josepha eingeladen habt, freut mich sehr, es ist doch heutzutage eine grosze Genugtuung, Menschen, denen das Schicksal übler mitspielte als uns, besonders, wenn es sich um Verwandte handelt, zu helfen. Was meint Ihr, wie wir hier alle danach brennen, an der Front mit der Waffe Deutschland aus der augenblicklichen Lage herauszureiszen und den Sieg zu erringen. Zum Schlusz sende ich Dir herzlichste Grüsze auch an Mutti und Hilde Albert N.S.: Entschuldige bitte die Schrift, ich schreibe abends im Bett. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 27.06.2025 05:51:45 Gelesen: 14223 # 51
Guten Morgen, ich höre die Mutter noch sagen - Kind - iß keine unreifen Früchte! Mahnende Worte, die Albert wohl nicht im Sinn hatte ... O.V., den 25.8.44. Liebe Eltern! Nun ist es ja etwas kühler geworden, und die Sonne brennt nicht mehr so, die letzten Tage war es ja kaum auszuhalten. Wir können uns ja auch nicht in kühle Räume flüchten, wie zu Hause, gestern ab mittag hatten wir 4 Stunden Feuerbereitschaft, der Feind war die Elbe aufwärts bis in den Raum von Magdeburg mit mindestens 1800 viermotorigen Bombern und vielen Jagdgeschwadern eingeflogen. Ange= griffen wurden dann Dresden, Leipzig, Magdeburg, Braunschweig und Hannover. Es kamen dann hier viele Rückflüge, über 100 Maschinen sahen wir im Glas. Um drei Uhr kamen wir dann zum Essen, es gab als Vorspeise eine sogenannte kalte Schale, eine prima Obstsuppe. Überhaupt hinter Obst sind wir furchtbar her, letztens bekam ich in Kassel ein Pfund Birnen ohne Karte, kosteten 50 Pfennig, haben ausgezeichnet geschmeckt. Wir haben hier einige Tomatenstöcke, die leider neben der Russenbaracke stehen, und die gehen immer dran und essen sie grün, im übrigen habe ich mich dran gewöhnt sie noch gelb zu essen, denn rot wird ja keine hier. Gestern asz ich 14 Stück. Da Alarmbereitschaft! Viele Grüsze Albert. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 28.06.2025 09:55:27 Gelesen: 14110 # 52
Guten Morgen,

hätte, hätte - Fahrradkette ... ja, hätte Albert mal auf seine Mutter gehört ...



O.V., den 28.8.44.
Liebe Eltern!
Vielen Dank für Eure lieben Briefe vom 25. und
26., die ich beide eben erhielt. Ich war inzwischen
mal wieder zur Abwechslung ein biszchen
krank. Am Freitag nachmittag hatte ich ziemlich
viel gearbeitet, und eine Reihe von nicht ganz
reifen Tomaten und Äpfeln gegessen. Jedenfalls
am nächsten Morgen war ich ziemlich schlapp
und hatte tollen Durchfall. Beim Arbeiten dann
war mir ziemlich schlecht, und ich bekam
allmählich sehr schlimme Kopfschmerzen. Ich liesz
mich dann nachmittags von der Arbeit befreien und
legte mich ins Bett. Mir ging es ziemlich übel,
und die Kameraden holten selbständig den Sani. Der
stellte 37,9 fest, und die Nacht galt ich für krank.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich wieder
in Ordnung, muszte aber den Sonntag das Bett
hüten, während die anderen bis 5 Uhr Arbeitsdienst
machte. Heute ist wieder alles in Ordnung. Nur
habe ich aufgehört irgenwelches Obst, das noch nicht
ganz reif ist, zu essen. [Gebranntes Kind scheut das
Feuer.] Mit Urlaub ist es jetzt ganz schlecht an
unserem Gerät, aber trotzdem hoffe ich Donnerstag
zu kommen. Zum Schlusz viele Grüsze sendet Euch
Euer Albert

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 29.06.2025 02:08:18 Gelesen: 14034 # 53
Guten Morgen, ein paar Tage hat Albert wohl wieder in Marburg verbringen dürfen, Anfang September ist er wieder zurück und schreibt an seine Eltern... O.V., den 7.9.44 Liebe Eltern! Nun bin ich wieder einige Tage da, und ich habe mich wieder richtig eingelebt. Die einzige Veränderung während meiner Abwesenheit war, dasz 12 Flakhelferinnen hier zur Aus= bildung sind, die nachher wahrscheinlich Soldaten ersetzen sollen, die an die Front kommen. Jetzt gehen auch dauernd Soldaten weg, die Ostpreuszen haben sich zum Beispiel zum gröszten Teil zu den dortigen Heimatschutzbattallion gemeldet. Meine mitgenommenen Eszsachen sind zum größten Teil verbraucht bis auf die Äpfel und Damm-Müllers Gelee. Beides habe ich noch nicht angebraucht. Sagt mal, ich musz mich jetzt entscheiden, zu welcher Waffengattung ich will, sonst werde ich nachher zu irgeneiner doofen Sache eingezogen, ohne dasz ich etwas dagegen machen kann. Ich selbst dachte an die Pioniere. Wolfgang Gut fährt heute seine Zivilsachen holen, die er schon längst mitgebracht hat, natürlich schlägt er dabei noch einen Tag heraus, dem gebe ich diesen Brief mit. Zum Schlusz viele Grüsze auch an Hilde sendet Euch Euer Albert. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 30.06.2025 01:37:48 Gelesen: 13918 # 54
Guten Morgen, Albert berichtet ausführlich von einer Reise seiner Kollegen von Niedervellmar nach Wiesbaden und wie und wo die Fahrt endete ... O.V., den 13.9.44. Liebe Eltern! Gestern erhielt ich Eure lieben Briefe vom 7. und 9.. Sie haben mich sehr gefreut. Wir haben hier jetzt so wenig Zeit, dass ich diesen Brief nach Zapfenstreich schreiben muss, dauernd Feuerbereitschaft; Zweimal am Tage Groszeinflüge feindlicher Bomber= verbände, sonst dauernd einzelne Maschinen, die das Hinterland der Front stören. Man kommt gerade noch zu den Mahlzeiten. Zwei von uns fuhren jetzt zwei Tage nach Wiesbaden [a] zu Verwandten. Die kamen fast 24Stunden später zurück. Der Bahnhof dort auszer Betrieb, musten sie mit dem Omnibus nach Erbenheim. Von dort im Pendelverkehr nach Niedernhausen, dort umgestiegen nach Limburg, die Züge waren so voll, dasz die Leute die Fenster zum Einsteigen benutzten. Aber dass Mass für die beiden war noch nicht voll. Von Limburg kamen sie nur bis Wetzlar Zwischen Wetzlar und Gieszen war die Strecke kaputt [b]. Also im Bummelzug nach Lollar, von dort wieder nach Gieszen, wo sie endlich einen D-Zug bekamen, der aber auch 4 Stunden Verspätung hatte. Ja die Feinde versuchen jetzt mit aller Macht den Nachschub zu erschweren. Um so mehr freuen einen solche Sachen wie gestern und heute hatten wir je einen Totalabschusz der Flak in Kassel zu verbuchen, beidemal einzelne zurückgebliebene Maschinen auf dem Rückflug. Wir hatten sie schön im Glas, und alles war tadellos zu beobachten. Die Verbände fliegen leider immer nördlich und südlich vorbei. Sagt mal habt Ihr was auch was abbekommen; Gieszen, Fulda, Gersfeld, Mainz, Frankfurt, Wiesbaden und viele kleine Orte am Rhein und in dessen Hinterland wurden angegriffen. Ein Bruder eines Fuldaer Luftwaffenhelfer, kam in der Schule bei dem einen Angriff ums Leben. Nun etwas Anderes, ich will jetzt von 24oo bis 24oo Urlaub nehmen, da kann ich hin und zurück mit einem SFR[1] fahren, und gegenüber früher 9 Stunden gehen mir jetzt nur 4 Stunden vom Urlaub für die Fahrt verloren. Es ist jetzt 10 Uhr abends, gleich wird wohl wieder Alarmbereitschaft kommen. wir müssen die Nacht drei- viermal heraus. An unserem Gerät sind jetzt nur noch wenig ausgebildete Leute. Soldaten und Luftwaffenhelfer Jahrgang 27 sind weg, jetzt werden Flakhelferinnen Lehrlinge und 2 Künstler, das heiszt Leute, die jetzt im Rahmen des Totalen Krieg zu uns kamen. Von unserer Klasse sind alle 27ziger weggekommen, nur Paulchen Dietrich wird wohl nach dem W.E= Lager[2] wiederkommen, weil der nicht k.v.[3] ist. Die W.E.-Lager übrigens bestehen auch nur noch aus Schippen am Westwall, Homberg ist auch hin- gekommen, also war oder ist nach Richard Gückel auch dort. Die Arbeitszeit ist auch überall furchtbar lange. Zum Beispiel musz an vielen Stellen die Zeit, die durch Alarm ausfällt, Abends und Sonntags nachgeholt werden. Wir müssen hier Abends Sperrholzkästchen zum Beisichtragen von Volksgasmasken basteln, ich glaube, wir haben den Gaskrieg oder etwas Ähnliches als Vx[4] in Petto. Mir persönlich geht es ausgezeichnet, mt dem Essen bin ich zufrieden, ein paar Äpfel habe ich auch noch, was will man mehr? Entschuldigt bitte die schlechte Bleistiftschrift, schlechtes Licht und kaum noch Tinte, ich will sehen, dasz ich bald wieder welche bekomme. Zum Schlusz viele Grüsze auch an Hilde Albert. Hier noch ein paar Erläuterungen: [a] Als eigentlicher Bombenkrieg, in dem zahlreiche Bürger ihr Leben verloren, gilt für Wiesbaden die Zeit von September 1944 bis zur Befreiung der Stadt. Am 13.09.1944 erfolgte ein massiver Angriff auf die Gleisanlagen, der den Bahnverkehr erheblich ein- schränkte. Quelle: https://www.wiesbaden.de/stadtlexikon/stadtlexikon-a-z/zweiter-weltkrieg [b] Albert schreibt, daß die Strecke zwischen Wetzlar und Gießen defekt war, somit sind die Soldaten wohl über die "Kanonenbahn" (Berlin-Metz) von Wetzlar nach Lollar gefahren worden, dieses Teilstück diente der Umfahrung von Gießen. Erbaut 1878 wurde der Betrieb zwischen 1983 und 1990 eingestellt und die Strecke abgebaut. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_Lollar%E2%80%93Wetzlar [1] SFR-Zug = Schnellzug für Fronturlauber mit Reisezugteil (alte Zuggattung im zweiten Weltkrieg). [2] W.E.-Lager = Wehrertüchtigungslager. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Wehrert%C3%BCchtigungslager [3] k.v.= kriegsverwendungsfähig [4] V.x = Vergeltungswaffe x Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 02.07.2025 01:02:42 Gelesen: 13741 # 55
Guten Morgen Alberts Familie aus Marburg meldet sich besorgt bei ihrem Sohn ... Marburg, 15.9.44. Lieber Albert! Täglich warten wir auf Nachricht von Dir, der Brief, den Du Wolfgang Guth mitgegeben hattest, war der letzte. Hoffentlich bist Du noch dort und geht es Dir gut, Kassel ist ja in diesen Tagen nie erwähnt worden. Am letzten Sonnabend hat Hilde den ersten Fliegerangriff erlebt. Der Personenzug nachmittags um 5 auf Bahnhof Damm wurde beschossen, und es gab 14 Tote und eine Reihe Schwer- und Leichtverletzter, Hilde kam erst am Sonn- tag vormittag nach Hause, da der Bahnverkehr unter- brochen war und sie auch im Lager alle Hände voll zutun hatte. Die im Lager waren ganz ahnungslos, da gar kein Alarm durchgegeben war, anfangs dachten sie es wären unsere Jäger. Die Züge verkehren seit dieser Zeit ganz unregelmässig, Hilde ist nie vor 9 Uhr hier, und Morgens muss sie gewöhnlich auch 'ne Stunde warten. Frankfurt soll wieder schwer gelitten haben, auch Buderus-Lollar soll getroffen sein. Wahrscheinlich muss unser Herr Guth in etwa 14 Tagen zu einer Prüfung nach Kassel, soll er Dir ein Päckchen bringen? Schrei- be uns doch(*), ob wir ihn um diese Gefälligkeit bitten sollen. Heute haben wir die letzten Frühkartoffeln von der Ketzerbach geholt, 124 Pfund, es war ein mächtiger Andrang, weil bis zur nächsten Woche sämtliche Kartoffeln der ersten Karte abgeholt sein müssen. Papa hat nun schon zum dritten Mal den Garten ab- gesichelt, bei dem schönen Wetter ist alles fein trocken geworden. Lebe wohl, lieber Albert, sei herzlichst gegrüßt von Papa, Hilde und Mutter *)möglichst bald! Über diesen Angriff findet sich nur eine kurze Notiz im wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Lohra - dort steht: Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Dammer Bahnhof am 12. September 1944 Ziel eines alliierten Fliegerangriffs, der 17 Menschen das Leben kostete. Bomben fielen auch über Lohra, richteten jedoch keinen größeren Schaden an. Diese Information deckt sich jedoch von dem Datum vom Briefinhalt, dort ist von Samstag die Rede, das wäre der 9. September 1944 gewesen. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 03.07.2025 02:30:22 Gelesen: 13633 # 56
Guten Morgen,

Albert meldet sich weider bei seinen Eltern, er berichtet von regem Zugverkehr an "seiner" Bahnstrecke ...



O.V., den 18.9.44.
Liebe Eltern!
Endlich komme ich dazu, Euch einmal wieder
zu schreiben. Habt Ihr den längsten Brief, den ich
je hier geschrieben habe, erhalten? [1] Wir merken
hier sehr die nur 220km entfernte Front. Ich
übertreibe nicht, wenn ich sage, dasz wir die Hälfte
unserer Zeit Alarmbereitschaft halten, denn die gibt es ja
bei 200km. Feuerbereitschaft haben wir meistens
nachts rund 2 Stunden und am Tage 2-4 Stunden.
Wir sind so übermüdet, dasz wir nachts die
Alarmbereitschaft nicht mehr hören, nur auf das
Stichwort „Feuerbereitschaft“ scheinen wir innerlich
noch zu reagieren, ziehen uns schnell an und
laufen dann an die Geräte. - Da, wieder Alarmbereit=
schaft (es ist 930 abends). - Hier auf der Bahnstrecke
ist Hochbetrieb, Truppentransporte, Material aller
Art, Lazarettzüge an einem Tage 13, wahrscheinlich
handelte es sich um aus dem Westen verlegte Lazarette,
einmal auch ein verlegtes Zuchthaus. Ja man merkt
jetzt hier sehr deutlich den Krieg. Wann ich wieder
Urlaub bekomme, weisz ich nicht, jedenfalls habe ich
mir vorgenommen, von 0oo bis 0oo einzureichen, ich
kann dann beide Mal mit einem SFR [2] fahren und
habe gegenüber früher 9 Stunden jetzt 4 Stunden
Hin- und Rückreise. Zum Schlusz viele Grüsze auch an
Hilde sendet Euch Euer Albert

[1] Albert meint den Brief vom 13. September, siehe Beitrag @ DERMZ [#54]
[2] SFR-Zug = Schnellzug für Fronturlauber mit Reisezugteil (alte Zuggattung im zweiten Weltkrieg).


Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 04.07.2025 02:20:39 Gelesen: 13564 # 57
Guten Morgen, Kassel wird Ende September 1944 mehrfach angegriffen, Albert beruhigt seine Eltern und gibt ein Lebenszeichen ... O.V., den 23.9.44. Liebe Eltern! Gestern war hier allerhand fällig, feindliche Verbände griffen Kassel an. Es waren Kampfverbände im Anflug gemeldet, da brummte es schon gewaltig, und wir fassten einen Verband auf. Nun kam ein Bombenteppich nach dem anderen auf Kassel, wir schossen wie wahnsinnig, die Rohre wurden heisz und schwarz, einmal wie ganz in der Nähe ein Teppich herunterging, wurde volle Deckung befohlen, aber wir selbst bekamen nichts ab, auszer ein paar Flugzeugteilen und vielen tausenden Flugblättern. Zu dem Dunst, der sowieso über Kassel lag, kamen die Schwaden von Rauch und Qualm von Kassel her. Wir lagen als Batterie direkt in der Anflugstrasze, und so konnten wir am besten schieszen. Nach dem Angriff nun kamen die Leute nun, die in Kassel gewesen waren und berichteten von den Schäden, besonders in den Bahnanlagen. Unsere Sorge war es natürlich nun, wie benachrichtigen wir unsere Eltern, dasz es uns gut geht. Na, zum Glück kam Frau Börsch und Hartmut Börsch gleich heute morgen, die nehmen den Brief dann mit. Zum Schlusz viele Grüsze besonders auch an Hilde Albert. Im Netz finden sich noch weitere Informationen über diesen Angriff - https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/xsrec/current/305/pageSize/50/sn/edb/mode/abstract?q=YToxOntzOjc6ImJlcmVpY2giO3M6MTg6Ik1pbGl0w6RyIHVuZCBLcmllZyI7fQ== Zitat: Die 8. US-Luftflotte wirft während des Tages mehr als 1.500 Tonnen Bomben auf Kassel ab. Angriffsziel sind die Werkseinrichtungen der Firma Henschel, die hier Waffen wie den Panzerkampfwagen VI „Tiger“ produziert. Die schlechten Sichtverhältnisse führen dazu, dass nicht nur das taktische Angriffsziel, sondern auch die Innenstadtbebauung in großem Umfang getroffen wird. Beteiligt an dem Angriff ist die auf der Royal Air Force Station Wendling nordwestlich von East Dereham in der Grafschaft Norfolk im östlichen England stationierte 392d Bombardement Group der 8. Luftflotte der US-amerikanischen Luftwaffe (USAAF). Der Verband fliegt seine Einsätze mit viermotorigen schweren Bombern des Typs Consolidated B-24 „Liberator“. Zwei weitere Tagangriffe der Amerikaner auf Kassel erfolgen bereits wenige Tage später, am 27. und 28. September 1944. Sie gelten erneut den drei Henschel-Werken und verursachen in der Stadt größere Schäden. Insgesamt kommen bei diesen drei Angriffen in der vorletzten und letzten Septemberwoche mindestens 37 Menschen ums Leben. Die Gesamtmenge der von den Flugzeugen der US-Luftwaffe abgeworfenen Sprengkörper beziffert sich auf mehr als 3.000 Tonnen Bomben. 39 angreifende Maschinen werden abgeschossen, 133 beschädigt. Die USAAF setzt im Oktober ihre Offensive gegen die Produktionsanlagen der Firma Henschel mit drei weiteren Angriffen fort (2., 7. und 18. Oktober). Zitat Ende Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 05.07.2025 02:59:45 Gelesen: 13496 # 58
Guten Morgen,

Alberts Eltern sind - vorerst - beruhigt, daß es ihrem Sohn gut geht ...





Marburg/L. den 24. Sept 1944.
Lieber Albert! Zunächst gratulieren wir alle Dir herzlichst
zum glücklich überstandenen Terror-Angriff. Du kannst
Dir wohl unsere Freude vorstellen, als Dein Freund Hartmut
B. gestern Abend mit der guten Nachricht und Deinem l.
Brief bei uns erschien. Mama hat ihm für die frohe Bot-
schaft gleich ein stattliches Päckchen mit Äpfeln auf den
Heimweg gegeben, die er hoffentlich im Düsteren auf seinem
Rade gut nach Hause gebracht hat. Außer diesem gestrigen
Schreiben, für das wir Dir ganz besonders danken, weil es uns
so schnell von großer Unruhe und Sorge befreit hat, erhielten
wir vorgestern auch Deine l. Briefe vom 13. u. vom 18.,
u.a. ersteren durch Manfred (gen. Biller) H., als dieser, noch
mit dem Ranzen auf dem Rücken, mittags aus der Schule
gekommen war. Der Brief hat also 9 volle Tage bis zu
uns gebraucht, und der Himmel mag wissen, in welchem
Schulbuch oder Heft Hillers oder Börscher Zugehörigkeit er
so lange geruht haben mag! Und gerade dieser Brief war
tatsächlich der längste, den Du uns je geschrieben hast und
brachte uns so interessante Nachrichten. Andererseits tut
es uns sehr leid, daß Ihr jetzt es mit Alarmbereitschaft usw.
so schwer habt. Siehe nur zu, daß Du bald wieder auf
Urlaub kommst und Dich hier einmal gründlich wieder
ausschlafen kannst. Mit der von Dir beabsichtigten Zeit von
0h-Oh sind wir völlig einverstanden, auch noch aus anderem
Grunde wie Du. Damit Dir aber die Zeit bis zum nächsten
Urlaub nicht gar zu lange wird, erhältst Du anbei einige
Kleinigkeiten an Obst, Plätzchen und Eiern, die unser guter
Herr S. Dir mitbringen wird, weil er in den nächsten Tagen
nach K. zu einem Examen kommen muß. Wenn Du Dich bei
ihm für seine Freundlichkeit bedankst, so vergiß nicht ihm
auch ein paar Worte an uns mitzugeben, aus denen wir Dein
weiteres Ergehen entnehmen können. Für heute lebe denn
wohl und sei herzlichst gegrüßt von Deinen getr. Eltern u. Hilde.


Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 06.07.2025 02:25:24 Gelesen: 13406 # 59
Guten Morgen,

zu diesem "Brief" existiert leider kein Umschlag, der Umschlag in dem der Brief steckte passt überhaupt nicht ... die Sorgen der Eltern werden wieder aufgefrischt ...



Marburg/L. den 27. Sept 1944.
Lieber Albert! Leider ist Herr Guth heute in
der Nacht unverrichteter Sache zurückgekommen
und hat uns das für Dich bestimmte Päckchen
wiedergebracht. Er sagte, daß die Straßenbahn
in K. nicht mehr geht, und zu Fuß zu laufen,
geht bei ihm wegen seines Schadens am Knie
wohl nicht an. So wirst Du ja nun auf die
paar Kleinigkeiten leider vorläufig verzichten müssen.
So eben ist nun der kleine Börsch zu uns gekom-
men mit der betrüblichen Mitteilung, daß K.
wieder einen Terror-Angriff heute Vormittag
gehabt hat. Es ist fürchterlich! Teile uns doch
gleich mit, wie es Dir ergangen ist! Vielleicht
fährt morgen Frau B. wieder nach dort.
Gib ihr alsdann doch gleich ein Lebenszeichen
von Dir an uns mit! Nun Gott befohlen!
Herzl. Grüße von Deinen getr. Eltern u. Hilde.

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 07.07.2025 05:34:18 Gelesen: 13332 # 60
Guten Morgen, inzwischen sind wir im Oktober 1944 angelangt ... O.V., den 5.10.44. Liebe Eltern! Endlich komme ich dazu, Euch den ersten Brief zu schreiben. An dem Morgen war ich um 7 Uhr in der Stellung, halb bin ich mit dem Omnibus gefahren halb gelaufen. Im übrigen hat niemand gemerkt, dasz ich mit 7 Stunden Ver= spätung kam. Ich wurde schon nett begrüszt, am Vormittag bekam Kassel schon wieder einen schweren Angriff ab. Wir schossen wie wahnsinnig, haben auch mehrere Maschinen heruntergeholt, davon eine bereits bestätigt. In der Nacht zum 4. nun, kam hier noch so ein kleiner Mosquito-Angriff mit viel Feuerwerk, wir haben wie beim vorigen auch überhaupt nicht geschossen. Bei beiden eben beschriebenen Angriffen kam in Niedervellmar und in unserer Nähe nichts herunter, auszer vielen Flugzeugteilen. Meine Ansicht ist, dass wenn Kassel wirklich noch einmal angegriffen wird, hier im Norden kaum noch was herunterkommen wird, sondern die Feinde sich den Süden vornehmen werden, wo auch viel mehr Flak steht. Mir geht es tadellos, und zu essen habe ich dank Eurer vielen Sachen wahrhaftig genug. Diesen Brief nimmt Richard Krafft mit, er muss am Montag den 9.10. wieder in der Stellung sein (Um 11 Uhr). Zum Schlusz viele Grüße Euer Albert Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 10.07.2025 06:37:15 Gelesen: 13156 # 61
Guten Morgen, wenn man Harzer Roller im Sommer ungekühlt im Zimmer liegen lässt, so kann man dann am Abend für ein paar Nächte draußen verbringen ... eine Erfahrung, die ein Kollege vor ein paar Jahren machen durfte ... Albert schreibt diesbezüglich nichts, jedoch schreibt er immer noch aus O.V. (Obervellmar) obwohl er schon längst in N.V. (Nieder-Vellmar) stationiert ist ... O.V., den 13.10.44. Liebe Eltern! Eben erhielt ich von Euch die erste Post (vom 4. Oktober) und ich sende Euch auf diesem Wege meinen herzlichsten Dank. Mit der Post ist es ja etwas furchtbares habt Ihr meine letzten Briefe bekommen? Kassel liegt noch immer im Schatten der 7 Angriffe. Straszenbahnen fahren zum gröszten Teil nicht, Zugverkehr stockt noch immer, auf dem Kasseler Bahnhof sind 400 Eisenbahnwagen verbrannt. Bei dem letzten Angriff haben die Bomben= teppiche genau in Henschel gelegen. Das ist vorläufig kaputt. Als Kampfzulage bekamen wir gestern eine Flasche Apfelsaft, musten sie aber bezahlen, sie kostete 3,95RM. Das Essen ansonst geht, heute bekamen wir z.b. 1 Portion Schmalz, 250gr. Weisbrot, 2 Harzer Roller und noch Kommiszbrot. Nur das Essen mittags will mir nicht recht schmecken, es ist immer dasselbe. Bei dem Angriff, den ich nicht mitmachte, gab es in Niedervellmar 27 Tote, davon 25 in einem Erdbunker, der einen Volltreffer erhielt. In unserer Batterie gab es einen Verletzten, Baracken sind keine abgebrannt, es wurde alles gelöscht. Winfried Börsch ist auf Heimaturlaub gefahren, der hat seinen ersten ja schon im Mai gehabt. Zum Schlusz sende ich Euch viele Grüsze auch an Hilde Euer Albert. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 14.07.2025 01:54:25 Gelesen: 12902 # 62
Guten Morgen,

Albert berichtet vom nächsten Besuch der Batterie durch die Generäle, dieses Mal ist ein General aus Kroatien zu Besuch ...



O.V., den 16.10.44.
Liebe Eltern!
Die letzten Tage war hier Hochbetrieb. Ihr wiszt
ja, dasz die meisten Soldaten in unserer Batterie
Kroaten sind, und nun sollte unser kommandierender
General einem kroatischen General die Batterie vor=
führen. Zum Glück haben wir das erst am Sonnabend
erfahren, sodasz wir nicht Wochen vorher wie sonst
bei Besichtigungen unserer Ruhe beraubt wurden.
Aber dafür war gestern am Sonntag hier Hochbetrieb,
die Stellung muszte in Ordnung gebracht werden,
und erst am Abend konnte ich Spindbau betreiben,
und Koppel und Stiefel putzen. So um halb acht
kam auch Alarmbereitschaft, aber es regte uns nicht
auf, wir hatten andere Dinge im Kopf. Wie ich
gerade so schön einen Stiefel wichse, da hören
wir Flugzeuggeräusch. „Typisch Ju 88“ sagte einer,
da „Wumm, Rums“ Bombeneinschläge. Natürlich
grosze Aufregung, wir rasen an die Geräte, Kassel
gibt Vollalarm-Feuerbereitschaft kam eine halbe
Minute später – aber die Maschinen waren schon
wieder weg. Da waren so ein paar Mosquitos bis
Kassel vorgestoszen – mit deutschen Jägern sicherlich
verwechselt – und hatten ein paar schwere Minen
in ein Wohnviertel geworfen. Nun war man vor=
sichtig und wir hatten bis halb 12 Feuerbereitschaft.

./.

Am nächsten Morgen nun wurden wir nicht später
geweckt (heute), denn der General kam ja. Mit neun
Personenwagen kam er angerückt. Er zeigte dem
Oberbefehlshaber der kroatischen Luftwaffe die
Batterie, 80 Schusz scharfe Munition wurden auf
ein gedachtes Flugzeug abgeschossen, und zum
Schlusz kam eine grosze Ordensverleihung, erst deutsche,
dann kroatische Orden. Auch ein Luftwaffenhelfer
bekam das EK2. Dann hauten sie wieder alle

./.

ab. Na und heute Nachmittag nun haben wir frei.
Drauszen regnet es in Strömen, und eben gab
es wieder Alarmbereitschaft. So ist halt das Leben
hier. Inzwischen bin ich Oberhelfer geworden und
habe das Flaktätigkeitsabzeichen bekommen. Zum
Schlusz viele Grüsze auch an Hilde sendet Euch
Euer Albert.

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 15.07.2025 02:03:57 Gelesen: 12837 # 63
Guten Morgen, in diesem Brief meldet sich Mama Frettlöh, sie hat sich in der Zeit vertan und und nutzt die Zeit für ein paar Zeilen an ihren Sohn ... Marburg (Lahn), 18.10.44. Lieber Albert! Du wirst Dich über diesen merkwürdigen Briefbogen wundern. Ich habe mich heute freüh mit der Uhr vertan, bin eine Stunde zu früh aufgestanden, und um den Papa nicht zu wecken, habe ich mir in der Küche ein Stück leeres Papier gegriffen und will die Zeit ausnutzen und Dir schreiben. Papa wollte eigentlich dieses Mal schreiben, nun, so kommt er dann das nächste Mal heran, er hat jetzt auch so viel zu tun, das ganze Obst zu ernten, ist doch eine grosse Arbeit, und Du fehlst uns sehr. Kannst Du wirklich nicht für Ende dieses Monats Deinen Heimaturlaub organisieren? Es ist in diesem Jahr ein solcher Segen, Keller und Bodenraum werden kaum ausreichen, um die zu fassen. Es tut uns so leid, dass Du selbst so wenig von diesem Segen hast. Es ist doch wohl besser, Deine Abfahrt so einzurichten, dass Du Zuganschluss in Kassel bekommst, damit wir unbesorgt den Rucksack mehr füllen können. Papa trug sich schon mit dem Gedanken, Dir ein Paket Äpfel zu bringen, aber man kann sich ja gar kein Reiseprogramm machen, weil durch die fast täglichen Tiefangriffe die Bahnstrecke Kassel – Frankfurt of genug getroffen wird, und die Züge dann eine kolossale Verspätung haben, ./. wenn sie nicht gar ausfallen. Hilde's Fahrerei gestaltet sich auch ganz unregel- mässig. Sonntag z.B. fuhr sie bloss bis zum Südbahnhof [1] und stieg wieder aus, weil die Flieger so doll brummten, bei Wetzlar sollen sie auch tatsächlich einen Zug angegriffen haben. Der Mieter von Damm-Müllers der als Heizer fährt, ist unlängst auch verwundet worden, mit einer Schussverletzung am Halse liegt er im Gymnasium [2]. Hilde's Lager soll nun endgül- tig nach Gmünden (Wohra) (3] kommen, aber erst müssen die grösseren Jungen dorthin, um bei der Fertig- stellung zu helfen. Richard Hückel hat vor einigen Tagen Eure Leitung mal wieder nachgesehen und in Ordnung gebracht, er lässt Dich grüssen. Er hat sich zur Nebeltruppe [4] freiwillig gemeldet. Unser Herr Guth macht sich nun doch wieder Sorgen um seine Angehörigen, am 19. September ist die Evakuierung der dortigen Deutschen noch nicht in Gang gewesen, wohl weil wir hofften, das Banat [5] halten zu können. Von Groß- mutter kam kürzlich ein Brief und ein Glas Bienen- ./. honig. „Königsberg [6] ist ein Schutthaufen“ schreibt sie, „die Tilsiter [7] stehen am Grabe Ihrer Habe, die Wohnung ist ausgebrannt, Eva geht jetzt in Friedland [8] zur Schule.“ Und nun, lieber Albert, habe herzlichen Dank für Deinen gestern abend erhaltenen Brief vom 13., wir bekommen jetzt auch so spärlich Post von Dir. Hoffentlich hat Kassel nun Ruhe, viel zu zer- stören gibt's dort wohl noch kaum. Die Zeit vergeht so schnell, bald bist Du mit Deinem Urlaub dran, und dann sollst Du es zuhause wieder gut haben. Wir freuen uns schon drauf ./. und grüssen Dich bis dahin recht herzlich. Ich muss aufhören, es wird allmählich Zeit, Hilde zu wecken, draussen stürmts' und regnet's, aber es ist nicht kalt, wir hoffen, dass die Tomaten draussen sich noch röten. Die Trauben am grossen Weinstock warten auch noch auf Dich. Nochmals herzliche Grüße und alles Gute von Papa, Hilde und Deiner Mutter. [1] - Südbahnhof - gemeint ist der Marburger Südbahnhof, dort bestand Übergang zur Marburger Kreisbahn Marburg-Dreihausen. Die Entfernung Hauptbahnhof-Südbahnhof sind etwa 3km mit dem Zug. https://de.wikipedia.org/wiki/Marburger_Kreisbahn [2] - gemeint ist die Adolf-Hitler-Schule, heute Martin-Luther Schule in der Savignystraße [3] - hier ist "Gemünden (Wohra)" gemeint, damals existierte die Wohratalbahn noch https://de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_Kirchhain%E2%80%93Gem%C3%BCnden [4] - https://de.wikipedia.org/wiki/Nebeltruppe [5] - https://de.wikipedia.org/wiki/Banat [6] - heute Kaliningrad, siehe auch Beitrag @ DERMZ [#13], die Großmutter wohnte in Böttchersdorf [7] - Tilsit - heute Sowetsk, ich meine, daß es sich um weitere Verwandtschaft in Ostrpreußen handelt ("die Tilsiter") https://de.wikipedia.org/wiki/Sowetsk_(Kaliningrad) [8] - Friedland - heute Prawdinsk https://de.wikipedia.org/wiki/Prawdinsk Zum Ende zeige ich den Briefkopf aus Berlin von Hubert Frettlöh (der Vater von Albert), als er dort als Bauingenieur tätig war Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 19.07.2025 02:11:35 Gelesen: 12595 # 64
Guten Morgen, inzwischen ist es November geworden und der nächste Stellungswechsel steht bevor ... O.V., den 12.11.44. Liebe Eltern! Vielen Dank für Euren lieben Brief vom 1. dieses Monats, den ich erst gestern erhielt. Mir geht es augenblicklich gesundheitlich ausgezeichnet, selbst das typische Novemberwetter mag nichts daran ändern. Was das Abrechnen betrifft, so tut es mir furchtbar leid, dasz ich das vergessen habe, ich hatte an dem Sonnabend 20RM mitgenommen, wovon ich 0.85 bei Seip [1] und 3,80 RM auf der Post ausgegeben hatte, das übrige Geld hatte ich noch bei mir, wie ich wieder hierher fuhr. Wie ich nun meine Barschaft eben hier überprüfte, belief sie sich insgesamt auf 45RM zu meiner gröszten Überraschung. Ihr seht also wie wenig ich ausgegeben habe. Bitte schickt mir an die Privat= adresse, die ich Euch geschrieben habe, keine Briefe mehr, denn die neue lautet: „Bei Umbach Kassel/Obervellmar Turnerweg 6.“ Wir machen nämlich morgen Stellungswechsel in eine mir sehr vertraute Stellung, wie Ihr Euch aus der Privat= adresse ersehen könnt. Dieser Stellungswechsel macht mir grosze Freude, denn dort hat es mir immer noch am besten gefallen. Bitte schickt nichts mehr an Gasthaus Regenbogen [2], denn das ist durch eine Volltreffer zerdroschen. Hoffentlich ist morgen nicht so ein Matsch, und Regen, und Schneetreiben, dann kann es nämlich heiter werden. Heute heiszt es nun packen, und morgen in aller Frühe geht es dann los. Mit der Feuerbereitschaft ist das augenblicklich wüst, fast ein Drittel unserer Zeit stehen wir an den Geräten, meistens haben wir so um die Mittagszeit 3 Stunden und dann abends wieder drei Stunden, daneben viele kleine Feuer= bereitschaften. Unheimliche Bomberströme fliegen Tag und Nacht ./. n das Reichsgebiet ein, die meisten von Ihnen greifen das Ruhr= gebiet und den Raum Münster-Hamm an. Dazu kommen noch die vielen Jagd- und Mosquitoverbände und all' die einzelnen Störflugzeuge. So kann das garnicht weitergehen, und hoffentlich können wir bald etwas Durchschlagendes dagegen anwenden. Zum Glück sind sie nicht mehr so stur beim Feuerbereitschaft geben, letztens warf eine einzelne Mosquito ein paar Bomben in der Nacht auf Kassel, da bekamen wir weder Feuerbereitschaft noch die Stadt Voralarm, auch als man die Bomben krachen gehört hatte. Um mal ein biszchen Ruhe zu haben, hatte ich mir vor ein paar Tagen Ausgang nach Kassel genommen. Ich ging ins Kino, asz drei Teller Torte und besuchte mal die alte Batterie in Niedervellmar, leider fing es dann an zu regnen, und so wurde nichts aus einem kleinen Spaziergang ins Grüne. Aber trotzdem,es war mal was anderes Meine Vorräte sind zwar zusammengeschrumpft, aber noch längst nicht alle. Das Glas Gelee habe ich noch, das Backobst und eine ganze Reihe Äpfel. Auf Karten habe ich mir auszer der Torte noch nichts ge- kauft. Da ich gerade bei Karten bin, ich las eben in der Zeitung, dasz die Urlauberkarten am 7. Januar ungültig werden, da dürfen wir uns also nicht zuviel aufheben. Seitdem ich vom Urlaub gekommen bin, ist hierher kein Lehrer mehr gekommen. Denen ist wohl auch der Weg zu weit und zu dreckig. Dadurch haben wir an fünf Tagen in der Woche morgends frei, aber der Tommy sorgt schon dafür, dasz wir keine Langeweile haben. Zum Schlusz sende ich Euch allen herzlichste Grüsze Euer Albert. [1] Hans Seip, Bäckerei und Cafe, Elisabethstraße 10 in Marburg [2] siehe auch Beitrag @ DERMZ [#36] Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 23.07.2025 02:22:37 Gelesen: 12283 # 65
Guten Morgen, es ist Dezember geworden ... O.V., den 8.12.44. Liebe Eltern! Heute erhielt ich Eure lieben Briefe vom 11.11 und 3.12., für die ich Euch herzlich danke. Es tut mir schrecklich leid, dasz die Post von mir zu Euch so schlecht ankommt, auch die Briefe heute waren seit längerer Zeit wieder ein Lebenszeichen von Euch, ich fand es ein biszchen leichtsinnig von Euch die vielen Brotmarken zu schicken, zum Glück sind sie ja angekommen, ich will sehen, dasz ich dafür Pumpernickel kriege, wenn ich auf Urlaub komme. Wann das sein wird, wissen die Götter, ich hoffe allerdings zu Weihnachten zu Hause zu sein, ha ich wollte schon am 28.11. auf Heimaturlaub fahren „ich wollte!“ Nun wieder der Angriff, der wieder alles verzögert. Morgen ist nun wieder Besichtigung durch irgend so einen General. Das Volk ist wieder ganz durchgedreht, zum Glück habe wir es erst heute erfahren, und nicht vor vier Wochen, so haben wir wenigstens unsere Ruhe gehabt. Mit der Feuer= bereitschaft ist das jetzt prima, wir haben den Tag 8 Stunden davon, alle Augenblicke heiszt es „Drohender Angriff auf Kassel“, und dann fliegen sie „weisz der Kuckuck“ wohin. Man soll nicht vom Teufel reden, dann kommt er nämlich: Drauszen gab es eben Voralarm, da will ich lieber gleich Schlusz machen, damit der Brief noch mitgeht. Viele Grüsze auch an Hilde Albert Feuerbereitschaft! Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 24.07.2025 03:04:34 Gelesen: 12196 # 66
Guten Morgen, ich bin Emiel sehr dankbar, daß er meine Übersetzungen noch einmal überliest und so auch schon viele Flüchtigkeitsfehler verschwunden sind ... verschwunden ist der Wunsch nach Schlaf von Albert jedoch nicht... Albert hat einen neue offizielle Absenderadresse: Lw. Obh. Frettlöh L30330 LGPA Unna Geschrieben hat er folgendes: O.V., den 17.12.44. Liebe Eltern! Vielen Dank für Eure Briefe vom 8.12. und 11.12, die ich heute erhielt. Die so unprogrammmässige Fahrt habe ich gut überstanden, da es keine Feuerbereitschaft gab, konnte ich letzte Nacht 13 Stunden ununterbrochen schlafen. Auch heute will ich früher schlafen gehen. Eben hatten wir wieder eine kleine Advents= feier, sie hat mir sehr gefallen. Das Buch von Sven Hedin bekomme ich vielleicht geschenkt zu Weihnachten, jeder muszte einen Wunschzettel schreiben, da habe ich es angegeben. Weihnachten wird sonst sehr hübsch werden, Weihnachts= bäume sind bereits gekommen. Es wird gebacken, Lieder und Musikstücke werden eingeprobt. Feuerbereitschaft gibt es kaum, worüber wir uns sehr freuen. Ich bin müde und will ins Bett. Gute Nacht und viele Grüsze Euer Albert. N.S. Entschuldigt bitte, dasz nur das halbe Blatt voll ist, aber ich weisz sonst keine Neuigkeiten. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 26.07.2025 13:49:21 Gelesen: 11985 # 67
Guten Tag, es folgt ein Brief, den Albert einen Tag zuvor geschrieben hat, der allerdings erst einen Tag später weiterbefördert wurde ... Albert schreibt folgendes: O.V., den 16.12.44. Liebe Eltern! Ich habe mal gelacht, wie mir einer sagte, er wäre von Kassel nach Marburg 12 Stunden gefahren -, na ich will der Reihe nach erzählen. Also auf dem Marburger Bahnhof überraschte mich das Gerücht von dem Angriff auf Kassel, Unteroffizier Wodrich bestätigte dies, bei der Aus= kunft sagte man uns, Züge würden nur bis Guntershausen fahren. Kurzentschlossen setzten wir uns in den Frankenberg-Warburger Zug, der uns mit ziemlicher Verspätung nach Volkmarsen brachte, Da hiesz es, bei Heckershausen ist die Strecke kaputt, wer nach Kassel will, bis Warburg fahren. In Warburg, es war halb 11, da hiesz es, um 1 kommt der Zug, na wir begaben uns in einen Raum, über dessen Tür ein Schild prangte „Wartesaal 1.Klasse, der aber mehr einem Flüchtlingslager glich. Wir fanden mit Mühe ein leeres Plätzchen mit einem Stuhl, worauf wir uns ab- wechselnd setzten, der andere sasz abwechselnd auf dem Ruck= sack. Es wurde 1, es wurde 2, es wurde 5, kein Zug kam, um halb 6 kam endlich ein Zug nach Kassel. Er hatte keine Einfahrt in Obervellmar und hielt infolge dessen direkt vor der Batterie. So brauchte ich wenigstens das schwere Gepäck nicht so lange zu tragen. Sonst ist in der Batterie alles in Ordnung. Ich mach' jetzt Schlusz, weil ich hundemüde bin, und ins Bett will. Zum Schlusz viele Grüsze Euer Albert. Ich habe versucht, die geplante Fahrtroute darzustellen: Den blauen pin habe ich hier auf Guntershausen gesetzt, dort war die Strecke blockiert. Also ging es erst einmal von Marburg über Frankenberg/Eder nach Volkmarsen, von dort geplant weiter nach Kassel, hier schreibt Albert war die Strecke bei Heckershausen blockiert (ebenfalls mit blauem pin) Es ging also nun von Volkmarsen erst nach Warburg (Westfalen) und dann mit viel Verspätung weiter nach Obervellmar Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 29.07.2025 16:52:15 Gelesen: 11772 # 68
Guten Tag, Albert hält mit seinen Kameraden eine kleine Weihnachtsfeier ab ... der Brief fand erst weit nach Weihnachten den Weg in den Postkasten von Münchhausen ... O.V., den 21.12.44. Liebe Eltern! Heute zur Sonnenwende will ich Euch viele herzliche Weihnachts- grüsze schicken. Wir sind mitten drin in den Weihnachtsvor= bereitungen. Eine Krippe haben wir gebaut, Lametta, das uns der Feind gebracht, gesammelt, und wir wollen noch Plätzchen backen. Vor Feuerbereitschaft haben wir durch unsere Offensive vollkommen Ruhe, hoffentlich dauert dieser Zustand noch bis Weihnachten. Morgen ist die grosze Weihnachtsfeier von der Batterie mit Geschenkefeier, am Heilig Abend feiern wir in der Stube mit Plätzchen und Pudding. Weihnachts= bäume sind genügend da, sodasz jede Stube einen bekommt. Schmuck und Kerzen sind genüge reichlich da. Habt Ihr denn nun einen Weihnachtsbaum, ist die Hilde auf Urlaub gekommen? Wir haben heute neue Luftwaffenhelfer, das heiszt sie haben die Stellung von Soldaten, bekommen. Sie sind vom Wehrdienst zurückgestellte Jungens des Jahrgangs 1927/28. Ach, Papa, das hätte ich beinahe vergessen, den Stolle lasz Dir als Weihnachtsbraten gut schmecken. Augenblicklich sitzen wir hier in der Stube beisammen, einer spielt auf der Blockflöte die alten Weihnachtslieder, die einen schreiben, die anderen lesen, es ist sehr gemütlich. Zum Schlusz viele Grüsze und nochmal alle guten Wünsche für Weihnachten sendet Euch Euer Albert. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 30.07.2025 09:07:25 Gelesen: 11715 # 69
Guten Morgen, Das Weihnachtsfest 1944 ist gefeiert und Albert berichtet von den Feierlichkeiten ... O.V., den 26.12.44. Liebe Eltern! Nun ist dieses Weihnachtsfest auch zu Ende gegangen, und ich musz sagen, ich war angenehm enttäuscht. Schon seit meinem Urlaub waren die Vorbereitungen für das Fest im Gange. Weihnachtsampeln wurden hergestellt, Tannenbäume wurden angefahren, man war emsig bemüht, das Fest schön zu ge= stalten. Am 22. nun fand die Weihnachtsfeier der Batterie statt. Die Kantine war zu diesem Zweck schön geschmückt, zwei riesige Tannenbäume warfen das Licht ihrer Kerzen in den Raum, die Tische waren schön gedeckt, jeder hatte einen bunten Teller, dazu bekamen wir jeder einen Stollen, zwei Bücher und eine Flasche Wein. Zuerst kam ein ernsterer Teil mit Musikstücken und gemeinsam gesungenen Lieder, dann erschien ein Weihnachtsmann, der Spielzeug an die Soldaten verteilte, die kleine Kinder zu Hause haben. Darauf bekam jeder ein Glas Glühwein und dann ... ja dann kam eigentlich nichts, wir gingen weg, und die Landser fingen an zu saufen, was wir weniger schön fanden. Heilig Abend begann man damit, dasz Mittags während des Essens es nach langer Zeit wieder einmal Feuerbereitschaft gab. Ihr habt der Luftlage nach sicherlich auch wieder an dem Mittag viel erlebt. Am Nachmittag um 5 Uhr kam ich dann endlich dazu, unseren Baum zu schmücken, wir hatten genug Kerzen, auch noch einige Kugeln von der Kantine bekommen. Andere bereiteten aus 5 Puddingpulvern (Friedensware, die ein Kaufmannssohn aus unserer Stube mitbrachte) einen Pudding, der selbstver= ständlich anbrannte. Dann nun am Abend bega sollte unser Feiern beginnnen. Allerdings gab erst noch ein paar Mal Feuerbereitschaft, am späten Abend kam auch noch neue Munition, die ausgeladen werden muszte, dann endlich konnten wir unseren Baum anzünden. Wir aszen unseren ./. Pudding, dann tranken wir 4 Flaschen Weiszwein, dazu Plätzchen, die wir selbst backen lieszen. Abundzu sangen wir eines der alten Weihnachtslieder, es war jedenfalls sehr schön. In unserer Mitte war Unteroffizier Wodrich, den wir eingeladen hatten Richard Krafft machte dann noch einige Blitzlichtaufnahmen, um Mitternacht, dann noch einen kleinen Mondscheinspaziergang, um halb eins kamen wir ins Bett. Am ersten Feiertag hatten wir zwar morgends etwas Dienst, aber trotzdem haben wir den Tag ganz gut verlebt. Abends war nun wieder eine kleine Feierstunde, wo die Musik im Vordergrund stand. Sie hat mir sehr gut gefallen. Heute Mittag nun war ein Weihnachtskonzert in unserer ./. Kantine, wo ich alte Freunde aus Niedervellmar traf. Ich musz nun sagen, ich habe Weihnachten ganz schön verlebt, ich hoffe, dasz Ihr es genau so und noch viel schöner verlebt habt. Na, Hilde wird schon dafür gesorgt haben. Zum Schlusz viele Grüsze und die besten Wünsche zum neuen Jahr von Euerm Albert. N.S.: Vielen Dank für den Brief vom 20.12., den ich gerade erhielt. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 31.07.2025 10:37:29 Gelesen: 11590 # 70
Guten Tag,

das Jahr nähert sich dem Ende, Albert schreibt nochmals an seine Eltern:



O.V., den 29.12.44.
Liebe Eltern!
Vielen Dank für Euern lieben Brief vom 22.12., den ich
gestern erhielt. Aber noch viel mehr DANK für das Päckchen,
was Ihr heute Börsch's mitgabt, und was mich ungeheuer
gefreut hat. -
Eben gab es Feuerbereitschaft, ich schreibe den Brief in
unserem Unterstand. Es sind bei Marburg Verbände mit
Nordkurs gemeldet, vielleicht gibt es einen Angriff. Das Päckchen
habe ich wieder zugeschnürt, ich will es erst Sylvester
öffnen. Über uns sind wieder Feindjäger, na soll mich nicht
kümmern. Ihr sagt, ich sollte Euch schreiben vom Weihnachts=
fest u.s.w. Ich habe Euch alles geschrieben. Jetzt bei Fulda
ein Kampfverband mit Nordkurzs, hier kommt man doch
nicht zum Ruhigen Schreiben im Bunker. Jetzt bei Gieszen ein
Verband mit Nordostkurs. Über Fulda Bombenabwürfe. Das Fulda
haben sie ja auch schön zugerichtet. Jetzt gibt es in Kassel
Vollalarm, ha das wird ja prima. Jetzt sieht man hier oft
die neuen Turbinenflugzeuge, die mit unheimlicher Geschwindig=
keit über den Himmel brausen. Jetzt Flugzeuggeräusch im
Südwesten, ich will lieber Schlusz machen. Viele Grüsze und
die besten Wünsche zum Neuen Jahr von
Euerm Albert.

Der Brief zeigt keinerlei Stempel bzw. Anzeichen einer Postbeförderung, ich gehe davon aus, daß Albert diesen der Familie Börsch direkt mitgegeben hat, und diese ihn direkt bei Alberts Familie abgegeben haben.

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 01.08.2025 06:04:45 Gelesen: 11487 # 71
Guten Morgen,

Albert hat noch schnell vor dem Jahreswechsel eine letzte Karte des Jahres an seine Eltern geschrieben...




O.V., den 30.12.44.
Liebe Eltern!
Eben ging der Angriff auf Kassel zu Ende.
Uns ist hier nichts passiert. Wir haben auch
kaum Bomben fallen hören, weil wir ja
so weit von der Stadt liegen. Ich will die
Karte einem Vater eines Kasselaners mitgeben,
der eben hierher kam, deshalb mache ich
Schlusz. Viele Grüsze von Euerm Albert.

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 02.08.2025 04:49:22 Gelesen: 11370 # 72
Guten Morgen,

nur ein paar Tage liegen zwischen dem letzten Brief aus dem Jahr 1944 und dem ersten aus dem Jahr 1945, und doch ist viel geschehen, Albert schreibt sehr umfangreich ...





O.V., den 1.1.45.
Liebe Eltern!
Mit Bomben und Granaten ins neue Jahr, so kann es bei
Kassel für diesen Jahreswechsel gelten. Gestern abend war
die Sylvesterfeier in der Kantine angesetzt und zwar um 6 Uhr,
um 8 Uhr konnte wegen Feuerbereitschaft begonnen werden.
Es gab ein Glas Rotwein, dazu Klösze mit Fleisch, mir hats nicht
besonders geschmeckt. - Ersteinmal im voraus entschuldigt
meine Schrift, ich habe so klamme Finger nach 3 Stunden Feuer=
bereitschaft. - Währenddessen sprach Göbbels, kein Mensch hörte
zu, alles füllte sich den Magen mit Klöszen. Unsere Stube
haute dann so langsam ab, um Sylvester auf unserer
Stube zu feiern. Wir waren zu acht, hatten noch einen Haufen
von den Plätzchen, die wir zu Weihnachten hatten backen
lassen, dazu 5 Flaschen Weiszwein, 2 Flaschen Rotwein
und eine Flasche Sekt. Wir haben dann ganz nett gefeiert, kurz
vor 12 steckten wir unseren Weihnachtsbaum an, der Sekt=
propfen knallte, unser Stubenälteste hielt eine „Rede“ und
so gingen wir ins neue Jahr. Wir saszen dann ruhig und
warteten, bis die letzte Kerze runterbrannte. Es war sonst
sehr gemütlich, na ich kann es schlecht beschreiben. Als Ein=
lage machten wir einen kleinen Mondscheinspaziergang
so um ½ 2 Uhr nachts. Um 3 Uhr kamen wir dann ins
Bett. Ich musz sagen, ich habe die 2 Tage genug und
prima zu essen gehabt. Mittags gab es beide Tage gutes
Sonntagsessen. Gestern nachmittag asz ich 300gr Weiszbrot
mit Butter, abends die genannten Klösze, nachts Wein mit

./.

Plätzchen, heute morgen verzehrte ich den Stollen, den Ihr
Börrch's mitgegeben hattet, heute nachmittag Weiszbrot mit
Pflaumenmus und heute abend Kartoffelsalat mit Bratwurst,
also eine recht abwechslungsreiche Speisekarte, mit der
man eigentlich zufrieden sein kann, aber ich glaube zu Hause
gibt es noch viel bessere Sachen. Heute morgen nun durften
wir bis 9 Uhr schlafen, um 12 Uhr nun gab es Feuerbereit=
schaft. Zuerst ganz ruhig, es hiesz Verbände im Anflug
auf Braunschweig, dann hatten sie Westkurs, na es wird
wohl bald aufgehoben werden, dachten wir, da mit einem
mal taucht im Osten Kassels ein Verband auf und fliegt
an. Wir denken, der ist auf dem Rückflug von Braunschweig,
was auch stimmte, aber er hatte dort keine Bomben geschmissen.
Jedenfalls Rauchzeichen über der Stadt, da wuszten wir
was die Glocke geschlagen hatte. Der Verband war schon
nach Südwesten weg, da ging der Hexenkessel los, von
allen Seiten flogen Verbände an, von deren Existenz wir
gar nichts geahnt hatten. Im Nu war der klare Himmel
Kassels mit Sprengpunkten der Flak übersät, Kondensstreifen
waren überall zu sehen, und an allen Ecken und Enden
gingen Rauchzeichen als Zeichen zum Bombenabwurf
runter, und dieses 1 Stunde lang. Hier in Obervellmar
ist nichts passiert, es ging hauptsächlich alles in die Stadt,
Die Henschelwerke wurden teilweise umgegraben. Die Schätz=
ungen über die Zahl der Maschinen belaufen sich zwischen
700-1000 Maschinen. Ihr werdet sicherlich auch einen
Teil der Maschinen gesehen haben, denn sie kamen ja

./.

von allen Seiten angeflogen, eine Taktik, die sie bis jetzt hier noch
nicht anwandten. Wie dann um 3 Uhr – Feuerbereitschaft,
im Radio hiesz es Kampfverband über Nordwestdeutschland -
Die Verbände blieben zum gröszten Teil im Ruhrgebiet, nach einer
Stunde Feuerbereitschaft konnten wir rein, wo uns auszer
den üblichen Sachen (z.b. ist das Feuer inzwischen ausgegangen)
noch die Überraschung erwartete, dasz kein Licht da war. Ja
so ist, von der vorigen Nacht und dem Angriff heute bin ich
so müde, dasz ich gleich ins Bett gehen will. So ein Angriff
macht einen doch richtig fertig, dazu noch die Kälte, meine
Füsze waren wie abgestorben hinterher. Ich will Euch mal
sagen, mit der Freizeit ist das so knapp, heute am Feiertag
konnte ich gerade diesen Brief schreiben. Vor Weihnachten,
wo wir infolge unserer Offensive Ruhe hatten, war die
Zeit mit Basteleien ausgefüllt, nach Weihnachten liesz uns
der Tommy so wenig Zeit, ich konnte gerade dreimal mich
mit Mathematik beschäftigen, dann die Briefe an die
Groszmutter, Tante Josepha, Knabs und Damm-Müllers. Der
Brief an Damm-Müllers ist meinen Berechnungen nach durch
den Angriff am 30. verloren gegangen, denn unser Postamt
in Kassel ist kaputt, dazu sind auf dem Hauptbahnhof zwei
Wagen mit Feldpost verlorengegangen, die gerade von Unna
gekommen waren. Sagt mal bei Euch ist doch nichts passiert,
denn am 30., als wir doch auch angegriffen wurden, hiesz
es nachher „Rückflüge aus dem Raum Marburg“, weshalb sich
besonders Winfried Börsch Sorgen macht. Bei uns fiel auch
ein Wermutstropfen in die Sylversterstimmung, beim Angriff

./.

vom 30. verlor ein Junge unserer Stube seinen Bruder, der
in einem öffentlichen Luftschutzkeller umkam, während zu
Hause nichts passierte. Augenblicklich spielen sie hinten
auf Mundharmonikas, ich habe den Klang dieser Instrumente
gern, ich weiss auch nicht weshalb, aber es gefällt mir halt.
Ihr dürft aber nun nicht denken dasz wir hier so stur
dahin leben, gestern mittag sind wir vielleicht drauszen
rumgetollt, es war viel Schnee gefallen, nun taute die Sonne
etwas, also das beste Wetter für Schneeballschlachten.
Zum Schlusz viele Grüsze von Euerm Albert.

N.S. Ich habe furchtbar geschrieben, aber mit
klammen Fingern und dann bei Kerzenschein läszt
es sich nicht anders ermöglichen.
N.S. Sollte irgendeine Einberufung, zu Lehrgängen,
W.E.Lager, Arbeitsdienst oder sonst etwas
dorthin kommen, so schickt es ja nicht hierher
nach, sondern schickt es zurück mit dem Vermerk
„Eingezogen als L.W. Helfer seit 5.I.44“, denn ich
will erst meine 16 Tage kriegen, dann ist mir
alles egal.

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 03.08.2025 07:11:24 Gelesen: 11292 # 73
Guten Morgen, bis anhin habe ich noch keinen Dauerbriefumschlag gesehen, Albert verwendet einen solchen Anfang Januar 1945 ... O.V., den 10.1.45. Liebe Eltern! Eben erhielt ich Euren lieben Brief vom 28.12., der mich sehr gefreut hat, besonders weil Ihr schreibt, dasz Ihr auch einen schönen Baum gehabt habt. Ich schreibe diesen Brief abends bei Feuerbereitschaft bei einer trüben Funzel. Drauszen liegt hoher Schnee, ver= bunden mit ziemlicher Kälte. Ach, wenn ich jetzt in Marburg wäre, wie schön könnte ich da Skilaufen, mit meinem Urlaub dauert es mindestens noch 14 Tage. Man hätte es wirklich ./. mal wieder nötig, ein paar Tage Ruhe zu be- kommen. Die Feuerbereitschaft gibt es meistens mittags und abends in der Frei= zeit. Morgends Schulunterricht oder Arbeits- stunde, die von mir eifrig ausgenutzt wird, nachmittags Dienst, nur Freizeit, damit ist Essig. Mittags sind jetzt in Eurer Gegend so verdächtig viele Verbände mit jedem möglichen Kurs, die sollten doch nicht etwa - am 28. dachten wir wirklich, dasz in Marburg die Feindflieger Dummheiten gemacht hätten, denn es hiesz „Abfliegende Kampfverbände ./. aus dem Raum Marburg. Aber Hart= muth Börsche der vor ein paar Tagen hier war, hat uns dann aufgeklärt. Habt Ihr von Ihm meine Grüsze best überbracht bekommen und auch die Marken bekommen. Zum Schlusz sende ich Euch viele Grüsze Euer Albert. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 04.08.2025 03:00:42 Gelesen: 11234 # 74
Guten Morgen, Alberts Schwester Hilde berichtet den Eltern von ihren Erlebnissen auf der Bahnfahrt von Marburg nach Gemünden (Wohra) ... H. Frettlöh KLV-Barackenlager KI 76 Gemünden/Wohra Gemünden, 14.I.45. Liebe Eltern! Nach einer etwas abenteuerlichen Irrfahrt kam ich gestern abend glücklich um ½ 10 hier an. Als ich in Kirchhain ausstieg, kreisten da einige feindliche Jäger in mäs- siger Höhe; ich machte natürlich, dass ich vom Bahnhof wegkam und war kaum 50m weit gekommen, als die Knallerei losging. Unser Zug sowie ein Berliner D-Zug wurden getroffen, einige Tote und Verletzte soll es auch gegeben haben, gesehen habe ich keine. Hier in Gemünden haben sie gestern mittag auch einen Zug beschossen, aus diesem Grunde bin ich auch erst so spät hier eingetroffen. In Kirchhain traf ich noch Frau Adrians mit Anneliese, deren Bräutigam ist vorgestern nachmittag gestorben. Entschuldigt bitte die unmögliche Schrift, a- ber meine Finger sind gänzlich steif gefroren und daher ist nichts Positives zustandezubringen. Viele Grüsse Hilde Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 05.08.2025 11:42:34 Gelesen: 11141 # 75
Guten Tag,

Albert ist ein wenig frustriert, er will seinen Urlaub, bekommt ihn aber (noch) nicht ...





Albert schreibt:

O.V., den 15.1.44.
Liebe Eltern.
„Wir wollen heim – uns reichts!“ Dieser so oft
zitierte Ausspruch soll nun Wahrheit werden, wir
sollen in den nächsten Wochen nach und nach
entlassen werden, natürlich nur um zum R.A.D.
dann zu kommen, aber ein bissel Zeit wird uns
wohl bleiben. Der R.A.D. dauert nur 6 Wochen, und
dann geht’s zur Wehrmacht. Also ich glaube jetzt
nicht mehr, dass ich 16 Tage kriege, aber auf Kurz=
urlaub werde ich wohl noch geschickt werden, um
meine Zivilkleider zu holen. Heute nun steigt
der Abschiedsabend des Jahrgangs 28. Allem Anschein
nach wird es ganz schön werden. Hoffentlich gibt es
nicht Feuerbereitschaft, mit Feuerbreitschaft ist es
ja jetzt ganz toll, wir haben schon an einem Tag
14 Stunden Feuerbereitschaft gehabt bei 20° Kälte. Jetzt
ist es auch nicht schön, halb Glatteis, halb Regen mit
Matsch, und dazu der Wind. Ich will jetzt Schlusz
machen, damit der Brief noch mit der Post mitgeht.
Viele Grüße von Eurem Albert.

N.S. Warum bekomme ich keine Post von Euch, ich schreibe
alle 3 bis 4 Tage und von Euch habe ich die letzte
Post von vor Neujahr.

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 07.08.2025 04:03:24 Gelesen: 11039 # 76
Guten Morgen, die Situation für Albert wird nicht besser ... O.V., den 21.1.45. Liebe Eltern! Warum bekomme ich eigentlich keine Post von Euch? Ich schreibe regelmäszig alle 4-5 Tage, und der letzte Brief von Euch ist vom 28. Dezember. Mit unserer Entlassung wird es sich wohl noch hinausschieben, ach es ist alles so undurchsichtig, ob es noch Urlaub gibt, wann wir entlassen werden, wie es mit dem R.A.D wird. Die Kriegslage ist ja auch nicht berühmt. Wie ich hörte ist fast ganz Ostpreuszen von der Zivilbevölkerung geräumt. Wo mag da die Groszmutter sein? Die Russen stehen ja auch vor Insterburg. Mit Schlesien sieht es ja sehr übel aus, na bis hirhin werden wohl die Russen nicht kommen. Wie seid Ihr denn mit Kohlen dran? Flak= batterien und Kasernen bekommen keine Kohlen mehr, es heiszt im Ruhrgebiet gebe es genug Kohlen, man müsse sie sich nur selbst abholen, auf Oberschlesien dringt ja jetzt auch der Russe vor, das kann ja noch heiter werden, wir gehen ja auch dem Sommer ent= gegen, aber wie wird es nächsten Winter? Aber augenblicklich haben wir ja noch das schönste Winter= wetter, ach wenn ich hier die Jugend Obervellmars die Hänge hinunterjagen sehe, dann denke ich an die Ski zu Hause und an die Annablickwiese. Na wir können uns in stundenlangen Feuerbereitschaften an der schönen Winterlandschaft ergötzen, - und sie ./. uns verleiden. ________________________ Ha, so einen kleinen Nachtangriff hätten wir hinter uns. Vorhin gab es Feuerbereitschaft, kaum waren wir drauszen, da brummte es auch schon am Himmel. Es dauerte ein-zwei Minuten, da wurde es mit einmal so hell, und dann kam hell leuchtend so eine freche rote Kaskade vom Himmel, wir wuszten natürlich gleich bescheid, was dann folgte. Kaskaden, Bomben, Flaksprengpunkte, nur keine abstürzenden Flugzeuge. Nach zehn Minuten war alles vorüber, und nach 20 Minuten waren wir wieder in den Unter= künften. Das gibt ja jetzt immer so oft Feuerbereit= schaft, man kommt zu garnichts. Tag und Nacht fliegt man raus, es ist zum Auswachsen. Es werden aber wohl auch nocheinmal andere Zeiten kommen. Zum Schlusz viele Grüsze von Euerm Albert. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 08.08.2025 15:39:00 Gelesen: 10936 # 77
Guten Tag, Albert schickt einen kurzen Brief mit "Privatboten" an seine Eltern ... O.V., den 26.1.45. Liebe Eltern! Heute fahren zwei Luftwaffenhelfer von uns nach Marburg zu einer Gerichtsverhandlung, einer von ihnen nimmt diesen Brief mit und will ihn nach Möglichkeit selbst bringen. Ich werde wohl so in einer Woche auf Urlaub kommen, und zwar um meine Zivilsachen zu holen. Mal sehen, wieviel Tage ich be= komme. Mit Zügen ist das jetzt mies. Aber das ist in dieser Beziehung nicht das einzige. In Ostpreuszen ist ja die Lage fatal, aber nach dem Wehrmachtsbericht ist Böttchers= dorf [1] noch deutsch. Na, man musz abwarten, wie sich die Sache weiter entwickelt. Vielleicht könnt Ihr dem Überbringer ein kleines Päckchen mitgeben, aber nicht zuviel, und es musz schnell gehen, weil er nicht viel Zeit hat. Er fährt gleich, deshalb mache ich jetzt Schlusz. Viele Grüsze von Euerm Albert. Wer sich ein Bild vom Marburger Hauptbahnhof nach den Bombenangriffen machen will, dem sei dieser Link empfohlen: https://www.trolley-mission.de/de/bahnhof-marburg-bombenangriff-1945 [1] Böttchersdorf war Wohnort der Großmutter - siehe Beitrag [#13] und [#63] Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 09.08.2025 05:44:59 Gelesen: 10880 # 78
Guten Morgen, ich erlaube mir, Erich Kästners Buchtitel etwas zu "verfremden" - mein Titel lautet "Emiel und die Detektive", Emiel hat wieder beste Hilfe gegeben, selbst war ich der Verzweiflung nahe - so können wir dieses Stück Papier zeitlich zuordnen, der Zettel war im Umschlag vom 21.Februar 1945 enthalten. Es muß Januar/Februar 1944 gewesen sein, als Albert an seine Eltern schrieb: Liebe Eltern! Bitte wascht den Schlafanzug und schickt ihn mir zurück. Feldpostmarken schicke ich im Brief. Die Fissanpaste [1] brauche ich nicht, denn ich habe ja die andere Dose schön in meinem Spind wiedergefunden. Den Käse könnt ihr hoffentlich noch gebrauchen. Nun viele Grüße Euer Albert. [1] Im Brief vom 31. Januar 1944 (Beitrag [#9]) schrieb Albert ebenfalls von der wiedergefundenen Fissan-Paste und seinem Schlafanzug, ich vermute als Schreibdatum eher den Februar ... Viele Grüße und besten DANK an Detektiv Emiel sendet Olaf
DERMZ Am: 10.08.2025 00:26:27 Gelesen: 10808 # 79
Guten Morgen, Albert war noch einmal in Marburg auf Urlaub und ist nun wieder zurück in seiner Stellung in Obervellmar ... O.V., den 18.2.45. Liebe Eltern! Na nun bin ich wieder in dem alten Schlamassel, es ist alles beim alten geblieben, und die paar Wochen hält man es auch noch aus. Am Donnerstag hatte ich einen schönen Sitzplatz bis Kassel, wo ich um 1000 ankam. Dort bekam ich einen Personzug nach Warburg, der fast nur aus Güterwagen bestand und mit Flüchtlingen überfüllt war. Es waren hauptsächlich Leute aus Aachen, die nach Sachsen evakuiert worden waren, und jetzt ins Ruhrgebiet wollten. Die waren vielleicht „guter“ Stimmung. Bei uns sind inzwischen 8 Luftwaffenhelfer entlassen worden, wie es mit uns steht, ist ganz unklar. Das Gebiet hat uns jetzt allen einen Einberufungsbefehl zum W.E.-Lager mit Volks- sturmausbildung geschickt. Ich habe eine Einberufung zum Wehrertüchtigungslager Homberg/Efze vom 6. März bis 17. April. Ich sage aber nur – Abwarten. - Denn alle können wir aus Einsatzgründen unmöglich fort. Es gehen auch wieder Stellungswechselgerüchte herum, aber was kann man denn da glauben. Zum Schlusz danke ich Euch für Eure Briefe vom 30.12.44 und 26.1.44, die ich hier vorfand und scheide mit vielen Grüszen Euer Albert. ./. N.S. Schreibt mir bitte die genaue Adresse von Hilde und Tante Josepha, ich habe sie vergessen mitzunehmen. Von Tante Josepha werden wir demnächst lesen ... Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 11.08.2025 00:59:11 Gelesen: 10744 # 80
Guten Morgen,

wie schon angekündigt, Tante Josepha schreibt an Alberts Mutter Elsa ...





Wattenscheid-Hontrop
Vinzenzhaus. Wattenscheid 21.2.45
Liebe Else!
Besten Dank für Deinen l. Brief,
hoffentlich seid Ihr alle gesund. Ich
bin in Höntrop bei den Schwestern
im Vinzenzhaus untergekommen, nachdem
ich zum 2. mal total beschädigt u.
obdachlos geworden bin. Ich habe
viel verloren, meine Kleider, Wäsche
Betten, Wolldecken alles. Jetzt mache
ich mir große Sorgen um meine
Sachen, die bis jetzt noch da sind.
Auf der Commerzbank habe ich noch
2 Koffer voll Wäsche u. Stoffe, 1
Paket ebenso u. 1 Schließfach.
In Sassendorf habe ich den Koffer
von Euch, ganz voll Sachen, auch Decken.
Es ist alles heute sehr wertvoll,
da es bestimmt in Jahren nach
dem Kriege an allem mangelt.
Ich hätte es Euch lieber gegönnt,
als daß es hier zu Grunde geht.
Hoffnung habe ich keine mehr, der
Wiederstand der Soldaten verlängert
den Krieg ins Uferlose, jeder

./.

Tag bringt neuen Bombenterror,
immer weitere Städte werden in
Grund u. Boden ruiniert, (siehe Dresden)
es kostet unzählige Menschenleben.
So sehr man die Engländer auch
verabscheut, so glaube ich doch, daß
jener englische Offizier nicht Unrecht
hatte, der behauptete, ganz Deutschland
sei von einem finsteren Wahnsinn
befallen. Wo soll das hin, wenn
der Krieg noch 1 Jahr dauert, oder
noch länger. Wir sitzen hier hier
Tag u. Nacht im Keller, Alarm
von Morgens bis in die Nacht.
Liebe Else, Du machst Dir sicher
Sorgen um Deine Mutter u.
Verwandten, hoffentlich sind sie
in Sicherheit. Wenn der Krieg
im Sommer zu Ende gewesen wäre,
so wäre uns ein Meer von Blut
u. Tränen erspart geblieben.
Schreibe mir doch bald mal wieder,
was macht Albert, hoffentlich bleibt
er nicht mehr lange in Kassel.
Mit herzlichen Grüßen an Euch alle
Eure
Josepha.


Hier noch ein altes Bild des St. Vincenz Haus in Höntrop



Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 12.08.2025 03:40:20 Gelesen: 10632 # 81
Guten Morgen,

nach Tante Josepha meldet sich weitere Verwandtschaft bei Familie Frettlöh, wer es genau war, kann ich nicht sagen ...





1.III.45
Liebe Tante Käthe!
Daß auch Du Dein Liebstes und Letztes in diesem
grausamen Krieg hergeben mußtest, hat uns aufs
Tiefste erschüttert und in innigster Teilnahme sind
unsere Gedanken bei Dir. Wir glaubten und hofften,
daß Du zum Ausgleich für alles Schwere und Schreck-
schon
liche, das Du durchgemacht hast, Werner erhalten
bleiben würde und empfinden nun doppelt den Schmerz
mit Dir. Muß solch ein prächtiger Mensch in der Erfüllung
seines Lebens dahingehen und für wen, warum?
Es kommt einem alles so sinnlos vor, und an die
Zukunft denkt man bloß mit Schaudern, die frommen
an ein besseres Jenseits
Menschen suchen wohl nach Trost in ihrem Glauben.
Ich ziehe so oft Vergleiche mit den letzten Kriegsjahren
17 u. 18! Mit Heinz fing's an, dann folgte Onkel
Reinhard und so kam Schlag auf Schlag für
unsere Familie. Und in diesem Krieg? Die ersten
haben
Jahre waren für uns auch erfolgreich vor Verlusten
bewahrt bis nun letzten Herbst, wo Muttchen
fürchte
wieder zuerst betroffen wurde denn ich glaube nicht

./.

daß Willy noch lebt, und nun hast Du, liebe Tante
bist Du, liebe Tante um Dein letztes Lebensglück betrogen.
werden wir von Ostpreußen sagen
Und was steht uns allen noch bevor? Wir sind in
solcher Sorge um Muttchen, die letzte Post von ihr
ist vom 13. Dezember. Als ich Deine Schrift im Briefkasten
unseren Verwandten
sah, hoffte ich schon, etwas von Ostpreußen zu erfahren.
sie alle
Wir fürchten, alle unsere Verwandten sind nicht fortge-
rechtzeitig gerannt und in die Hände der Bolschewisten
gefallen. Man kann sich das Elend gar nicht vorstellen,
wenn nur der 10.Teil von dem wahr ist, was sie im
Radio bringen, ist es schon schlimm genug. Ach, liebe
Tante, solltest Du etwas erfahren, vielleicht durch
Evi oder Onkel Benjamin, teile es uns auch mit,
die Ungewißheit um Muttchen ist das, was uns am
meisten bedrückt, wenn unser Leben Sorge um die
Kinder haben wir auch, um Albert, wenn der Wehrmachts-
bericht Angriff auf Kassel bringt und um Hilde, wenn
die Tiefflieger die Bahnstrecken um Marburg angreifen
und dadurch schon mancher Schaden und Menschenverlust
eingetreten ist verursacht ist, aber bisher ist ja noch
gegangen
alles gnädig verlaufen. Wir selbst sind der Front schon
ziemlich nahgerückt, oft haben wir Alarm und in

./.

allerletzter Zeit auch Angriffe, besonders auf das Bahnhofsviertel.

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 13.08.2025 17:58:04 Gelesen: 10504 # 82
Guten Nachmittag, Der Großvater meldet sich und berichtet von der Flucht aus Böttchersdorf: Rohmalm Bei Frau Bleifuss Buchhorst bei Belgard Bz. Köslin Buchhorst, 8km ab Belgard, 2.3.45 Liebe Else! Am 26.1. 9 Uhr sind wir geflohen in Richtung Pr Eylau, Heiligenbeil. Am 6.2. vorm. ging ich mit 5 Polen die unsere Fuhrwerke lenkten von Kl Dexen Kr. Pr. Eylau nach einem abseits gelegenen Hof um Heu für die Pferde zu holen, auf dem Rückweg konnte ich ihnen auf dem vereisten u. steilen Weg nicht schnell genug folgen, als ich auf den Halteplatz kam, waren die Fuhrwerke mit ihnen auch Mutter, meine Schwester u. sämmtliche Leute fort. Ich ging in Richtung Heiligenbeil ihnen nach konnte sie aber nicht einholen noch finden. Ich nehme an, daß, als in dem fürchterlichen Gedränge der Fuhrwerke eine Lücke ./. entstand, der Gendarm sie in diese anhalten liest u. sie in dem Gedränge irgendwo in die Enge u. unter Feindbeschuß kamen, die Polen fortliefen u. ihrem Schicksal überließen. Ich bin zu Fuß mit Wagen, Kutter, Dampfer & Bahn über Heil. Haff, Rosenbg. Pillau Neufahrwasser u. Belgard gekommen Grüße Vater Ohne die Hilfe von Emiel und Volkmar, würde ich noch Tage und Wochen an dieser Karte sitzen, ein herzliches DANKESCHÖN an die beiden. Volkmar war so nett und hat die betroffenen Orte noch auf einer alten Karte markiert - diese ist hier angefügt Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 15.08.2025 04:09:37 Gelesen: 10379 # 83
Guten Morgen, Albert meldet sich ein letztes Mal vor Kriegsende bei seinen Eltern ... O.V., den 3.3.45. Liebe Eltern! Nun haben wiederum zwei Angriffe auf Kassel stattgefunden, und der Bahnbetrieb ist wieder fast völlig lahmgelegt. Uns selbst haben beide Angriffe nichts ausgemacht, wir haben geschossen, aber wahrscheinlich nichts ab= geschossen. Beim Angriff vom 28. bekam Obervellmar eine ganze Menge Brandbomben ab, und wir wurden ins Dorf abbeordert um zu löschen, wo ich bis zum späten Abend blieb. Heute und auch in den letzten Tagen setzt ja der Tommy seine gesamte Luftmacht ein, um seine und ebenso die russische Offensive zu unterstützen. An der Westfront ist ja auch der Gegner schon erschreckend weit vorgedrungen, und an der Ostfront ist die Lage auch ziemlich ernst. Wir haben jetzt andauernd Feuerbereitschaft, man kommt zu Garnichts, wenn man ein paar Stunden geschlafen hat und gesättigt ist, kann man sich freuen. In der vorletzten Nacht fiel hier ganz in der Nähe eine Bombe von einem Fernnachtjäger, während wir im Bett lagen. Mit dem Essen wird es bald knapp werden, mit Kartoffeln ist es in der Batterie bald Ebbe, Brot geht noch, Butter sehen wir überhaupt nicht mehr, dafür Margarine, an die ich mich schon ganz gewöhnt habe. Der Ostpreusze übrigens, den wir hier haben, und dessen Mutter irgendwo im Ermland[1] gewesen war, hat jetzt Nachricht von ihr bekommen, sie ist in der Gegend von Magdeburg untergebracht. Nun ist es wieder Unteroffizier Wodrich, der seine Sorgen hat, denn seine Mutter war eben bei Stolp gewesen, und da ist doch jetzt der Russe durchgebrochen. So hat jeder schon sein Päckchen zu tragen, und wer weisz, wie es uns noch gehen wird. Heute war ein alter Stubenkamerad aus der Batterie Niedervellmar hier, der damals mit Hartmut Börsch zusammen entlassen wurde und noch immer zu Hause ist. So ein Glück müszte man auch haben. Gerade heiszt es: „Schneller Kampfverband im Anflug.“ Da will ich jetzt schlieszen, um noch was zu essen, bevor es Feuerbereitschaft gibt. Woran liegt es eigentlich, dasz ich von Euch keine Post bekomme? Also in der Hoffnung, dasz dieser Umstand sich bald ändere schliesze ich mit vielen Grüszen Euer Albert. [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Ermland#:~:text=Das%2520%C3%B6stlich%2520der%2520unteren%2520Weichsel,ein%2520Bistum%2520innerhalb%2520des%2520Deutschordensstaats. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 16.08.2025 02:13:49 Gelesen: 10268 # 84
Guten Morgen, September 1945 - der Krieg ist beendet, die Leiden groß - schreckliche Nachrichten von der Großmutter ... wie der Brief befördert wurde und wann er Marburg erreichte, ist leider nicht feststellbar - zumindest ist er beim Empänger angekommen ... Abs. M. Romahn Rieben Zollhaus Kr. Lauenburg Rieben [1] d. 2.9.45 Kr. Lauenburg Liebes Elschen, wenn Dich doch diese Zeilen erreichen möchten, und Du mir helfen könntest, hier heraus zu kommen. Seit Ostern sitzen Tante Lenchen und ich hier als Flüchtling, ich bin schwer krank gewesen, bin es auch noch, für die Flüchtlinge wird nichts getan, wir ernähren uns nun durch bettlen. Hier sind nur Polen u. Russen u. ein paar deutsche Familien wir besitzen nichts mehr, wir ./. sind vollständig ausgeplün- dert, keine Wäsche, keine Betten, nur das, was wir auf dem Leibe tragen, was die Spuren der Landstraße schon sehr trägt. Ob Vater sich mag gemeldet haben? Wenn dieser Brief sollte in Deine Hände ge- langen, setze Dich doch mit den andern Verwandten in Verbin- dung, mit Mühe u. Not bekommen wir hier Schreibmaterial Von Ostpreußen hören wir nichts, könnt Ihr uns vor- ./. läufig aufnehmen, wir sind vollständig mittellos, unsere 15 Pferde wurden in Tillau [2] und durch Bombenstreich getötet. all die Schrecken des Krieges sind über uns dahin gegangen, was habe ich mich nach Euch allen gesehnt! Seid alle Viel tausend gegrüßt und wenn es ein Wiedersehn nicht mehr geben sollte, so lebt wohl, Gott schütze und behüte Euch und uns alle. Deine Mutter ./. Adresse Rieben Zollhaus Kr. Lauenburg Auch herzl Grüße an Euch Lieben Alle u. Gottbefohlen In Liebe Frau Martha Rohmahn Geb. Graap geb. 1.3.1868 Böttchersdorf, Kreis Bartenstein Ostpreußen Frl. Magdalene Rohmahn Geb. 11.11.1875. Wieren 27 Kr. Uelzen Bez. Lüneburg bei Bann Bauck [1] heute: Rybno (Gniewino) [2] heute: Tyłowo Viele Grüße und ein besonderer DANK an Emiel und Volkmar von Olaf
DERMZ Am: 16.08.2025 09:00:11 Gelesen: 10238 # 85
Guten Morgen, unter dem tiefen Eindruck des Hilferufs der Großmutter, wäre fast das Lebenszeichen von Albert versäumt worden. Albert ist am 29. April 1945 in einem amerikanischen Gefangenenlager irgendwo in Frankreich registriert worden, er hat den Krieg überlebt! Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 17.08.2025 01:48:05 Gelesen: 10131 # 86
Guten Morgen, Großmutters Brief ist in Marburg angekommen, wann wissen wir nicht, aber Alberts Vater wendet sich an das Rote Kreuz in Stettin bzw. Berlin An das Rote Kreuz Stettin (Berlin) Hiermit richte ich an Sie die dringende Bitte, für 2 alte Frauen von 77 und 70 in einem entsetzlichen Elend Jahren, welche hilflos und verlassen an der der Ostpommerischen Grenze sich befinden, die richtigen Schritte zu tun, damit sie aus dem entsetzlichen Elend in welchem sie sich befinden hierher zu uns gelangen können. Es handelt sich um: 1. Die Mutter meiner Frau, Frau Martha Romahn, geb. Graaß, geb. 1.3.1868, zuletzt Bauernhofsbesitzerin in Böttchersdorf, Kreis Bartenstein in Ostpreussen; 2. deren Schwägerin, Frl. Magdalene Romahn geb. 11.11.1875. Die beiden Frauen sind auf der Flucht im letzten Januar von Ihrem Mann bzw. Bruder ./. getrennt worden, und durch Zufall ist jetzt kürzlich ein dürftiges Lebenszeichen von ihnen, datiert vom 2.9.45, an uns gelangt. An diesem Tage war ihre Adresse Rieben, Zollhaus, Kr. Lauenburg. Welche Schritte zu tun sind, um die beiden alten Frauen aus ihrer fürchter- lichen Lage zu befreien, werden sie ja am besten beurteilen können. Für die Kosten komme ich auf. Darüber hinaus aber würden Sie uns, insbesondere meine Frau, zu un- auslöschlichem Dank verpflichten. Mit dieser Versicherung zeichne ich ergebenst Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 18.08.2025 00:09:48 Gelesen: 10037 # 87
Guten Morgen, ... und es gibt ihn, den Inhaltslosen Umschlag: Was auch immer Heinz Klein mitgeteilt hat, wir werden es wohl nicht erfahren. Ich zeige den Beleg dennoch, weil er meiner Ansicht nach einen interessanten Stempel über die Zustellgebühr trägt: Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 18.08.2025 09:21:32 Gelesen: 9974 # 88
Guten Morgen, da es im letzten Brief nichts zu lesen gab, mache ich mit einer Postkarte aus Goldberg weiter - die Großmutter ist auf der Flucht verstorben ... z.Zt. Goldberg Pommern M. Romahn 3 b. Fr. Frieda Meÿenburg Mühlen Str. I Frau Else Frettlöh Dipl.Ing. 16 Marburg an der Lahn Rosenstr. II ? Goldberg, d. 25.10.45 Mein l. Elschen! Du wirst Dich wundern von mir Nachricht zu erhalten. So schwer es mir wird muss ich Dir mitteilen das dein l. Muttchen am 4.10. heimgegangen ist. Sie woll- te Dich noch besuchen aber die Aufregun- gen u. Anstrengungen auf der Flucht sind zu viel gewesen, bis Angermünde sind wir gekommen auf dem Friedhof hat sie ein Plätz- chen gefunden. Nun bin ich von unserm gan- zen Treck allein übrig geblieben u. dazu alles verloren, das man kaum Wäsche hat zu wechseln. Ich hoffe das Ihr noch ein Plätzchen habt den es ist nicht leicht wenn man kein Dach überm Kopf hat u. die Flüchtling werden nicht gern gesehn. Liebes Elschen es liese sich erzählen zum Winter keine warme Sachen ./. nun läst es sich nicht machen. Ich möchte dir auch die Rechnung habe kein Papier nebst Umschlag, ausgelegt hab ich 119M 50₰ . wenn es die Gelegenheit bietet dann schickst es mir bitte sei mir deswegen nicht böse. Wie lange ich hier bleibe weiss ich nicht. Vielleicht schreibst mir ob Du diese Karte bekommen hast. Es grüszt Euch Alle herzl. Deine Tante Magdalene Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 09.09.2025 07:59:25 Gelesen: 9144 # 89
@ DERMZ [#81]

Guten Tag,

zwischenzeitlich konnte ich die Absenderin in Hamburg identifizieren, es war Kaethe Rohman, Gosslerstraße 63 in Hamburg, es ist die Schwester von Else Frettlöh. Sie schreibt einen weiteren Brief im November 1945 mit ihrer Adresse. Dieser folgt in der nächsten Zeit.

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 11.09.2025 02:44:04 Gelesen: 8970 # 90
Guten Morgen, der eigenen Verzweiflung recht nahe, bekam ich wieder die unbezahlbare Hilfe von Emiel und Volkmar, beiden sei herzlich dafür gedankt. Heute zeige ich den im letzten Beitrag erwähnten Brief von Tante Kaethe aus Hamburg: Abs. K. Rohman, 24 Hamburg 20 Gosslerstr. 63 Hamburg d. 2.11.45 Mein liebes Elschen! Habe vielen Dank für Deinen lieben Brief u. daß Du mir sogleich hast Nachricht zukommen lassen wo Muttchen ist und wir sie suchen können. Wir Alle sind ihret= wegen in großer Sorge gewesen, u. mit Erschütterung habe ich ihre Zeilen gelesen. Was haben nur müssen die Ärmsten ausgestanden haben u. arg durchmachen u. es ist vorläufig vielleicht garnicht möglich ihnen helfen zu können. Ich habe sofort eine Karte unter der angegebenen Anschrift Rieben. Zollhaus. Kr. Lauenburg zur Post gegeben u. am nächsten Tage bekam ich sie zurück mit dem Vermerk: unbestellbar! Bin heute sogleich zur Post gegangen um Erkundigung darüber einzuholen und man findet den Ort: Rieben nicht u. was macht man nun? Zuerst nahm ich an Muttchen wäre in Lauenburg welches ganz ./. Von den Abschenberger fehlt auch noch jede Spur ebenfalls von den Wierener ./. in der Nähe von Hamburg ist aber sie wird im Kr. Lauenburg in Pommern sein u. selbiges ist doch unter polnischer Herrschaft. Herrgott wenn man ihr nun doch nur helfen könnte, nun stehen die beiden Frauen mittellos da u. in dieser Jahreszeit es ist nicht auszudenken dieses Elend. Habe sofort an Vater geschrieben, der in Wieren, Kr. Ülzen Bez. Lüneburg ist u. dort so einigermaßen bei einem Bauern untergekommen ist. Vor kurzem war Lotte Romahn hier, die mit ihren 3 Kindern in Württemberg untergekommen ist u. besuchte von hier aus Vater. Von Onkel Benjamin habe ich schon seit Februar keine Nachricht. Er war mit seiner Familie im Erzgebirge evakuiert u. werden wohl jetzt unter den Russen sein. Am besten geht es Familie Okrasie, die hier glücklich zusammen u. haben es bis jetzt ins Lazarett wo Erich beschäftigt ist sehr ./. Auch an Okrasie habe ich Muttchens Anschrift geschickt wenn doch nur Post durchgehen würde. ./. gut. Lottchen weiß allerdings nicht wo ihr Mann ist. Erich hat sich um eine Arztstelle in Aurich be- worben hoffentlich glückt's denn was er jetzt im Lazarett bekommt reicht ja nicht zum Lebensunterhalt, die armen Ostpr. sind zu hart betroffen u. ihre Heimat werden sie wohl nicht mehr wiedersehen; und sie fühlen sich so unglücklich in der Fremde, Danke Dir noch herzlich liebes Elschen für deine liebevolle Teilnahme bei dem unsagbar schweren Schicksals- schlag der mich durch den Verlust meines lieben unvergeßlichen Jungen betroffen hat. Nur wofür hat er sein junges hoffnungsvolle Leben dahin geben müssen, wie grauenvoll ist dieser ganze Zusammenbruch. Hier bin ich ganz unten und verlassen, meine ganze Wohnung ist mit fremden Menschen belegt 5 an der Zahl, man hat mir nur 1 Zimmer gelassen. Ich kann nicht mal meine Verwandten aufnehmen ./. weil kein nicht ansässiger Hbg. Lebensmittelkarten erhält, die Lebensbedingungen hier für die Großstädter sehr ungüngstig. Vor dem Winter habe ich ein Grauen es gibt keinen Heizstoff, Gas haben wir gottlob seit dem 22.10. Solange habe wir uns kümmerlich behelfen müssen. Es freut mich liebes Elschen, daß es Dir u. Deiner Familie gut geht u. Ihr alle gesund seid. Was gedenken nun Deine Kinder für einen Beruf zu ergreifen, sie studieren doch beide nicht mehr. Und in Deiner Wohnung hast Du auch keine Einquartierung? Dann sei froh. Sobald Du etwas näheres über Muttchen erfährst, dann schreibe es mir doch bitte. Ich hoffe doch daß Dich dieser Brief erreicht. Meinen damaligen vom März scheinst Du nicht erhalten zu haben. Nun wollen wir nur hoffen u. wünschen, daß es gelingen möchte Muttchen zu helfen. Mit vielen herzlichen Grüßen an Dich, Hubert u. die Kinder bin ich in Liebe Deine Tante Kaethe. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 16.09.2025 05:53:36 Gelesen: 8726 # 91
Guten Morgen, @ DERMZ [#80] Tante Josepha aus Wattenscheid schreibt ausführlich nach Marburg über sich und ihre aktuellen Gedanken ... ABS IOSEPHA FRETTLÖH 21 WATTENSCHEID BISMARCKPLATZ 2 GERMAN Wattenscheid 3.11.45 Meine Lieben! Euren l. Brief erhielt ich in diesen Tagen u. hatte ihn Frau Jahn jemand mitgegeben welcher nach Dortmund fuhr, sodaß ich ihn von da zugeschickt bekam. Jetzt soll ja der Postverkehr direkt gehen, sodaß man nicht mehr auf Umwegen zu schreiben braucht. Die Briefe nahm zuerst ein Kirmeßonkel mit welcher mit seinem Karousell im Hessischen herumfuhr, der nahm bald die ganze Corre- spondenz von W. mit, hat aber alles gut besorgt. Was heute nicht alles gemacht werden muß, es ist der reine Roman. Jetzt kann man auch ins Russische Gebiet schreiben, da habe ich leider Gottes meine besten Lieferanten. Wie lange mögen die Briefe laufen? Die Firmen vertrösten einem teilweise auf das Frühjahr 1946 u. das wird auch wohl das Richtige sein, wenn es dann nicht besser ist, wird es wohl Niemals besser werden. Dieser elende Krieg, welch ein Glück wäre es gewesen, wenn der Putsch im Juli [1] Erfolg gehabt hätte, die meisten Städte wären noch heil, Millionen Menschen lebten noch u. ich hätte auch mein Hab u. Gut noch, es ist bestimmt zum Weinen. [1] - gemeint ist die Operation „Walküre“ vom 20.Juli 1944 Ich wohne noch bei Bekannten möbliert, ich habe ja kein eigenes Bett u. Decken, die Bett- federnfabrik ist wegen Kohlenmangel noch nicht wieder im Gang. Das Inlett ist ja bei Euch in guter Hut, sehr verlegen bin ich um die Schuhe, ich habe nur das Paar welche ich anhabe, u. die sind durch, wenn ich sie machen lasse, muß ich Leder mit- bringen. Ihr sollt sie aber nicht schicken es wäre schrecklich, wenn das Paket verlo- ren ging. Vielleicht kommt mal einer hin. Ich käme ja selbst gern, aber bei den überfüllten Zügen kann ich nicht fahren. Hoffentlich ebbt der Verkehr ab, wenn die Hamsterei aufhört. Die Leute fahren we- gen ein paar Kartoffeln oder Äpfel bis ans Ende der Welt, Hunger tut weh, es ist traurig. Wenn ich nach dort käme könnte ich etwas Lebensmittel mitbringen Hermann aus Münster schrieb mir, ich sollte mir Obst bei ihm abholen, ich kann aber nicht hinfahren, so gerne wie ich ein paar Äpfel hätte, denn ich habe in diesem Jahr noch keinen Apfel gesehen, u. bei den Bauern verfault das Obst, es ist schrecklich. ./. Ich befürchte, daß Hermann viel Zeit zum Reisen hat, hoffentlich ist er nicht abgebaut. Ich habe es denen genug gesagt, sie sollten sich nicht so bemerkbar machen in der Partei denn daß die Sache ein Ende mit Schrecken nahm, das habe ich ja immer prophezeit, das wißt Ihr auch u. ich bin froh, daß ihr in nichts drin wart. Am meisten Sorge habe ich mir um Albert gemacht, ist es nicht himmelschreiend solche Kinder in den Krieg zu schicken? Der Himmler hat ja mal geredet, er würde sich nicht bedenken 14 Jährige Knaben alle in den Krieg zu tun, wenn die alten Germanen auf der See fuhren, hätten sie, falls das Schiff zu schwer würde, diese Jungen alle ins Wasser geworfen. Der Himmler dieses Scheusal ist auch noch viel zu gnädig davongekommen mit seiner Giftkapsel [2]. Liebe Else, ich wollte immer schon fragen, was machen Deine Mutter u. Angehörige In Ostpreußen? Du hast doch sicher Nach- richt, hoffentlich gute. Das arme Ostpreußen alles den Polen auszuliefern, man darf garnicht dran denken. Schreibe mir doch mal darüber, es ist doch zu traurig, wo Dein Muttchen schon so alt ist. [2] Heinrich Himmler hat am 23. Mai 1945 eine Zyankali-Kapsel zerbissen und somit Selbstmord begangen Man fühlt doch alles schwerer, wie die Jugend, so geht es mir auch, alles verloren, was man sich schwer erworben hat, ich lebe, wie hier die meisten Leute von meinen Ersparnissen vom Kriegsschädenamt habe ich noch keinen Pfennig Entschädigungen bekommen, u. bin 2 mal ausgebrannt. Es ist noch eben, daß in der Commerzbank die Sachen heil geblieben sind, ich hatte dort 2 Koffer u. 1 Schließfach. In Sassendorf habe ich auch noch Sachen, da steht auch Euer Koffer, der ist noch da, Stoff für Nachthemden ist auch noch drin. Ich wollte Euch schon immer schreiben, sorgt ja, daß Ihr Eure Rauchwaren bekommt, für Zigarren u. Zigaretten Tabak kann man hier alles haben, evtl. kann ich Euch Butter dafür besorgen. Ich würde mich ja so sehr freuen, wenn ich Euch alle mal gesund wieder sehen könnte. Hoffentlich kommen die Kinder nun wieder an Ihr Studium besonders auch Hilde, verschiedene junge Leute aus meinem Bekanntenkreis, welche zuerst Chemie studieren wollten, werden jetzt Philologen, die Kriegs-Abiturienten müssen alle ihr Abitur noch einmal machen. Gute Aussichten haben Eure Kinder bestimmt für später, denn es fehlen zuviel Menschen mit Fähigkeiten. Bochum ist auch ganz kaput, es soll aber jetzt aufgebaut werden, die Engländer wollen es wieder zur Gauhauptstadt machen. Die Architekten machen jetzt Wettbewerb, einer, welchen ich auch kenne, hat ebenfalls einen Preis bekommen. Wenn nur Material da wäre, die Arbeit fürs Baufach ginge ins Riesenhafte. Wenn Du Essen sehen würdest, l. Hubert, Du würdest weinen, so eine schöne Stadt u. jetzt ein Trüm- merhaufen. In Brilon sind auch Bomben gefallen, ich habe dem Friedhofsgärtner schon 2 mal geschrieben, wegen der Gräber, aber noch keine Antwort bekommen. Den Brief von Josef Sprenger konnte ich Dir nicht schicken, lieber H. weil er bei dem Unglück zu Grunde ging. Er hatte aber Großartige Firmenbogen, mit Manufaktur geschäft drauf. Jedenfalls wohnt noch immer ein Sprenger in dem Hause, wo unsere Vorfahren vor 300 Jahren gewohnt haben - Heute am 3.11. hast Du lieber Hubert Namenstag. Ich wünsche Dir noch ein langes, friedliches Leben u. daß Du, Else u. die Kinder gesund bleiben, daß die Kinder eine gute Zukunft haben. Ich habe ein Bild gekauft, mit dem Hubertushirsch, Holzschnitt von einem Bochumer Künstler, wenn ich nach dort komme, bringe ich es mit. Nun hoffe ich, daß ich bald etwas Gutes von Euch höre u. daß wir uns alle gesund wiedersehen. Mit herzlichen Grüßen Eure Tante Josepha Josepha Frettlöh 21 Wattenscheid Bismarkplatz 2 Auch Gruß an Familie Müller, hoffentlich haben sie auch alles heil behalten. Couvert einl. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 18.09.2025 11:56:54 Gelesen: 8575 # 92
Guten Tag,

leider ist nur noch ein Teil - der erste - des Briefes vom Großvater erhalten ...



Franz Romahn – Wieren 27
Kr. Uelzen, Bez. Lüneburg
bei Bauer Bauck


Wieren 27 Kr. Uelzen Bez. Lüneburg
11.11.45
Liebe Else! Meine Schwester teilt mir durch
Schwägerin Käte mit, daß meine liebe Gute
Frau, Deine Mutter, am 4.10 gestorben u.
in Angermünde beerdigt ist, mit ihrem Hin-
scheiden haben wir ihre nimmer müde, aufopfern-
de Fürsorge u. Liebe für uns verloren. Sie
ahnte es, was ich befürchtete, indem sie sagte
als wir am 26.1. vom Hof fuhren, wir werden
Böttchersdorf nicht mehr wiedersehen. Wenn ich
von meiner Schwester Näheres über ihre Krankheit
und Ende erfahre, teile ich es Dir mit gut wenig-
stens daß sie um sie war u. nur sehr schmerz-
lich, daß wir getrennt wurden u. ich ihr nicht bei den fürch-
terlichen Strapazen u Aufregungen auf der Flucht
beistehen konnte, und weiter schmerzlich daß sie in
fremder Ecke ruht u. nicht auf dem Platz, den Sie
sich dazumal nicht zu ruhen, ausgesucht hatte.
Schon einmal schrieb ich, auf der Flucht an Dich [1], da ich
keine Antwort erhielt, ist der Brief wohl nicht zu
Dir durchgekommen. Am 26.1. sind wir mit 5
Wagen, 4 Deputantenfrauen nebst Kinder

./.

[1] - @ DERMZ [#82], Karte vom 2. März 1945 aus Belgard

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 21.09.2025 12:24:12 Gelesen: 8410 # 93
Guten Tag,

wenn das mein erster Brief in alter Schrift gewesen wäre, ich würde es nie wieder lesen wollen - zum Glück haben mir Volkmar und Emiel wieder sehr geholfen





Wir haben folgendes gelesen:


Hamburg d. 11.11.45
Mein liebes Elschen! Ob ihr wohl schon meinen
Brief, den ich sogleich nach Empfang des Deinigen
mit der Nachricht über Muttchen's Aufenthaltsort
magst bekommen haben? [1] Wie hat man da auf-
geatmet, daß man endlich Gewißheit hatte wo
die Ärmste sich befindet u. es doch möglich
wäre, ihr helfen zu können. Und nun bekam ich
vor ein paar Tagen von Tante Lenchen die er-
schütternde Nachricht, daß Deine liebe Mutter, meine
gute Schwester am 4.10. heimgegangen u. in
Angermünde bestattet worden ist. Ein so guter
Hilfsbereiter Mensch hat uns wieder verlassen
u. immer einsamer wird es um uns. Was hat die
arme Mutter wohl noch leiden müssen um so in der
Fremde, fern von ihren nächsten Angehörigen sterben
müssen. Mein liebes Elschen Du wirst schwer
unter

[1] @ DERMZ [#90], Brief vom 2. November 1945

./.

unter der traurigen Nachricht gelitten haben,
ich nehme an, daß es Dir Tante Lenchen bereits
mitgeteilt hat. Ich traure mit Dir liebste Else,
ich habe viel mit meiner lieben Martha verloren,
sie hat in so liebevoller Weise für mich u. unsere
Kinder gesorgt. Wiederum konnte jetzt, wo sie in
Hol. war, so gar nichts für sie tun, das war bitterschwer
Nun ist Muttchen allein so den Leid entrückt, wer
weiß was uns noch bevorsteht, wir werden ihr die
Ruhe gönnen. Ich danke Hildchen noch für ihre
Karte u. Glückwünsche die ich jetzt erhielt. Wie
ich Dir im vorhergendem Brief geschrieben kam
meine Karte an Mutter als unbestellbar zurück
weil der Ort nicht aufzufinden war. Und die
Liebe war da auch nicht mehr am Leben. Tante
Lenchen ist jetzt bereits in Mecklenburg, aber

./.

leider kann man ihr auch noch nicht helfen,
nur daß die Postsachen jetzt durchgehen. Sie möchte
gern nach Hbg. aber es gibt ja leider Gottes keine
Zuzugsmöglichkeit nach hier. Mit fremden
Menschen muß man sich herum ärgern u. seine
Angehörigen kann man nicht aufnehmen. Der
Winter wird wohl ganz besonders hart werden,
davor habe ich ein Grauen. Habt Ihr Brennmaterial?
Hoffentlich geht es Dir u. Deiner lieben Familie
gesundheitlich gut? Tante Anna Okrasie u. Tante
Anna Grooß habe ich Muttchens Tod mitgeteilt. Sie
werden schwer erschüttert sein. Noch hat man noch
keine Gewißheit wo Irmgard mit ihrer Familie
ist. Mein Gott was müssen die armen Ostpreußen
doch nur leiden. Nun mein liebes Elschen sei Du
u. Deine Liebgen auf's herzlichste gegrüßt von
Deiner Dich liebenden Tante Käthe

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 22.09.2025 08:02:23 Gelesen: 8251 # 94
Guten Morgen,

Lottchen meldet sich aus Bad Friedrichshall ...





Bad Friedrichshall, d. 20. XI. 1945
Liebe Else,
Von Vatel erhielt ich eine Karte, auf
der er mir mitteilte, daß Muttel aus
Pommern an Dich geschrieben hätte.
Da ich mir um Muttel große Sorgen
mache, möchte ich Dich herzlich bitten,
mir doch zu schreiben, ob Du inzwischen
wieder eine Nachricht bekommen
hast. Was hat die arme Muttel bloß
alles durchzumachen und keiner
kann ihr helfen. Ich habe hier schon
allen durchziehenden Soldaten Post
an sie mitgegeben, aber ob sie sie er-
halten haben mag?
Ich bin mit meinen drei Kleinen,

./.

mit meiner Mutter und meiner Schwester
in Bad Friedrichshall gelandet. Ich wohne
mit meinen Kindern in einer primitiven
Notwohnung, aber man muß halt zu-
frieden sein. Die Kinder sind gottlob
gesund und munter und ahnen noch
noch nicht, was sie alles entbehren
müssen. Retten haben wir nichts kön-
nen, aber wir hoffen ja, daß es bald
wieder etwas zu kaufen gibt. Meine
größte Sehnsucht und Hoffnung ist es,
daß Willÿ bald heimkehre. Wenn es
auch für ihn schwer wäre, sich an dies
Flüchtlingsleben zu gewöhnen, wir wären
doch zusammen und würden das Leben
auch in dieser Lage meistern.
Ich versuche, jetzt wieder in meinen
Beruf hineinzukommen, habe aber

./.

auf meine Bewerbung noch keine
Antwort.
Vor etwa 8 Wochen habe ich Tante Käthe
in Hamburg besucht und habe auch
gleich Vatel aufgesucht. Es ist ein Elend,
wie Vatel jetzt hausen muß. Wenn ich
erst eine Wohnung habe, dann will
ich versuchen, ihn zu mir zu nehmen.
Aber das wird ja wohl noch eine Weile
dauern. Manchmal möchte man
am liebesten aufhören zu leben, aber
dann überwindet man auch solch
schwache Stunden.
Und wie geht’s Euch? Seid Ihr bei
den Terrorangriffen verschont geblieben?
Was machen Hilde und Albert? Mit
welchem Stolz sprach Muttel doch

./.

immer von ihren Großkindern.
Gebe Gott, daß sie Euch alle noch
einmal sehen darf. Gelt, Else,
Du gibst mir Nachricht, wenn Du
wieder etwas weißt?
Dir und den Deinen weiter-
hin alles Gute wünschend
sendet herzlichst Grüße
Deine
Lotte Romahn



Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 29.09.2025 08:51:12 Gelesen: 7719 # 95
Guten Morgen,

Der Großvater meldet sich zu Weihnachten 1945 mit einer Karte aus Wieren ... Dank der Hilfe von Emiel und Volkmar, ist ein lesbarer Text entstanden ...




Wieren 27. den 23.12.45
Liebe Else! Deinen Brief v. 13.12. erhielt ich am 20.
12. glaubte schon meine traurige Nachricht von MutterS
Tod hätte Dich nicht erreicht, da Du mir nun geantwortet
hast bin ich beruhigt u. ich danke Dir. Gern hätte ich Dir
noch Näheres über ihr Hinscheiden mitgeteilt, aber mei-
ne Schwester meldet sich seit dem 25.11. nicht, u mein
Bruder – der in Mötzlich -Posthornweg 2 – über Halle-
a/Sa. - iO – seit dem 18.11. auch nicht. Wer weiss, ob ich
sie bei der erbärmlichen Ernährung in der dortigen Zone
auch verlieren und sie nicht mehr wiedersehen werde?
Gern wäre ich an ihr Grab nach Angermünde gefahren, um
auch dessen Pflege zu veranlassen aber bei dem
fürchterlichen Gedränge u den unbestimmten Zugverbind-
ungen scheue ich jetzt die Fahrt. Kannst Du mir einen
Vorschlag machen an wen ich mich der Grabpflege dort wende

./.

kann? Hat Dir Lotte Tante mit
geteilt, das ihr Alfred am 15.9.
im Gefangenenlazarett Buro-
wicze [1] bei Moskau gestorben ist,
Wünsche Dir u. Deiner Familie
Gesundheit diese schreckliche
Zeit zu überstehen ein er-
trägliches neues Jahr. Herzlichen
Gruß. Vater

[1] Der genaue Name des Gefangenenlagers ist nicht ganz klar, es gab wohl ein Lager "Bruowicze", aber das lokalisieren wir im heutigen Weißrußland ...

Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 04.10.2025 11:10:37 Gelesen: 7439 # 96
Guten Tag,

in der großen Box fand sich auch eine Quittung der Marburger Presse, dort wird die Bezugsgebühr der Zeitung für den Monat März 1946 bestätigt



Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 05.10.2025 15:56:25 Gelesen: 7349 # 97
Guten Tag, nach einer schnell und einfach lesbaren Quittung hier nun ein weiterer Brief von Tante Josepha aus Wuppertal - der Umschlag ist nicht mehr existent, aber der Inhalt ist mir dann doch auch lieber ... Wattenscheid 22.4.46 Lieber Bruder! Deine Karte erhielt ich gestern, gerade auf Ostern u. ich habe mich sehr gefreut zum hören, daß Ihr alle gesund seid, ich hatte mir schon Sorge gemacht, weil ich so lange keine Nachricht von Euch bekam. Um nun auf die Rezepte von Otto zurück zu kommen, so sollen diese sehr gut sein, laß sie Dir doch machen, damit Du keine Furunkeln mehr bekommst u. noch lange bei den lieben Deinigen bleibst. Und dann möchte ich Dich herzlich bitten, schreib dem Otto doch mal, er ist auch ein armer Teufel, jetzt hat er ja wieder eine gute Stelle, aber 2 mal schon eine eigene Apotheke gehabt. Er hat sich bei mir bitter beklagt, daß er in Deutschland so frostig empfangen wäre, sicherlich von verarmten Menschen will die Familie gewöhnlich nichts wissen. Schreib ihm doch mal ein paar Zeilen, dann freut er sich. Seine Frau, die Nazi=Dame, will jetzt mit Gewalt wieder nach Palästina, das hätte sie eher bedenken sollen. Daß die Kinder wieder gut ins Studium gekommen sind, freut mich sehr, hoffentlich haben die wenigstens eine glückliche Zukunft. Es ist nun ein Jahr hin, daß der schreckliche Krieg zu Ende ist u. wir können hier wenigstens ruhig schlafen. Wenn ich daran denke, was man hier mitgemacht hat, dann kommt mir das Grauen. Ich sitze jetzt auf einem möblier- ten Zimmer, da ich ja meine Betten alle verloren habe u. auch die meisten Möbel. Inhalt ist ja noch bei Euch, aber an Bettfedern ist nicht dran zu kommen, die Engländer beschlagnahmen das Wenige, was noch fabriziert wird. Ich bin froh, daß ich bei Euch noch den Inlett habe u. die Schuhe, denn ich besitze nur noch 1 Paar Schuhe u. die sind auch bald hin. Ich würde herzlich gern herüber kommen um mir die Sachen zu holen, aber die Züge sind so überfüllt u. ich kann kaum gehen, hoffentlich läßt der Verkehr in einigen Monaten nach, dann komm ./. ich gern u. werde mich auch bemühen, etwas mitzubringen. Ihr kennt mich bald nicht wieder, denn ich wiege noch kaum 100 ℔ in die Kleider, welche ich noch habe, gehe ich zweimal hinein. In den letzten Monaten habe ich wieder viel gehungert, denn wenn man krank ist u. selbst nicht gehen kann, bekommt man auch nichts unter der Hand oder auf Tausch. Wir bekommen hier pro Woche 1-2 ℔ Brot, keine Kartoffeln, 150 Gramm Fleisch, 1/8 ℔ Fett, die Jugendlichen von 6-18 Jahren bekommen aber 6 ℔ Brot die Woche (Hoffentlich gehört Albert auch noch dazu) dagegen bekommen die Kinder unter 6 Jahren garnichts. Ich möchte mal wissen, wer diese verrückten Tabellen macht. Hier erzählen sich die Leute Wunderdinge, was es alles in der Amerikanischen u. Russischen Zone gibt, das ist natürlich Blödsinn, es wird wohl nicht mehr geben, wie hier auch. Bei den Nazis haben wir auch genug gehungert, ich habe mir die Listen von den letzten Zuteilungen aufbewahrt, das war auch sehr wenig. Und wenn wir in den ersten Kriegsjahren mehr hatten, so haben wir das gegessen was die Nazis in den andern Ländern geplündert haben. Jedenfalls wenn ich im Sommer noch lebe u. Euch besuchen kann, bringe ich etwas mit. Euer Koffer ist noch voll Sachen in Sassendorf, ich muß mit dem Auto hinfahren um die Sachen zu holen. Wenn ich gewußt hätte, daß auf der Commerzbank alles heil blieb, hätte ich alles dahin gestellt u. auch nicht so viel zu Hause gelassen so habe ich das alles am 2.2.45 verloren Vom Kriegsschädenamt noch keinen Pfennig Entschädigung bekommen. Ich bekam in diesen Tagen einen Brief von einer Firma aus Sachsen, die schrieben sie hätten seit dem 8. Mai 45 keine Rauchwaren mehr bekommen, ich sollte was auf Gegenrechnung schicken. L. H. [1] für Rauchwaren kannst Du heute alles haben, geht nur sorgfältig damit um, laßt Euch nichts entgehen u. Verwahrt alles, vielleicht können wir im Sommer mit der Russischen Zone ein Geschäft machen. Ich tausche meine paar Zigaretten meistens für Butter, ich will aber sehen, daß ich außerdem Rauchwaren bekomme. [1] - Josepha spricht hier ihren lieben Bruder Hubert an (5 Für 40-50 Zigaretten, je nach der Marke bekommt man hier 1 ℔ Butter, Du u. Else habt 60 Z. pro Monat, die Kinder bekom- men ja wohl noch nichts. Rechne Dir das aus u. gebt den Bauern nicht zuviel für Hühnerfutter. Hoffentlich wird dieser Brief nicht wieder geöffnet, man dürfte ja sowas garnicht schreiben. Die Leute sollen ja auch nicht hamstern, aber sie fahren doch weiß Gott wie weit u. wenn sie nur 5 ℔ Kartoffeln auftreiben. Die Men- schen sehen ja aus wie Gespenster, viele können vor Hunger u. Elend kaum sprechen. Ich mache den Engländern keinen Vorwurf, wenn sie nichts haben können sie nichts geben. Aber die Amerikaner könnten uns helfen, wegen mir könnte Deutschland eine amerika- nische Kolonie werden. Hoffentlich erleben wir keinen Krieg mehr, alles aber das nicht, dann lieber etwas Hunger. Auch dieser Schmerz geht vorüber wir wollen die Hoffnung nicht verlieren. Schreibt nun bald mal wieder, ich würde mich sehr freuen, Euch nochmal wieder- zusehen, aber mit dem Platz wird es wohl schlecht gehen, ich möchte Albert auch nicht sein Zimmer abnehmen. Nun hoffen wir das Beste, wenn man soviel Unglück gehabt hat, wie ich glaubt man ja an nichts Gutes mehr. Nun sei Du, Else u. die Kinder herzlich gegrüßt von Eurer Tante Josepha Frettlöh Bismarkplatz 2 Ottos Adresse ist Dr Otto Kleine-Möllhoff 22 Essen (Ruhr) Kranachstr. 35 Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 09.10.2025 16:41:15 Gelesen: 7220 # 98
Guten Nachmittag, Tante Josepha meldet sich erneut aus Wuppertal, jetzt hat die Gute Frau auch noch Rheuma - ihr bleibt gerade nichts erspart .. Sie schreibt: Wattenscheid 4.6..46 Meine Lieben! Wünsche Euch von Herzen ein frohes Pfingstfest, so gut es in dieser betrüb- ten Zeit sein kann. Hoffentlich seid Ihr gesund u. munter, mit mir geht es bestimmt bergab, ich hatte wochenlang einen schrecklichen Husten, jetzt habe ich Rheuma im Knie, sodaß ich vor Schmerzen Nachts nicht schlafen konnte. Heute ist es etwas besser, ich bin nur müde u. schlapp. Die Ernährung ist sehr schlecht, bis jetzt hat man sich helfen können, indem man unter der Hand kaufte, aber jetzt ist fast nichts zu haben, noch nichtmal auf Rauchwaren. Ich denke so oft an Euch, Ihr habt es doch auch so knapp, ich möchte so gerne im Juli oder August nach Marburg kommen, den Koffer bringen, Stoffe habe ich noch für Euch, u. Lebensmittel könnte ich bis dahin auch wohl auftreiben, Aber wie soll ich nach Marburg kommen. Die Züge sind ja so voll, die Hamsterei hört nie auf, die Leute fahren für ein paar Kartoffeln bis ans Ende der Welt. Habt Ihr Eure Ziegen noch u. ein paar Hühner? Etwas hilft es doch immer u. man muß sehen, daß man über diese Zeit hinweg kommt. Ich wäre so froh, wenn ich mir die Schuhe holen könnte, denn meine Schuhe fangen an zu brechen, u. an Neuanfertigung ist garnicht dran zu denken, dann soll ich sämtliches Leder stellen. Mein einziger Wunsch ist, bald mal nach Marburg zu kommen, ich führe ja gern mit einem Auto hin, aber das ist sehr teuer, u. dann soll man noch viel Lebensmittel u. Rauchwaren geben. Nun hoffentlich glückt es mal mit dem Zug, wenn bloß die Ernährung besser würde, daß das schreckliche Hamstern mal aufhört. Nun laßt bald etwas hören, ich mache mir Sorgen um Euch. Hier ist jetzt die Entnazifizierung zu Gange, aber es geht nicht immer gerecht zu, mancher, der nicht viel gemacht hat, wird entlassen u. andere Schreier die Leute bedroht u. angezeigt haben u. heute noch meinen, sie wären über die Nicht-Parteigenossen erhaben, bleiben auf ihrem Posten. Du lieber H. könntest als Nicht P.G. [1] heute auch noch was werden. Grade im Baufach, ich habe gehört, daß in vielen Städten, die Stadt-Baumeister u.s.w. obwohl sie große Nazis waren, geblieben sind, weil kein Ersatz dafür da ist. Hoffentlich haben wir in 1-2 Jahren bessere Verhältnisse, wenn nur der Russe uns keinen Strich durch die Rechnung macht. Im Russ. Gebiet sollen die Rauchwaren, eine Firma schrieb mir, sie hätten seit dem 8. Mai vergangenen Jahres nichts zu rauchen bekommen, ich solle doch etwas schicken, dann liefern sie Ware. Leider habe sie aber alle noch nicht viel Gescheutes. [2] Nun schreibt bald, damit ich weiß daß es Euch noch gut geht. Viele herzliche Grüße Eure Tante Tante Josepha Frettlöh Bismarkplatz 2 ./. Liebe Else hörst Du garnichts von Deinen Angehörigen, schreib mir doch auch mal ein paar Zeilen. [1] P.G. = Parteigenosse [2] Volkmar ergänzt zu dem Wort "Gescheutes": "Gescheutes" ist die Deklinationsform des Adjektivs "gescheut". "Gescheut" bedeutet schlau oder intelligent und ist eine alte Form des Wortes "gescheit". Das Wort ist heute nicht mehr gebräuchlich, es ist eine veraltete Form von "gescheit" - Besten DANK dafür Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 12.10.2025 19:18:05 Gelesen: 7056 # 99
Guten Abend, ein weiterer Brief von Tante Josepha, sie hat noch immer einen Koffer in Wattenscheid ... und mir hilft Emiel immer sehr ... Wattenscheid 12.8.46 Mein Lieber, Vielen Dank für Deinen l. Brief, l. Bruder ich hatte mir schon Sorgen gemacht, weil ich so garnichts von Euch hörte. Gott sei Dank daß Ihr gesund seid u. Ich freue mich sehr, daß die Kinder so gut voran kommen, hoffentlich habe die beiden mehr Glück im Leben wie wir. Es tut mir so leid, daß Albert das Pech mit dem Wespenstich hatte, aber auf das Examen wird es keinen schädlichen Einfluß haben, er wird es mit Glanz bestehen. Die Kriegsabiturienten, worunter heute schon ziemlich alte Herren sind, müssen hier alle das Abitur noch einmal machen! Albert hat es doch sehr hart gehabt im Krieg, bei der Flak in Kassel u. bei der Hitler-Jugend, es ist doch eine große Leistung dann schon mit 18 Jahren das Abitur zu machen. Ich lege ein Briefchen mit 50M. für ihn ein, ich hätte ihm gern etwas Besseres geschickt, doch werde ich alles nachholen. Hoffentlich sehe ich Euch nochmal alle in Marburg, ich überlege schon hin und her, wie ich dahin kommen soll, zumal ich Euren Koffer mit Inhalt u. auch sonst noch Gepäck mitbringen will. Hoffentlich fallen die Zonengrenzen bald, dann ginge es schon etwas besser. Das Schlimmste ist der Russe u. hierbei ist das Traurige, daß fast die ganze Textilfabrikation im Russ. Gebiet ist. Im ganzen britischen Gebiet ist auch fast nichts zu haben, Die Geschäfte lassen vielfach ihre Waren, (was sie noch haben) durch Mittelspersonen auf dem Schwarzen Markt verkaufen nur um existenzfähig zu bleiben. Dabei diese schrecklichen Verordnungen, noch viel schlimmer wie bei den Nazis. Wenn eine Firma z.B. Muster schickte, bekommt man noch lange nichts, weil man Bezugsmarken einsenden muß, u. die sind niemals da. z.B. waren hier auf dem Wirtschaftsamt 3000 An- träge auf Männeranzüge einge- gangen, die Regierung schickte aber im ganzen Jahr nur 70 Bezugsmarken es konnten also nur 70 Mann einen Anzug bekommen, u. dann sorgen die Herren u. Damen des Amts auch noch erst für sich u. die armen Soldaten, Ausgebombten u. Flüchtlinge gehen leer aus. (3 Mit der Ernährung war es in den letzten Monaten schlimm, ¼ ℔ Butter den ganzen Monat u. sonst kein Fett, mit Brot kommt keiner aus. Ich habe mir auch ein teures Brot gekauft, Butter u. Fett kauft bald jeder unter der Hand, es könnte ja sonst keiner was kaufen. Die Tausender fliegen auf dem Schwarzen Markt nur so, es sind schreckliche Zustände Nur für immer wird es ja nicht so bleiben sonst würden die Menschen zu Bestien, Moral gibt es ja nicht mehr, von 100 Menschen stehlen bestimmt 95. Für Garten- u. Felddiebstähle werden ja die schwersten Strafen verhängt u. trotzdem wird geklaut. Not kennt kein Gebot, das ist ein wahres Sprichwort. Solange die Zwangswirt- schaft in der Ernährung anhält wird es auch nicht besser. Ich meine, wenn alles verteilt würde, was an Lebensmitteln auf Tausch, auf dem Schwarzen Markt oder so hintenherum verkauft wird, bekäme jeder mehr. Vorläufig haben noch viele Leute Geld, weil die Nazis ja wahnsinnig damit umhergeworfen haben aber auch das hört mal auf. Wenn mal wirklich normale Zeiten kommen u. Waren mit richtigen Preisen, dann können die meisten nichts mehr kaufen, die sog. Ent- nazifizierung ist größtenteils eine Aschanthe, [1] Aber, Nazis die sogar Andersdenkende mit Anzeigen bedroht u. vielleicht sogar an- zeigten gehen einfach in eine heutige Par- tei, dann ist alles in Ordnung. Ich kümmere mich um garnichts mehr, die Eng- länder haben mit ihrem greulichen Bom- benkrieg einem Heim u. Hab u. Gut zer- stört u. die Deutschen nehmen das, was noch übrig bleibt. Man kann hier noch- nichteinmal eine Zeitung haben, nur die früheren Nazis haben Zeitungen. Hier im Hause wohnen nur frühere Parteimitglieder z. Teil führend, frühere S.S. Familien u.s. w. aber alle bekommen Zeitungen gebracht S.P.D. - C.D.U. u.s.w. Nur ich, der einzige Nazigegner kann keine Zeitung bekommen, ich muß sie mir von den Nazis leihen. Viele sind hier den Nazis zu Liebe aus der Kirche ausgetreten, aber jetzt stolzieren sie Sonntags mit dickem Gesangbuch wieder in die Kirche u. war- ten drauf, daß der Pastor sie wieder in Gnaden aufnimmt. [1] – Aschanthe, Böses Blut erweckte seine innenpolitische Taktik, rivalisierende Stämme gegeneinander auszuspielen und so seine zunehmend unpopuläre Regierung abzusichern. (5 Es ist zum Lachen mit den Menschen. Schreibt mir doch bald wieder, ich schrieb Euch vor längerer Zeit auch einen Brief, hierauf habe ich keine Antwort bekommen, Habt Ihr diesen nicht erhalten? Daß Ihr meinen Brief vom Februar 1945 erst jetzt erhieltet, ist doch merkwürdig, wo mag der denn gesteckt haben. Eine an mich angeblich im Februar 1945 abgeschickte Geldsen- dung vom Kriegsschädenamt habe ich bis heute noch nicht erhalten. Vom 2. Bomben- schaden als ich alles verloren habe, erhielt ich noch keinen Pfennig, es fliegen zwar Milliarden herum, aber die Militär- Regierung verbietet das, die armen Ausgebombten dürfen keinen Heller be- kommen. Aufgebaut darf auch nicht wie- der werden, in 10 Jahren werden hier in der Gegend die Trümmerhaufen, welche zum Teil schon mit grünem Gras u. Sträuchern bewachsen sind, liegen. Essen ist eine ganze tote Stadt gewor- den, keine Industrie u. nichts mehr. Es ist zum Weinen, wenn man sowas sieht. Es wäre wirklich zu wünschen, daß es eine Hölle gibt, wo Hitler u. Genossen ewig drin brennen müßten. Noch vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief aus Bonn eine Wattenscheider Dame, welche hier auch total ausgebombt ist, schrieb mir wörtlich: „Hätten wir doch alle in Deutschland so gedacht wie Sie [2], dann wäre dieses Unglück nicht über uns gekommen.“ Doch es ist nun nicht mehr zu ändern, Hoffentlich haben die Kinder es mal besser, das heißt wenn sich unsere Nachkommen nicht wieder von einem neuen Irrlicht in die Sümpfe führen lassen. Nun hoffentlich auf Wiedersehen, mit herzlichen Grüßen verbleibe ich Eure treue Tante Josepha Frettlöh Bismarkplatz 2 [2] – mit „Sie“ ist Josepha selbst gemeint Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 14.10.2025 08:51:51 Gelesen: 6929 # 100
Guten Morgen, Josepha ist besorgt, da sie noch keine Nachricht erhielt, ob Ihr Einschreiben aus [#99] in Marburg angekommen ist. Wattenscheid 4.9.46 Meine Lieben! Ich sandte am 13.8. einen Ein- schreibebrief mit Inhalt, habt Ihr diesen nicht erhalten? Hoffentlich doch. Laßt bald mal etwas von Euch hören u. hoffe daß Ihr alle gesund seid. Von Brilon erhielt ich von dem Friedhofsgärtner noch keine Nachricht. Schreibt mal eine Karte, dann schreibe ich einen langen Brief. Viele herzl. Grüße Eure Tante Josepha Frettlöh Bismarkplatz 2 Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 15.10.2025 15:44:30 Gelesen: 6807 # 101
Guten Tag, auch der spannendste Karton hat irgendwann ein Ende, dieses ist der aktuell letzte datierbare Brief, den ich vorstellen kann. Ein paar wenige weitere folgen noch, doch die kann ich zeitlich nicht einordnen bzw. es sind nur Fragmente erhalten. Ich danke an dieser Stelle Emiel ganz ganz herzlich, daß er alle Brief-Übersetzungen Korrektur gelesen hat und mir sehr viele Fehler vermieden hat. Auch Volkmar war nicht unbeteiligt, auch ihm gebührt herzlicher DANK. Nun der Brief von Josepha, hat er sich doch auch nach hinten "geschmuggelt", er stammt aus dem Juli 1946 Wattenscheid 27.7.46 Meine Lieben! Habt Ihr meinen letzten Brief nicht erhalten? Es macht mir immer Unruhe, wenn Ihr so lange nicht schreibt. Hoffentlich seid Ihr alle gesund. Ich bin nicht so gut im Stande, die jahrelangen Aufregungen u. Schrecken die man hier mitgemacht hat, wirken sich jetzt aus. Ich habe es sehr am Herzen u. kann sehr schlecht gehen, die Ernährung ist hier ganz minimal, wer am Leben bleiben will, muß unter der Hand u. auf dem schwarzen Markt zu schrecklichen Preisen zu- kaufen, die meisten Leute haben schon kein Geld mehr, dann vertauschen sie alles, was sie haben gegen Lebensmittel. Mancher Wäscheschrank wird heute leer, die Leute gehen damit auf Hamsterfahrt. Es ist zum Lachen, daß in den Zeitungen soviel da- gegen geschrieben wird, die Menschen stören sich nicht daran, sie handeln aus Not u. Not kennt kein Gebot, der schlimmste Grund dieser Zustände ist die Zonen- Abschnürung. Ich meine immer, wenn die Amerikaner alles hätten, wäre uns wohler, die haben doch noch am meisten u. könnten uns etwas geben. Aber was haben sie schließ- lich für ein Interesse an Europa? Textilwaren kommen fast garnicht herein u. wenn eine Kleinigkeit kommt, so erhalten es nur die Flüchtlinge aus dem Osten, diese haben wir hier massenhaft, deshalb ist auch nichts zu essen da. In Ostpreußen sollen ganze Dörfer unbeschädigt total leer stehen u. alles Feld unbebaut sein. Ist das nicht ein Wahnsinn? Jetzt heißt es die Polen wollten die Flüchtlinge zurück kommen lassen, wenn sie die Erklärung abgeben würden, gute Polen werden zu wollen, der Rasse nach sind es ja auch nicht Polen, hier in der Gegend trägt ja schon jeder dritte Mensch einen polnischen Namen, abgesehen von den sog. Umge- tauften. Ich habe vor einigen Jahren mal eine Liste von der hiesigen S.S ge- sehen, da konnte man ruhig drüber schreiben Polenverein, die Pollaken waren alle in der S.S. - S.A. u. Partei, das waren die größten Nazischreier u. Patent- deutschen. (3 Was mag es nun mit dem Eigentum von Elses Verwandten geben, im Kreise Friedland, ist da nicht der Russe? Aus der russ. Zone habe ich von Firmen ein paarmal kleine Päckchen a 1 ℔ bekom- men, dann wollen sie Zigaretten haben, weil es dort keine Rauchwaren gibt, die Sachen sind sehr teuer, handgestrickte Söckchen 14M. Mit Porto u.s.w. Aus dem englischen Gebiet kann man gar- nichts bekommen, alles auf Bezugsmarken u. die erhalten nur die Flüchtlinge. Für die Ausgebombten wird garnichts getan wir bekommen nichtmal Bezugsscheine für die nötigsten Sachen u. niemand kriegt auch nur 1 Pf. Entschädigung. Deshalb bleiben die Trümmer auch liegen, wer kann denn wiederaufbauen? Wenn der Nürnberger Prozeß mal zu Ende ist, geht es vielleicht besser, die Leute befürchten hier einen neuen Krieg zwischen Rußland u. den Westmächten, das wäre ja schrecklich. Viele, die hier noch zu den Nazis hielten backen jetzt kleine Brötchen, weil der Prozeß alle himmelschreienden Schandtaten von Hitler u. Genossen enthüllte. Am 15. Januar 1945 wußte Göring daß der Krieg verloren war, wozu dann noch dieser wahnsinnige Widerstand? Speer [1] sagt es ja auch, die Toten u. Ausgebombten des Jahres 1945 sollten sich bei den Kreigsverlängerern bedanken, (da bin ich auch dabei, ich wurde am 2.2.45 total ausgebomt.) die meiste Schuld hat das dämliche Volk, welches dem Teufel Hitler bis aufs letzte nachlief, der General Jodl [2] sagte es ja aus, die den Hitler u. Genossen beseitigen wollten, standen allein. Hoffentlich kommen noch eine Menge an den Galgen von den Kriegsverlängerern. Man kann kein Mitleid haben, wenn man an diejenigen denkt, welche damals den Krieg beendigen wollten u. mußten am Galgen hängen u. wenn ihr Vorhaben ge- glückt wäre, hätten sie Millionen Menschen- leben u. für Milliarden Kulturwerte u. Heimstätten gerettet. Dann hätte ich auch meine Wohnung noch u. meine guten Betten Wäsche, Decken alles liegt unter den Trümmern. Die Trümmer werden nicht abge- tragen, alles ist schon überwuchert von Pflanzen u. Blumen. Wer weiß, vielleicht fallen nochmal die Atombomben darauf, dann ist alles weg. [1] Albert Speer (1905-1981) – war Reichsminister für Bewaffnung und wurde in den Nürnberger Prozessen zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt [2] Alfred Jodl (1890-1946) – war während des 2.WK Chef des Wehrmachtführungsstabs im Oberkommando der Wehrmacht, am 1. Oktober 1946 er in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt. (5 Ich käme ja so gern mal für ein paar Wochen nach Marburg, habe auch in Sassen- dorf noch Manches, was ich Euch mitbringen möchte, aber wie soll ich nach dort kommen bei diesen überfüllten Zügen. In Gießen müßte ich umsteigen u. mit Gepäck erreichte ich den Zug nach Marburg bestimmt nicht. Ein Auto kann ich auch nicht nehmen, das käme nicht allein furchtbar teuer, sondern man bekommt auch keine Erlaubnis dafür. Vielleicht bringt es der Zufall mal mit sich, daß ich fahren kann. Laßt mal bald etwas von Euch hören. Was machen die Kinder? Hoffentlich fühlst Du liebe Else Dich auch wohl Du hast in letzter Zeit soviel Schweres erlebt. Doch habt Ihr Gott sei Dank Euer Heim noch, was das wert ist, kann nur der fühlen, der keins mehr hat, betrübt auf einem kleinen, möblier- ten Zimmer sitzen u. fremden Leuten nach den Augen sehen muß. Hoffentlich bekomme ich nochmal eine eigene Wohnung, die Aussichten hier sind sehr gering, es ist zuviel zerstört. Lieber Hubert Du schriebst mal wegen einem Firmenbrief von Josef Sprenger ich lege einen solchen ein. Ich hatte ihm nämlich wegen der Gräber in Brilon geschrieben, der Gärtner ließ nämlich nichts mehr von sich hören. Ich will die Gräber weiter pflegen, solange ich noch lebe. Eine Dame, welche etwas davon ver- steht, meinte dieser Herr habe nach der Unterschrift zu urteilen, ein großes Geltungsbedürfnis, nur er war ja auch in Brilon schon Schützenkönig. Ich dachte er hätte mir etwas Neues von den dortigen Verwandten geschrie- ben, aber er scheint garnichtmal zu wissen, daß wir mit ihm verwandt sind, daher die förmliche Anrede. Nun auf Wiedersehen meine Lieben, hoffentlich, ich sehe Euren Nachrichten so gerne entgegen, viele herzliche Grüße Eure Tante Josepha Frettlöh Bismarkplatz 2 ./. Das Schreiben macht keine Freude bei dem schlechten Papier, könnt Ihr da nichts Besseres haben, ich wäre sehr dankbar. Viele Grüße Olaf
DERMZ Am: 18.10.2025 17:29:49 Gelesen: 6674 # 102
Guten Tag, das philaseiten-Mitglied opti53 überließ mir in Kopie einen Aufruf der Fachschaft Naturwissenschaften der Philippsuniversität Marburg aus dem Jahr 1947. Es wird freundlich erinnert, doch bitte zur Wahlurne zu gehen, damit der Allgemeine Studentausschuss (ASTA) mit einer ordentliche Anzahl Vertreter aus den Geistes- und Naturwissenschaft vertreten ist. Unterzeichnet für die Fachschaft Naturwissenschaften hat Albert Frettlöh ... Vielen herzlichen DANK an Thomas für dieses weitere Stück Geschichte der Familie Frettlöh Viele Grüße Olaf