Guten Morgen,
nur ein paar Tage liegen zwischen dem letzten Brief aus dem Jahr 1944 und dem ersten aus dem Jahr 1945, und doch ist viel geschehen, Albert schreibt sehr umfangreich ...

O.V., den 1.1.45.
Liebe Eltern!
Mit Bomben und Granaten ins neue Jahr, so kann es bei
Kassel für diesen Jahreswechsel gelten. Gestern abend war
die Sylvesterfeier in der Kantine angesetzt und zwar um 6 Uhr,
um 8 Uhr konnte wegen Feuerbereitschaft begonnen werden.
Es gab ein Glas Rotwein, dazu Klösze mit Fleisch, mir hats nicht
besonders geschmeckt. - Ersteinmal im voraus entschuldigt
meine Schrift, ich habe so klamme Finger nach 3 Stunden Feuer=
bereitschaft. - Währenddessen sprach Göbbels, kein Mensch hörte
zu, alles füllte sich den Magen mit Klöszen. Unsere Stube
haute dann so langsam ab, um Sylvester auf unserer
Stube zu feiern. Wir waren zu acht, hatten noch einen Haufen
von den Plätzchen, die wir zu Weihnachten hatten backen
lassen, dazu 5 Flaschen Weiszwein, 2 Flaschen Rotwein
und eine Flasche Sekt. Wir haben dann ganz nett gefeiert, kurz
vor 12 steckten wir unseren Weihnachtsbaum an, der Sekt=
propfen knallte, unser Stubenälteste hielt eine „Rede“ und
so gingen wir ins neue Jahr. Wir saszen dann ruhig und
warteten, bis die letzte Kerze runterbrannte. Es war sonst
sehr gemütlich, na ich kann es schlecht beschreiben. Als Ein=
lage machten wir einen kleinen Mondscheinspaziergang
so um ½ 2 Uhr nachts. Um 3 Uhr kamen wir dann ins
Bett. Ich musz sagen, ich habe die 2 Tage genug und
prima zu essen gehabt. Mittags gab es beide Tage gutes
Sonntagsessen. Gestern nachmittag asz ich 300gr Weiszbrot
mit Butter, abends die genannten Klösze, nachts Wein mit
./.
Plätzchen, heute morgen verzehrte ich den Stollen, den Ihr
Börrch's mitgegeben hattet, heute nachmittag Weiszbrot mit
Pflaumenmus und heute abend Kartoffelsalat mit Bratwurst,
also eine recht abwechslungsreiche Speisekarte, mit der
man eigentlich zufrieden sein kann, aber ich glaube zu Hause
gibt es noch viel bessere Sachen. Heute morgen nun durften
wir bis 9 Uhr schlafen, um 12 Uhr nun gab es Feuerbereit=
schaft. Zuerst ganz ruhig, es hiesz Verbände im Anflug
auf Braunschweig, dann hatten sie Westkurs, na es wird
wohl bald aufgehoben werden, dachten wir, da mit einem
mal taucht im Osten Kassels ein Verband auf und fliegt
an. Wir denken, der ist auf dem Rückflug von Braunschweig,
was auch stimmte, aber er hatte dort keine Bomben geschmissen.
Jedenfalls Rauchzeichen über der Stadt, da wuszten wir
was die Glocke geschlagen hatte. Der Verband war schon
nach Südwesten weg, da ging der Hexenkessel los, von
allen Seiten flogen Verbände an, von deren Existenz wir
gar nichts geahnt hatten. Im Nu war der klare Himmel
Kassels mit Sprengpunkten der Flak übersät, Kondensstreifen
waren überall zu sehen, und an allen Ecken und Enden
gingen Rauchzeichen als Zeichen zum Bombenabwurf
runter, und dieses 1 Stunde lang. Hier in Obervellmar
ist nichts passiert, es ging hauptsächlich alles in die Stadt,
Die Henschelwerke wurden teilweise umgegraben. Die Schätz=
ungen über die Zahl der Maschinen belaufen sich zwischen
700-1000 Maschinen. Ihr werdet sicherlich auch einen
Teil der Maschinen gesehen haben, denn sie kamen ja
./.
von allen Seiten angeflogen, eine Taktik, die sie bis jetzt hier noch
nicht anwandten. Wie dann um 3 Uhr – Feuerbereitschaft,
im Radio hiesz es Kampfverband über Nordwestdeutschland -
Die Verbände blieben zum gröszten Teil im Ruhrgebiet, nach einer
Stunde Feuerbereitschaft konnten wir rein, wo uns auszer
den üblichen Sachen (z.b. ist das Feuer inzwischen ausgegangen)
noch die Überraschung erwartete, dasz kein Licht da war. Ja
so ist, von der vorigen Nacht und dem Angriff heute bin ich
so müde, dasz ich gleich ins Bett gehen will. So ein Angriff
macht einen doch richtig fertig, dazu noch die Kälte, meine
Füsze waren wie abgestorben hinterher. Ich will Euch mal
sagen, mit der Freizeit ist das so knapp, heute am Feiertag
konnte ich gerade diesen Brief schreiben. Vor Weihnachten,
wo wir infolge unserer Offensive Ruhe hatten, war die
Zeit mit Basteleien ausgefüllt, nach Weihnachten liesz uns
der Tommy so wenig Zeit, ich konnte gerade dreimal mich
mit Mathematik beschäftigen, dann die Briefe an die
Groszmutter, Tante Josepha, Knabs und Damm-Müllers. Der
Brief an Damm-Müllers ist meinen Berechnungen nach durch
den Angriff am 30. verloren gegangen, denn unser Postamt
in Kassel ist kaputt, dazu sind auf dem Hauptbahnhof zwei
Wagen mit Feldpost verlorengegangen, die gerade von Unna
gekommen waren. Sagt mal bei Euch ist doch nichts passiert,
denn am 30., als wir doch auch angegriffen wurden, hiesz
es nachher „Rückflüge aus dem Raum Marburg“, weshalb sich
besonders Winfried Börsch Sorgen macht. Bei uns fiel auch
ein Wermutstropfen in die Sylversterstimmung, beim Angriff
./.
vom 30. verlor ein Junge unserer Stube seinen Bruder, der
in einem öffentlichen Luftschutzkeller umkam, während zu
Hause nichts passierte. Augenblicklich spielen sie hinten
auf Mundharmonikas, ich habe den Klang dieser Instrumente
gern, ich weiss auch nicht weshalb, aber es gefällt mir halt.
Ihr dürft aber nun nicht denken dasz wir hier so stur
dahin leben, gestern mittag sind wir vielleicht drauszen
rumgetollt, es war viel Schnee gefallen, nun taute die Sonne
etwas, also das beste Wetter für Schneeballschlachten.
Zum Schlusz viele Grüsze von Euerm Albert.
N.S. Ich habe furchtbar geschrieben, aber mit
klammen Fingern und dann bei Kerzenschein läszt
es sich nicht anders ermöglichen.
N.S. Sollte irgendeine Einberufung, zu Lehrgängen,
W.E.Lager, Arbeitsdienst oder sonst etwas
dorthin kommen, so schickt es ja nicht hierher
nach, sondern schickt es zurück mit dem Vermerk
„Eingezogen als L.W. Helfer seit 5.I.44“, denn ich
will erst meine 16 Tage kriegen, dann ist mir
alles egal.
Viele Grüße Olaf