Briefmarken Atteste

Thema:

Nachweis wertvoller Sammlung im Erb- und Versicherungsfall

Papiertiger Am: 01.12.2024 08:18:55 Gelesen: 1865 # 1
Hallo, Ich habe mich gefragt, wie ich gegenüber unkundigen Familienmitgliedern im Todesfall bzw. gegenüber einem Versicherer im Schadensfall den ungefähren Wert meiner Sammlung nachweisen kann. Bei Kauf mit Rechnung ist das natürlich relativ einfach, doch auch durch Tausch oder Nachlässe kann ich nur wenig Beläge vorweisen. Ich habe mir überlegt, meine Sammlung zu virtualisieren, d.h. Fotos inkl. meiner Visitenkarte zu machen. Macht das Sinn? Geht das hier auf der Seite im virtuellen Album? Im Ernstfall können das Experten den aktuellen Wert ermitteln. Alternativ lasse ich einen Experten kommen, der mir seine Einschätzung schriftlich gibt. Was meint ihr? Gibt es noch weitere Möglichkeiten? In dem Zusammenhang frage ich mich, welche Versicherung ich brauche, damit ein Schaden abgedeckt wäre. Bis wieviel Euro ist eine Standardversicherung (Hausrat?) ausreichend? Vielen Dank für Eure Tipps und Meinungen! Viele Grüße
bovi11 Am: 01.12.2024 08:30:30 Gelesen: 1857 # 2
@ Papiertiger [#1] Da hilft nur eine gute und möglichst vollständige Dokumentation, wobei wirklich werthaltige Stücke durch Atteste oder Befunde belegt werden sollten. Die Digitalisierung allein vermag die Echtheit und Qualität der wertvolleren Stücke nicht zu belegen.
Dobe Am: 01.12.2024 08:40:29 Gelesen: 1852 # 3
Lieber Papiertiger, da ich diesen Prozess sowohl bei der Versicherung abgeschlossen habe als auch gerade meine Altitalien-Sammlung ins Testament übertrage, würde ich vorschlagen, du kontaktierst mich persönlich. Wie bovi11 aber schon gesagt hat, ohne Zertifikate ist der Aufwand nicht sinnvoll. Ich habe wirklich viel Zeit und Geld in die nahezu komplette Überprüfung und Zertifizierung meiner Sammlung gesteckt, im Todesfall könnte jedes Auktionshaus die Sammlung sofort einschätzen. Ich habe eine Liste hinterlegt, welche Auktionshäuser in Frage kommen und welche italienischen Prüfer bei Fragen kontaktiert werden können, sollte ich plötzlich versterben und das auch mit meinem ältesten Sohn besprochen. Eine Sichtung der Sammlung für den ungefähren Wert ist nur äußerst grob und reicht nur für eine sehr untere Schätzung der Wertermittlung aus. Wertvollere Sammlungen oder Marken ohne Prüfung erzielen idR nur Erlöse, die weit unter dem Wert liegen - in meinem Sammelgebiet ist das zumindest so. Ich würde den Rat von bovi11 befolgen und die vermeintlich 10-12 wertvollsten Briefmarken oder Briefe prüfen lassen, auch wenn es teuer ist. Sollte sich die Echtheit bestätigen, dann weiß jeder Bieter, dass mit hoher Wkt. die meisten der restlichen Marken und Briefe ebenfalls echt sind - dann macht das mit der Versicherung mehr Sinn und die Wertermittlung steht auf fundierten Beinen. Liebe Grüße Michael
chris63 Am: 01.12.2024 13:43:09 Gelesen: 1728 # 4
@ Papiertiger [#1] Hallo Papiertiger, schwierig auf die vielen Fragen Tipps zu geben, habe eine in Teilen abweichende Meinung. Eine zeitfressende Dokumentation und im Regelfall auch Deiner anderen Wertgegenstände ist erforderlich. Eine Zertifizierung nur aus versicherungstechnischen (Hausratversicherung) Gründen im Regelfall nicht erforderlich. Mit der Dokumentation (incl. Opas Silberpokal, Omas Schmuck, Tantes Porzellan und Vaters goldener Uhr) gehst Du zu Deiner Versicherung. Sollte keine Einigung über den Wert erzielt werden, folgt eine Wertschätzung durch die Versicherung oder einen für Versicherungen tätigen Gutachter. Transportierst und stellst Du Deine Sammlung aus, brauchst Du eine Valorenversicherung, die lässt sich nur für Deine Sammlung abschließen. Welche Unterlagen nötig sind gibt die Versicherung vor. Für den Erbfall mal ein nicht unwahrscheinliches Szenario: Du lässt von einem vereidigten Gutachter einen Wert in € ermitteln, der Gutachter benötigt dazu Atteste von Spezialprüfern. Der Gutachter ermittelt einen Markt/Handelswert von 100.000€ bei Kosten für Gutachten und Atteste von 15.000€. 20 Jahre später tritt der Erbfall ein, die Atteste (incl. einer Fehlprüfung) sind aus der Haftung, der Markt/Handelswert hat sich halbiert. Finanzamt rechnet aber mit 100.000€, Freibeträge sind schon durch das Auto aufgebraucht, neues Gutachten um den niedrigen Wert gegenüber dem Finanzamt zu beweisen kostet 5.000€, die aber nicht zu den Nachlassverbindlichkeiten zählen. Nach meiner Meinung sind Atteste usw. nur für mich interessant oder für einen zeitnahen Verkauf nötig. grüsse Christof
drmoeller_neuss Am: 01.12.2024 14:50:06 Gelesen: 1684 # 5
@ Papiertiger [#1] Die allererste Frage, die Du Dir ehrlich stellen musst: welchen reellen Marktwert hat meine Sammlung wirklich? Oder anders: was würdest Du netto erlösen, wenn Du morgen ein Auktionshaus anrufst und mit der Verwertung Deiner Sammlung beauftragst? Du wirst viele Teile davon oder vielleicht alles in Form von Losen "Nachlass in Umzugskartons, bitte besichtigen" im Auktionskatalog wiederfinden. Häufig lassen die Auktionatoren auch mittleres Material in den Kartons, damit überhaupt jemand die restliche Masse mitkauft. Realitätsbewußtsein ist das oberste Gebot der Stunde. Was auf keinen Fall schadet, wenn Deine anderen Freizeitaktivitäten darunter nicht leiden, ist eine komplette Erfassung Deiner Sammlung. Wie bereits schon geschrieben, mache eine Liste der besseren Stücke und das übrige Material erfasst Du pauschal (z.B. Italien postfrisch 1955-2000). Dazu machst Du gute Fotos bzw. von den besseren Sachen hochaufgelöste Scans. Rechnungen von Auktionshäusern, Händlern oder die eigene Buchführung helfen weiter. Aber auch hier musst Du den Sinn für die Realität behalten: Du wirst sicher auf den ein oder anderen Beleg stolz sein, für den Du hunderte Kilometer gefahren bist oder viel Porto aus dem Ausland bezahlt hast. Trotzdem steht der Beleg auf der Haben-Seite nur mit einem Euro Handelswert. Und wirkliches Spitzenmaterial kann man nicht einmal eben auf einem Tauschtag eintauschen. Am besten Du verfolgst die Auktionserlöse der letzten Auktionen. Gerade Standardmaterial aus Deutschland ist in Mengen auf dem Markt, und entsprechend sind die Preise gefallen. Eine gute und vollständige postfrische DDR-Sammlung bringt etwa 200 Euro, eine komplette postfrische Bund-Sammlung mit dem Posthornsatz aus der DM-Zeit etwa das doppelte. Frankaturgültiges Material aus der Euro-Zeit setzt man realistisch mit dem Ankaufspreis der einschlägigen Frankaturhändler an. Bund-Euro bringt etwa 70% vom Postpreis, Schweiz etwa 60 Eurocent pro Schweizer Franken und die anderen Länder nur den halben Postpreis oder weniger. Und so mancher Reichrechner ist posthum auf die Schnauze gefallen: die Erben wähnten sich schon als Michel-Millionäre und das Finanzamt wollte auch sein Scherflein haben. Das ganze endete damit, dass ein externer (und teurer) Gutachter für viel Geld alle Beteiligten auf den Boden der Realität zurückholte, indem er die Unmengen an Kartonphilatelie nur mit dem Altpapierwert taxierte. Im Erbfall ist es immer am besten, wenn die Erben sich einig sind. Sonst gibt es nur einen Gutachterkrieg (Gutachten - Gegengutachten), und der lachende Dritte ist immer das Finanzamt. Ein vernünftiges Testament hilft, Streitereien zu vermeiden. Wenn Familien sich einig sind, wechseln Sammlungen diskret den Besitzer und tauchen in der Steuererklärung gar nicht auf. Wenn Du die Spitzenstücke prüfen lässt, hilft das in erster Linie den Erben, die Deine Sammlung verwerten wollen. Auktionatoren freuen sich über aktuelle Atteste, den Text können sie meistens eins-zu-eins als Losbeschreibung übernehmen, und ein Risiko gehen sie für geprüfte Ware nicht ein. Ob sich "Prüfen" immer kaufmännisch lohnt, steht auf einem anderen Blatt. Gerade für mittleres Material in Durchschnittserhaltung lassen sich die zusätzlichen Prüfkosten nicht realisieren. Dazu kommt der zeitliche Aufwand und die Spesen für die Prüfsendungen. Und was die Marke auf dem Markt wirklich wert ist, schreibt der Prüfer nicht in sein Attest. Vielleicht lebst Du auch noch länger als gedacht, und die Atteste sind bei Deinem Ableben schon aus der Haftung gelaufen bzw. durch die neuste Forschung überholt. Wenn Du selbst Spass und Genugtuung an geprüften Marken hast, dann lasse prüfen. Jammere dann aber bitte nicht über die Prüfkosten. Zuletzt das Thema Versicherung; da musst Du mit der Versicherung selbst abklären. Eine vernünftige Aufstellung und eine Wertschätzung ist aber das Mindesteste, was Du mitbringen musst. Je nach tatsächlichem Wert wird die Versicherung zusätzliche Maßnahmen zum Einbruchs- und Brandschutz erwarten, oder Du mußt einen Tresor einbauen. Die ganz wichtige Frage: Gegen welche Schäden sind Deine Briefmarken versichert? Einbruch und Feuer sind klar, wie sieht es aber mit einem Wasserschaden nach einem Rohrbruch aus? Oder Du lässt es einfach darauf ankommen. Wenn Deine Elektroinstallation und die angeschlossenen Geräte in Ordnung sind, und Du sonst auf offenes Feuer in der Wohnung verzichtest, dürfte ein Brand nahezu ausgeschlossen sein. Bei Einbrechern sind Briefmarken auch nicht mehr so begehrt wie früher. Viel zu schwer, die Masse ist schlecht abzusetzen und bei besseren Einzelstücken ist das Risiko des Erwischtwerdens zu gross. Schmuck lässt sich über den Metallwert schneller und einfacher zu Geld machen.
Papiertiger Am: 01.12.2024 20:18:13 Gelesen: 1565 # 6
Vielen Dank für Eure prompten und ausführlichen Antworten! Ich habe mich sehr darüber gefreut, da ich sehr gute Gedankenanstöße bekommen habe, an die ich bislang nicht gedacht habe! Zum Beispiel habe die Steuer-/Finanzamtproblematik nicht bedacht! Außerdem stimme ich zu, dass der Wert der Sammlung wohl in der Tat ein anderer (niedrigerer) sein wird, als zum Zeitpunkt der Wertermittlung. Dies ist ein grundsätzliches Problem bei Briefmarkensammlungen und sie sind noch gleichzeitig gefährdet durch Feuer, Wasser, Diebstahl. Ich fand die Idee gut, sich auf die wertvollsten Stücke zu konzentrieren und diese zu dokumentieren bzw. soweit wie möglich zu verifizieren. Mein Albtraum wäre es, dass meine Familie sie heraus aus Unkenntnis “verscherbelt” oder ich bei Verlust der Sammlung den aktuellen Wert oder überhaupt eine (werthaltige) Sammlung gegenüber der Versicherung nicht nachweisen kann. Vielleicht sollte ich einfach mal 2-3 Auktionatoren kontaktieren, um eine Gesamtschätzung als Preisspanne zu erhalten. Mit diesen würde ich dann zu meiner Versicherung gehen, um ihr mitzuteilen, dass so eine Sammlung existiert und zu besprechen, ob, bzw. wie sie versichert ist/werden kann. Alle 5 Jahre müsste ich das Verfahren wohl wiederholen. Auch dazu eine Frage - sind die größten/bekanntesten Auktionshäuser die besten? Oder nehmen sich eher die kleineren mehr Zeit, die Sammlung einzuschätzen?
Dobe Am: 01.12.2024 21:32:53 Gelesen: 1517 # 7
Lieber Papiertiger, ich glaube kaum, dass dir jemand bei der Wahl des Auktionshauses hier einen Rat geben kann. Es hilft aber bei Philasearch zu schauen, welche Schwerpunkte die einzelnen Auktionshäuser haben, dass dann mit den Spitzen-Werten deiner Sammlung vergleichen. Jedes Auktionshaus geht etwas anders vor bzw. hat andere Schwerpunkte - manche konzentrieren sich nur auf die Spitzenphilatelie, andere gehen auf Masse, das ist alles sehr unterschiedlich und hängt stark von deiner Sammlung ab. Ich kenne den Schwerpunkt und den Umfang deiner Sammlung nicht und würde noch ergänzen, dass man bei Spezialgebieten sicher anders überlegen sollte als bei den Standardgebieten. Bei meinem Spezialgebiet (Altitalien) ist das Prüfen fast unerlässlich, sonst sind die Marken fast unverkäuflich oder nur mit extremen Abschlägen, geprüft sind sie aktuell alle gut bis extrem gut verkäuflich, wenn die Preisvorstellung nicht zu unrealistisch ist. Wenn du der Meinung bist, dass die 10-12 besten Stücke einen realen echten aktuellen Verkaufswert von mindestens 200-300€++ haben (falls echt), solltest du sie auf jeden Fall prüfen lassen. Wenn der reale Verkaufswert falls echt bei 50€-100€ liegt, gebe ich Dr. Moeller recht, dann lohnt das eigentlich nicht, dann kann man sich den Aufwand aber insgesamt sparen. Liebe Grüße Michael
10Parale Am: 02.12.2024 20:38:01 Gelesen: 1346 # 8
@ Papiertiger [#1] Erst einmal finde ich es spannend, dass der Erbfall und der Versicherungsfall in einen Topf geworfen werden. Sind ja zwei völlig verschiedene Sachen. Dazu hätte ich mal eine andere Frage. Wie steht es eigentlich mit einer Schenkung vor dem niemals ausbleibenden Erbfall? Was die Dokumentation mittels Rechnung von Auktionshäusern anbelangt, bin ich eher skeptisch, weil ich selten bei einem Auktionshaus bei der Rechnung eine kurze Beschreibung des Loses vorfand, geschweige denn eine Länderbezeichnung und dergleichen. Meistens heißt es LOS XYZ Preis: ZYX Hat man dann keinen Auktionskatalog als Nachweis (die sind Gott sei Dank größtenteils digitalisiert), bleibt dennoch ein gewisser Aufwand zur Dokumentation. Liebe Grüße 10Parale
chris63 Am: 02.12.2024 21:20:44 Gelesen: 1322 # 9
@ 10Parale [#8] Hallo 10Parale, erst einmal finde ich es spannend, dass der Erbfall und der Versicherungsfall in einen Topf geworfen werden. Sind ja zwei völlig verschiedene Sachen. und macht es schwierig richtige Antworten zu geben. Dazu hätte ich mal eine andere Frage. Wie steht es eigentlich mit einer Schenkung vor dem niemals ausbleibenden Erbfall? Ein Erbfall lässt auch als Schenkung von Todes wegen bezeichnen, Regeln und Freigrenzen gleich. Zur Ausnutzung der Freigrenzen kann eine Schenkung nach 10 Jahren wiederholt werden, innerhalb der 10 Jahresfrist (incl. Erbfall) Zusammenlegung. Was die Dokumentation mittels Rechnung von Auktionshäusern anbelangt, bin ich eher skeptisch, weil ich selten bei einem Auktionshaus bei der Rechnung eine kurze Beschreibung des Loses vorfand, geschweige denn eine Länderbezeichnung und dergleichen. Meistens heißt es LOS XYZ Preis: ZYX Mit Dokumentation ist hier gemeint, selber Fotos machen und Beschreibung erstellen und regelmäßig aktualisieren. Historische Anschaffungskosten sind unerheblich, Versicherungen ersetzen fast immer den Wiederbeschaffungswert und Finanzämter besteuern den Wert am Todestag. grüsse christof