Liebe Sammlerfreunde,
Eine Firmenlochung wirkt für mich wie eine Zeitkapsel. Ich möchte euch heute gerne etwas über eine niederländische Firmenlochung erzählen, die sich in meiner Sammlung befindet. Diese Firmenlochung ist nicht wertvoll, aber die Geschichte der Firma ist sehr interessant (und tragisch).[1]
Es handelt sich um eine Briefmarke mit den Initialen “L.R.”. Dieser Perfin gehörte der Lippman-Rosenthal-Bank in Amsterdam.[2]

Gründung der Bank
George Rosenthal wurde am 8. April 1828 in Hannover als Sohn von Leezer Rosenthal und Sophie Blumenthal geboren. Leezer Rosenthal war Rabbiner und ein bekannter Büchersammler. Er war der Begründer der Bibliotheca Rosenthaliana, die heute Teil der Bibliothek der Universität Amsterdam ist.
Nach einer Ausbildung im Bankwesen ging George zu seinem Onkel nach Amsterdam und arbeitete dort im Wertpapierhandel.
Am 1. März 1859 gründete er gemeinsam mit Leo Lippmann die Bank Lippmann Rosenthal & Co., die ihren Sitz in der Nieuwe Herengracht 111 hatte. Die Bank zog schon bald in ein größeres Gebäude in der Nieuwe Spiegelstraat 6–8 um, und George Rosenthal selbst wohnte an der Herengracht 500. Im Jahr 1856 heiratete er Sophie May.
Das Ehepaar George Rosenthal–May engagierte sich sehr stark in der Wohltätigkeit, und die Bank Lippmann Rosenthal & Co. galt als ein zuverlässiges und solides Unternehmen.
Deutsche Besatzung
Als der Krieg ausbrach, bestand das Unternehmen bereits seit 81 Jahren, und die deutsche Besatzungsmacht machte sich den Ruf der Bank geschickt zunutze und ersann einen teuflischen Plan. In der Sarphatistraat in Amsterdam sollte unter demselben Namen eine zweite Filiale dieser Bank gegründet werden, die als Raubbank fungieren sollte. Die jüdische Bevölkerung musste dort ihren gesamten Besitz hinterlegen. Die deutsche Besatzungsmacht ging davon aus, dass jüdische Bürger ihre Wertgegenstände eher zu einer vertrauten und angesehenen jüdischen Bank bringen würden.
Die auf diese Weise angesammelten Gelder wurden für die deutsche Kriegsmaschinerie, aber auch für die Finanzierung der Deportationen, für Lager wie Westerbork sowie für das sogenannte Blutgeld verwendet, das Verräter versteckter Juden erhielten. Außerdem konnten die gestohlenen Aktien auf diese Weise problemlos an der Börse verkauft werden. Kurz gesagt: Die jüdischen Einwohner mussten die Finanzierung ihres eigenen Untergangs mittragen.
Die Besatzungsmacht eröffnete sogar ein Büro in Westerbork, wo man noch Einzahlungen vornehmen konnte, bevor man nach Auschwitz deportiert wurde.
Die eigentliche Lippmann Rosenthal & Co. befand sich in der Nieuwe Spiegelstraat 6–8. Die beiden jüdischen Eigentümer, Edgar Fuld und Robert May, wurden im Mai 1941 gezwungen, die Kontrolle an den Verwalter Alfred Flesche zu übergeben. Flesche war neben seiner Funktion als Vorstandsmitglied der Rhodius-Koenigs Handelmaatschappij auch Präsident der Deutschen Handelskammer in den Niederlanden. Nun wurde er außerdem Leiter der berühmten Bank in der Nieuwe Spiegelstraat.
Ein Millionenraub
Die Raubbank Lippmann, Rosenthal & Co. in der Sarphatistraat wurde am 8. August 1941 auf Grundlage der Verordnung 148/1941 der deutschen Besatzungsmacht eröffnet. Diese Verordnung bestimmte, dass Juden in den Niederlanden ihre Bankguthaben, Bargeldbestände (über 1.000 Gulden, etwa 450 Euro) sowie Wertpapiere bei der Bank Lippmann Rosenthal & Co. abgeben mussten. Später wurde diese Regelung daher auch als „erste LiRo-Verordnung“ bekannt.
Im Mai 1942 folgte eine zweite LiRo-Verordnung, die festlegte, dass Juden auch andere wertvolle Besitztümer abgeben mussten, darunter Kunstsammlungen sowie Gegenstände aus Gold, Silber, Platin und Edelsteinen. Von Mitte 1942 bis zum Sommer 1943 war die Menge der bei der LiRo-Bank abgegebenen Güter so groß, dass zusätzlicher Lagerraum benötigt wurde. Insgesamt gelangten so Vermögenswerte in Höhe von Hunderten Millionen in die Hände der Raubbank.
Ein „normales” Unternehmen
Für die Außenwelt musste die Raubbank wie ein normales Unternehmen erscheinen, vollständig mit einer Geschäftsleitung. Es schien naheliegend, dass Alfred Flesche, der Verwalter von Lippmann Rosenthal & Co. in der Nieuwe Spiegelstraat, zum Hauptdirektor ernannt werden würde.
Doch Flesche selbst wollte nichts mit der Sarphatistraat zu tun haben, auch wenn er dies seinen Vorgesetzten gegenüber nie ausdrücklich formulierte. Er wollte und konnte keine Verantwortung für diese Scheinbank übernehmen. Nach dem Krieg erklärte er, er habe lediglich als Bankdirektor die Filiale in der Nieuwe Spiegelstraat betreuen wollen. Dennoch war die Beziehung zwischen den beiden Banken enger, als er selbst darstellte. Flesche floh 1944 nach dem „Dolle Dinsdag“ [3] nach Deutschland.
Deportation des jüdischen Bankpersonals
Als die meisten jüdischen Menschen bereits deportiert worden waren, war das jüdische Bankpersonal für die deutsche Besatzungsmacht auch nicht mehr von Nutzen. Schließlich mussten auch sie sich zum Transport melden.
Nach dem Krieg
Die Zeit nach dem Krieg war für die echte Lippmann Rosenthal & Co äußerst schwierig. Die Raubbank in der Sarphatistraat hatte ihren Namen stark beschmutzt, und von diesem Schlag erholte sie sich nicht mehr. Die Bank bestand nach dem Krieg noch eine Zeit lang weiter, wurde schließlich jedoch aufgelöst.
[1] Ich habe meine Informationen auf
https://www.joodsamsterdam.nl/lippmann-rosenthal/ (Niederländisch) gestützt.
[2] LR1. Siehe „Catalogus van de perfins van Nederland en OG”, NVPH 127.
[3] Siehe
https://de.wikipedia.org/wiki/Dolle_Dinsdag