Postamt Odessa N - 1947 Nachkriegspost SBZ
Guten Tag,
ich habe hier einen Beleg von Odessa nach Bitterfeld aus dem Jahr 1947, der mir Kopfschmerzen bereitet. Dieses Einschreiben ist am 7.3.47 aufgegeben worden, vorderseitige Stempel CCCP Chernowista Oblast (?), von dort ging es nach Odessa Stempel "USSR ODESSA POSTAMT N 16.3.47" und dann nach Bitterfeld, 25.3.1947. Die Marta Pusch wohnte in Bitterfeld, Ratswall, und diese Stadt war natürlich in der SBZ, aber bis 1.7.1945 in der US-Zone.
Kann jemand die Absenderdaten lesen? Kann mir jemand etwas zu dem ODESSA-Stempel sagen? Wieso ist der in latein geschrieben? Wie konnte solch ein Beleg zustande kommen? Ich bitte um eure Hilfe.
Viele Grüße

Hallo Ewaldr,
der Stempel aus Odessa ist zunächst mal ein Transitstempel, der den Transport des Briefes aus Tscherniwzi (Hauptstadt der gleichnamigen Oblast in der Ukrainischen Sowjetrepublik, dt: Tschernowitz) nach Odessa belegt.
Dass der Stempel aus Odessa in lateinischen Buchstaben beschriftet ist, ist grundsätzlich keine große Überraschung. Das hat es in der Sowjetunion häufig gegeben, wenn die Stempel auf internationaler Post abgeschlagen wurden, die in Gebiete der Erde gerichtet waren, in denen man kyrillische Stempel nicht ohne weiteres hätte lesen können.
Hier kann man sich allerdings fragen, warum ein Brief der nach Bitterfeld gerichtet war (was die Absenderin Ana S. offenbar [noch immer] für einen Ort in der Amerikanischen Besatzungszone hielt) weit nach Süden transportiert wurde - also in die falsche Richtung und mit einem Zeitverlust zwischen beiden Orten von offenbar neun Tagen (7.-16.3.1947). Die naheliegende Antwort ist, dass der Brief in Odessa der Zensur unterzogen wurde.
Nun kommt auch der Odessa-Stempel wieder ins Spiel. Er gilt den damit befassten Experten als eine zensurbezogene Kennzeichnung von Auslandspost. David Skipton und Steve Volis schreiben zu diesen Odessa-Stempeln in ihrem grundlegenden Werk "Soviet Clandestine Mail Surveillance 1917-1991", Band 1, Chicago, 2016, Seite 289: " Ihre Funktion als heimliche zensurbezogene Kennzeichnungen scheint jedoch allgemein anerkannt zu sein, und auf den ersten Blick scheinen es Zensurvermerke zu sein, die die Postsendungen zur Beförderung freigaben." Ihre Ansicht begründen sie an der genannten Textstelle auch ausführlich.
Beste Grüße
KBN
Vielen Dank für die fundierte Antwort. Ich hätte das so nie herausbekommen.
Mit besten Grüßen,
Ewald