Ach ja, Liechtenstein – eines der beliebtesten Sammelgebiete von 1950 bis – ja, bis wann eigentlich– ich würde sagen bis 1999.
Die Liechtensteiner sind berüchtigt dafür, hart kalkulierende Kaufleute zu sein, insbesondere die Fürstenfamilie, habe ich einmal gelesen.
Jedenfalls sind die auf die Idee gekommen, ihre seit 1967-1995 unbegrenzt gültig ausgegebenen Briefmarken mit Ablauf des Jahres 2001 für ungültig zu erklären. Das war im Zuge der aufkommenden Diskussionen, was mit den Briefmarken in den Anrainerländern, die den Euro einführen sollten, geschehen.
Ich kann mich da gut daran erinnern. Es gab keinen offensichtlich Handlungszwang, sondern argumentiert wurde mit Außerkurssetzungen in der Vergangenheit und der Tatsache, dass die Post in eine privatrechtliche Rechtsform überführt werden sollte, dann kaufmännischer Rechnungslegung zu unterwerfen wäre, und für die nicht erbrachten Leistungen Rückstellungen zu bilden seien.
Mich als erfahrenen Kaufmann überzeugte das nicht, denn auch Körperschaften öffentlichen Rechts führen selbstverständlich Rechnung, und um die Aufstellung einer Bilanz kommt man auch in dieser Rechtsform nicht herum.
Wahrscheinlich war die Gelegenheit einfach günstig, weil viele europäische Postverwaltungen aufgrund der Euroeinführung die Gültigkeit ihrer Briefmarken adressieren mussten, warum also nicht bei dieser Gelegenheit auf den fahrenden Zug aufspringen. In Liechtenstein änderte sich die Währungssituation aber nicht.
Das Fürstentum war nicht nur Eigentümer der Post, sondern auch Gesetzgeber, und konnte sich so einen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen.
Dafür war die Gelegenheit einfach hervorragend, weil die Nachbarländer Österreich und Deutschland im Hinblick auf die Währungsumstellung sich dieser lästigen Lasten in Komplizenschaft mit ihren uninteressierten Regierungen entledigten. (Merke: welches Interesse hat die Gegenseite an der Erbringung der vorausbezahlten Dienstleistungen, nachdem diese einmal voll vorausbezahlt wurde? Genau, keine).
Vermutlich haben die Liechtensteiner damit gerechnet, dass die Aufregung deshalb nicht so groß sein würde, da es die anderen ja auch machen, nur dass Liechtenstein eben gar nicht den Euro eingeführt hat.
Ich sehe zwei Auslöser:
• Die liechtensteinische Post wird gemessen haben, dass zunehmend für Sammler hergestellte Marken, in den Postverkehr geschleust worden sind
• mit einer statistischen Stichprobe und einer versicherungsmathematischen Sterbetafel (z.B. mit den Geburtsdaten der Abonnenten als Basis werden die ganz einfach haben messen können, dass und wann der Philatelie die Puste ausgeht)
unten: rette sich wer kann - Aufbrauch, bevor die Dinger ungültig wurden

Welche Bedeutung hatte der Vertrieb von Postwertzeichen denn für das Fürstentum?
Hierzu ein Beispiel mit Bezug auf das Jahr 1969: die Gesamtausgaben des Staatshaushalts betrugen CHF 56 Mio., die Einnahmen CHF 50 Mio.
Die Gesamtnominale aller Briefmarken des Jahrgangs 1969 betrug CHF 10,3 Mio. – das wären 20% des Staatshaushalts.
Ich staune da selbst ob des Gewichtes des Betrages, dazu müsste es doch eine wirtschaftswissenschaftliche Ausarbeitung zu geben, aber eine solche ist mir leider bisher nicht begegnet.
Jetzt wird man mir aber sagen, ja die haben die Marken auch für den Postdienst gebraucht.
Hier habe ich eine kleine Kennzahl für Euch:
• Die Einwohnerzahl Liechtensteins 1969 betrug 20.600.
• Die Einwohnerzahl Westdeutschlands 1969 betrug 77.910.000.
Dann wollen wir mal einen Briefmarkenkoeffizienten errechnen.
Anzahl einer normalen Sonderausgabe 1969 (D: 30 Mio. / Liechtenstein 0,95 Mio.) geteilt durch die Einwohnerzahl:
• Deutschland: 0,38
• Liechtenstein: 46,07
Ich denke jetzt klingelt's.
Liechtenstein war ein Raubstaat bzw. ein Scheichtum, weil die Briefmarken nicht für den Postbetrieb, sondern vor allem für den Export hergestellt haben dürften. Man hatte aber den Anstand, Briefbeförderung durchzuführen und die Marken an Schaltern zu führen (bei den arabischen Scheichtümern bis heute unklar, ob das so war). Außerdem waren die Designs seriös, die Ausführungen qualitativ hochwertig.
Meine These ist, dass sich dieser Fluss gedreht hat, dass man das messen konnte (rückläufige Auflagen seit Ende der späten 1980er Jahre) und die schlichtweg die Reißleine gezogen haben. Ich schätze das Drohpotential mal überschlägig auf ca. CHF 600 Mio. (das mal mit den unten genannten Zahlen des heutigen Jahresabschlusses vergleichen, jetzt wird das Ausmaß der Gefahr deutlich).
Ich habe damals jedenfalls vor Wut geschäumt und denen einen Protestbrief geschrieben, den man auch freundlich beantwortet hat. Und seitdem erhielt ich regelmäßig Informationen über die Neuausgaben der Post, ohne je etwas gekauft zu haben. Das Vertrauen war weg.
Meiner Beobachtung nach haben sich dann auch bei den Ausgaben kurz nach 2001 die Auflagenzahlen auf einem Niveau von 40% und niedriger der Auflagenwerte der 90er Jahre eingependelt.
Und spannen wir einmal den Betrachtungszeitraum: Waren es in den 70er Jahren noch Millionenauflagen, beträgt die Auflage einer derzeitigen (2023) Sondermarke noch um die 20-30.000.
Dickes Ding: frankaturgültige Freimarke Landespatrone von 1997 zu ehrfurchtgebietenden CHF 20,--

Aber nach langer Vorrede mal zur Sache. Wie hoch sind denn jetzt die bilanzierten Vertragsverbindlichkeiten der Liechtensteinischen Post AG?
Das ist für mich nicht sicher zu beantworten. Zwar habe ich in den Geschäftsbericht 2025 hineinschauen können, er war aber für mich nicht sprechend. Der Anhang war nicht erläuternd genug. Ich kann daher nur annehmen, dass die Position „voraus erhaltene Beträge“ die Briefmarkenverbindlichkeiten enthält.

Dem Jahresabschluss / Geschäftsbericht 2025 habe ich noch folgende interessante Informationen entnehmen können:
• Bilanzsumme CHF 41,4 Mio.
• Umsatz CHF 40,1 Mio. (davon Philatelie CHF 3,1 Mio.)
• Gewinn CHF 1,2 Mio.
• 261 Mitarbeiter, davon 10 für den Bereich Philatelie
• 11,7 Mio. verarbeitete Briefe, davon 8,447 Mio. „in Liechtenstein in Rechnung gestellte Sendungen“
Mir hat die Gestaltung des Geschäftsberichtes gefallen, weil die Fotos von den Postlern im Paket- und Briefdienst gezeigt haben. Für mich ist das eine wichtige Arbeit und Dienstleistung, die professionelle Logistik erfordert. Schön, dass das im Geschäftsbericht ein Gesicht bekommen hat.
Zum Schluss etwas, das ich tatsächlich aus dem Firmenpapierkorb gerettet habe. Und daran habe ich einfach Freude, bis zum heutigen Tag, schließlich besteht die Welt nicht nur aus kühlen Zahlen.