Briefmarken Atteste

Thema:

Ihr sammelt alle falsch!

TeeKay Am: 08.06.2025 18:34:47 Gelesen: 595 # 1
… sagte der C. F. Lücke Verlag, damals Verleger der Schaubek Alben, im Jahr 1931 in einem 14-seitigen Heft namens " SOS - Rufe aus der Philatelie!", das den Teilnehmer:innen des 3. Kongresses der Federation Internationale de la Presse Philatelique, Vorläufer des AIJP, überreicht wurde. Es richtete sich also an Journalist:innen und nicht Sammler:innen - die sollten zu ihrem Glück gezwungen werden, ohne es zu merken. Worum ging es? Natürlich um die Neuheitenflut. In den ersten zwei Absätzen rechnet der Autor vor, wie viele Marken in den ersten Jahrzehnten der Briefmarke erschienen. Aus der anfangs geringen Zahl von wenigen hundert bis tausenden Marken leitete der Autor ab, dass die Sammler:innen damals praktisch aus Langeweile die Spezialisierung und Forschung begannen: " Es wird vielleicht auch damals nicht gerade leicht gewesen sein, komplett zu werden, aber bei dem geringen Umfang der Materie war vielen Sammlern nur zu bald ein Ziel gesetzt. Und so begann man, es künstlich zu erweitern: man studierte die Marke, fand dabei Unterschiede in der Umrandung, im Papier, im Wasserzeichen, im Druck, und lenkte aus allen diesen Erscheinungen die Feststellung ab, es jeweils mit neuen Marken zu tun zu haben." Sofort schließt der Autor mit der Feststellung an, dass das natürlich negativ sei: " Welche unglückliche Folgen diese an sich harmlose und durch Materialbeschränkung auch entschuldbare Grenzüberschreitung einmal haben werde, konnten die damaligen Sammler nicht ahnen, sie waren vielmehr des guten Glaubens, mit ihrer Forschung der Sache zu dienen. […]und erst heute, wo wir unter der Flut all dessen zu ersticken drohen, werden wir gewahr, wohin uns das System unserer Vorfahren führte: in ein uferloses Gebiet von 65.000 verschiedenen Briefmarken!" Jetzt wird es lustig. 1931 postulierte der Autor, 1960 werde es vielleicht gar 100.000 Briefmarken geben. Ich vermute, es waren weit mehr. Der Autor jedenfalls fragt sich, ob unter solchen Umständen überhaupt noch eine Philatelie möglich sei. Den Mitgliederhöchststand gab es beim BDPh übrigens mehr als 60 Jahre nach dem Druck des Heftes - nach mehreren hunderttausend ausgegebenen Briefmarken. Scheint also nicht geschadet zu haben. Spezialisierung tötet die Philatelie Die Spezialisierung war für den Autor eine Kräftezersplitterung der Philatelie. Fachzeitschriften würden sich auf einzelne Gebiete konzentrieren müssen, was zu Existenzschwierigkeiten führen würde. Der Handel würde aussterben, ebenso Vereine und Verbände. Wohlgemerkt nicht aus Mangel an Sammlern, sondern aufgrund der Spezialisierung als Folge der Ausgabeninflation. Natürlich wurde auch schon 1931 das Übel des Wertverfalls benannt: " Ob uns das gleichgültig sein kann, muss unbedingt verneint werden, denn schließlich gibt es unter uns auch fortgeschrittenere Sammler jüngerer Jahrgänge, die unter diesen Umständen im gereiften Alter dann einmal am Grabe ihrer Habe stehen werden. Umsonst war dann alles, Zeit, Mühe und Opfer, nutzlos die ideellen Werte der Forschung." Nun geht der Autor tiefer in die Analyse des Übels. Er verlangt eine Grenzziehung zwischen sammelwürdigen Briefmarken und nicht sammelwürdigen Postwertzeichen. Dass sich Sammler:innen keine Vorschriften machen lassen würden und einfach sammelten, was ihnen beliebt, passt dem Autor natürlich nicht: " Diese feindselige Einstellung der Sammler unserer Zeit wider bessere Vernunft führt schließlich zu dem Zwang, die angestrebte Gesundung der Verhältnisse auf weniger fühlbaren Wegen zu erreichen, d.h. unsere Sammlergeneration muss im Glauben gelassen werden, dass sie richtig sammelt, während sich gleichzeitig in den Grundpfeilern der Philatelie, den Katalogen und Alben, die Wandlung zur Sicherung der Zukunft der Philatelie vollziehen muss. Und dazu gehört zuerst einmal die bereits erwähnte Grenzziehung zwischen Briefmarke und Postwertzeichen." Wie sollte diese Grenzziehung nun aussehen? Der namenlose Autor möchte als Briefmarken alles anerkennen, was " zur vorherigen oder nachträglichen gebührenpflichtigen Freimachung aller im Briefpostverkehr üblichen Sendungen dient, also zuerst einmal Frei-, Dienst-, Porto- und Zeitungsmarken; in zweiter Linie kämen dann einige Wertzeichen für besonders im Briefpostverkehr bestehende Beförderungsarten, also die Eil-, Express- und Flugpostzuschlagsmarken." Nicht zu den Briefmarken möchte der Autor Gebührenmarken der Post wie Einschreibemarken, Zwangszuschläge (wie die späteren Notopfermarken) oder auch Gebührenfreiheitsmarken, z.B. für Soldaten, zählen. „ Das alles ist nur Beiwerk, ja sogar nur Ballast, der unser Sammelgebiet überflüssigerweise erweitert und philatelistische Beachtung durch nichts rechtfertigt." Aber hier fängt der Autor erst an. Weiter geht es mit Überdrucken, wobei Notmaßnahmen ausgeklammert wurden. Ein Dorn im Auge waren dem Autor die vor allem zu besonderen Anlässen überdruckten Marken (die heute oft zu den teuersten eines Sammelgebiets zählen). Doch wie sollte es anders sein - das alles war nur das Warmlaufen. Eigentlich ging es dem Autor um Sondermarken im Allgemeinen - oder wie er es nennt Raubneuheiten - und natürlich Zuschlagsmarken im Besonderen. " […]begann von da ab die Ausbeutung der Sammler", obwohl selbst nach Berechnung des Autors damals nur 27% aller in den untersuchten europäischen Staaten verausgabten Marken der verschmähten Gattung angehörten. Diese entbehrten jedoch " jeder postalischen Notwendigkeit und erst recht jeglicher philatelistischen Anerkennungswürdigkeit". Der Autor geht über in einen kurzen geschichtlichen Überblick über den schon jahrzehntelang geführten Kampf gegen die Raubneuheiten. So wurde 1894 in England die " Gesellschaft zur Bekämpfung von Spekulationsmarken" gegründet. Hier klingt dann auch etwas die Ernüchterung durch, schaute sich der Autor doch einmal an, wie die Wertentwicklung einer von der Gesellschaft als zu meiden gebrandmarkten Marke aussah. Der stieg nämlich stark. " So hat man die Raubneuheiten gemieden." Gejammert wurde schon vor fast 100 Jahren über zu wenig Mitglieder Die Jammerei geht weiter. Nur 12.000 Sammler:innen seien im Bund organisiert. Die nicht organisierten Sammler:innen seien die, die keine Zeitung läsen " und daher nicht den angestrebten Schirm und Schutz genießen". Die hätten aber zumindest ein Album und einen Katalog, also sieht C.F. Lücke die Hersteller selbiger in der Pflicht. Die sollten am besten eine Aufteilung in Postwertzeichen- und Briefmarkenkataloge vornehmen, um die vom Autor angestrebte " Reinigung der Philatelie" zu erreichen. Sogleich sieht der Autor, dass es da gewisse Gegensätze zwischen seinen Forderungen und den wirtschaftlichen Interessen der Verlage geben könnte. " Unsere ideellen Bestrebungen mögen noch so anerkennens- und lobenswert sein, ihre Berücksichtigung in vollem Umfange ist aber so lange eine Unmöglichkeit, solange wir selbst wirtschaftlich nicht die Kraft zur Durchführung aus uns selbst heraus gefunden haben werden. Solange wir von an der Philatelie wirtschaftlich interessierten Fremden abhängig sind, solange wird uns ein durchschlagender Erfolg auch nicht beschieden sein." Da keine Vergesellschaftung der Verlage gefordert wird, schlägt der Autor zumindest vor, dass Briefmarken und Postwertzeichen getrennt katalogisiert, Aufdrucke gänzlich unkatalogisiert bleiben und Sonder- wie Zuschlagsmarken noch einmal getrennt aufgeführt werden sollen. An den Erfolg dieser Forderung glaubt er selbst nicht, fordert gleichwohl die Durchsetzung " […]und zwar unbekümmert um das Schreien der wenigen Traditionstreuen. Wenn wir immer nur festhalten wollen am Althergebrachten, werden wir nie und nimmer eine Gesundung der Philatelie erzielen und die spätere Generation wird uns den gleichen Vorwurf machen wie wir selbst unseren Vorgängern: dass wir ungeachtet der erkannten Gefahr nicht Vorsorge für ein zeitgemäßes System geschaffen haben." Ohne Vordruckalben scheitert ihr als Sammler:innen! Mehr Erfolg sieht er bei Vordruckalben. Davon ausgehend, dass 90% mit Vordruckalben sammeln würden, postuliert er, dass das Vordruckalbum " auch stets das erhaltende und neue Kräfte zuführende Moment unserer Liebhaberei sein und bleiben" wird. Das Album wird gar " als bestimmend und entscheidend für die Laufbahn seines Besitzers" als Philatelist gesehen. Die dem Autor ungenehmen Marken sollten künftig auf gesonderten Blättern unterkommen. Er bemerkt leider selbst nicht die internen Widersprüche in seinem Heft, stellt er doch sogleich fest, dass " der große Vorteil einer solchen Einteilung" wäre, " dass es dann jedem Sammler überlassen bliebe, diese Ausgaben zu sammeln". Ja warum dann überhaupt das ganze Heft schreiben, drucken und verteilen, wenn es am vorteilhaftesten wäre, dass jeder sammelt, was gefällt? In den letzten Absätzen fällt ein Satz, der der perfekte Schlusssatz gewesen wäre: " Kann etwas lächerlicher wirken, als unter Protest eine Liebhaberei pflegen?" Was den C.F. Lücke-Verlag veranlasste, das Heft schreiben, drucken und verteilen zu lassen, ist mir unklar. Die Forderungen waren nicht im Verlagsinteresse und mMn eine Beleidigung der eigenen Kund:innen. Sie werden als zu blöd dargestellt, selbst zu erkennen, was gut für sie ist, also müsste man sie im Verdeckten zu ihrem Glück zwingen. Was ihr Glück sei, definiert der Autor. Ein Autor wird aber gar nicht genannt. Da damit auch nicht dessen Todestag und damit das Auslaufen des Urheberrechts bekannt ist, kann ich das Heft leider nicht gescannt zeigen. Was der Verlag nicht antizipierte, war dass Aussterben von Vordruckalben 100 Jahre später als Folge der Spezialisierung. Und dass Schaubek vom günstigsten (und qualitativ besseren) Albenanbieters zum mit Abstand teuersten in Deutschland würde, ohne dass der Wandel zum Premiumanbieter in irgendeiner Form vom Marketing unterstützt werden würde. Warum die Forderungen nicht erfüllt wurden, ist mir klar: Das Heft war Eigentum des Verein für Briefmarkenkunde Dresden und dann einer Phila-Bibliothek. Trotzdem sieht es abgesehen von Stockflecken nach 94 Jahren noch absolut ungelesen aus.