Liebe Freunde,
heute stelle ich einen Brief aus Nürnberg vom 26.6.1854 vor, der von Johann Wolfgang Fuchs geschrieben wurde. Empfänger war die berühmte Geigenbauer- und Musikalienverlegerfirma J. A. Baader in Mittenwald. Der Text ist hoch interessant und sollte immer auch im Zusammenhang mit der Cholera-Epidemie von 1854 gesehen werden, die in München und anderen bayerischen Städten viele dahin raffte und die selbst Max Pettenkofer und seine Tochter fast das Leben kostete, immerhin der Erfinder der Hygiene damals.



"Nürnberg, 24/gestrichen 25. Juni 1854
Ich habe Ihr Werthes vom 23. laufenden Monats empfangen das Vergnügen gehabt, darin Sie mich um 14 Tage Verlängerung der auf Sie abgegeben Rechnung 76 Gulden 31 Kreuzer an L. Negrioli & Co. per 25. laufenden Monats ersuchen.
Da ich durch selbst gemachte Erfahrung sehr gut weiß, daß bei gegenwärtiger jammervoller Zeit die Ausstände sehr schwer einzubringen sind, so habe ich Ihrem Wunsch freundlichst entsprochen & heute die Herren L. Negrioli & Co. in München beauftragt, Ihnen die verlangten 14 Tage Verlängerung zu gestatten; ich erwarte jedoch, daß Sie den Wechsel per 9. Juli laufenden Jahres annehmen & an diesem Tage pünktlich einlösen werden.
Gleichzeitig hoffe ich, daß Sie sich durch diesen wiederholten Beweis meiner Werthschätzung gegen Sie verpflichtet fühlen werden, bei Bedarf mich wieder mit meinem Auftrage zu erfreuen, da ich Sie gewiß ebenso gut wie andere meiner Concurrenten & immer zu den billigsten Preisen bedienen werde.
In dieser Erwartung empfehle ich mich Ihnen mit freundschaftlicher Achtung, Joh. Wolfg. Fuchs".
Allerdings wurde der Brief nicht in Nürnberg aufgegeben, sondern nach München verbracht und dort erst von der Firma Negrioli am 26.6. unfrei aufgegeben.
Trotz des "frei"-Vermerks hatte man in Nürnberg keine Marke (zu 6 Kreuzer) angebracht, sondern überließ dies dem Münchener Kollegen, der ihn aber auch nicht frankieren wollte, wofür schon 3 Kr. gereicht hätten. Statt dessen gab man ihn einfach so auf und die bayer. Post sah zwar den Firmenstempel von Nürnberg, konnte aber entgegen der Vorschrift die Adresse nicht von einem Nürnberger korrigieren lassen und tat so, als ob nichts wäre, indem sie ihn mit 6 Kr. für einen einfachen Brief bis 12 Meilen innerbayerisch taxierte. Dafür hätte man ihn in Nürnberg auch gleich frankieren können ... als Portobrief hätte er von dort aus aber 9 Kr. gekostet (über 12 Meilen im Königreich).
Wenn ich einen Thread mit Cholera usw. finden sollte, stelle ich das Stück dort auch vor - so häufig sind sie ja nicht gerade.
Liebe Grüsse von bayern klassisch
[Beiträge [#1] und [#2] redaktionell kopiert aus dem Thema "Altdeutschland Bayern: Briefe erklären"]