Thema:
Marktentwicklung Deutschland - langsames Sinken oder abrupter Zusammenbruch ?
Am: 04.10.2024 14:21:20
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# 1
Liebe Sammlerfreunde,
vor einiger Zeit las ich einen Bericht über die Entwickung des (Sammler-)Markts für antike Teppiche. Dieser scheint sich in den letzten 10-15 Jahren wohl recht drastisch entwickelt zu haben. Es ist nämlich zu einem sehr abrupten Einbruch gekommen, dh. die Preise sind nicht einfach nur langsam immer weiter gesunken, sondern an einem bestimmten "Kipppunkt" implodiert. Heute gibt es hochwertige Perserteppiche, die noch vor 20 Jahren eine stolze Summe gekostet haben, zu 1/100 des Preises von damals. Als Gründe in dem Artikel wurden genannt, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt der Markt durch Erbfälle quasi überschwemmt wurde und zugleich die Zahl der Kaufinteressenten immer geringer wurde.
Warum erzähle ich das? Ich frage mich, ob Ähnliches für den Briefmarkenmarkt in Deutschland droht. Scheinbar ist es ja unter Sammlern und Händlern bisher Konsens, dass sich der Briefmarkenmarkt im Sinkflug befindet, das aber immerhin einigermaßen stetig.
Auslöser für diese Frage ist meine (zugegeben sehr subjektive) Beobachtung, dass bei den letzten Auktionen meiner Stammauktionshäuser wirklich ungewöhnlich viele Nachlässe und Sammlungen angeboten wurden. Ferner wurden Sammlungen, die sonst nach meinem Eindruck noch vor 2-3 Jahren in Einzellose aufgeteilt worden wären, einfach komplett für einen sehr niedrigen Preis angeboten - und blieben liegen. Bitte habt Verständnis, dass ich keine konkreten Beispiele nennen möchte. Das ist vielleicht auch nicht nötig, es geht mir eher darum, ob jemand von Euch ähnliche Beobachtungen/Eindrücke gesammelt hat. Gibt es irgendwann eine "Kipppunkt"-Situation bzw. befinden wir uns gerade mittendrin?
Nur zur Klarstellung: Es geht mir nicht um die beiden "Enden" des Marktes, also den schon seit langer Zeit nahezu unverkäuflichen Teil (Beispiel Bund 70er Jahre mit Versandstellenstempel) oder den Teil, der vermutlich immer Abnehmer finden wird (Beispiel Schwarzer Einser Ersttagsbrief). Es geht mir um bisher als hochwertig erachtetes Standardmaterial. Um ein Beispiel zu nennen: Deutsches Reich komplett gestempelt, alles Wesentliche geprüft, gern auch bestückt mit diversen Varianten.
Was sind Eure Beobachtungen?
Viele Grüße
Christian
Am: 05.10.2024 06:32:38
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# 2
@ Sammlerfreund Christian [#1]
Hallo Christian,
das, was du als Beispiel heranziehst, hat mit sammeln wenig zu tun. Wenn ich sammle, dann fange ich entweder mit wenigen Dingen an oder ich kaufe mir eine lückenhafte Sammlung und versuche dann, sie nach und nach zu vervollständigen. Dabei muss dann aber immer der Wunsch auf Vervollständigung und die Freude am Erwerb oder Besitz neuen Materials die wesentliche Triebfeder sein, nie jedoch der Gedanke, damit irgendwelche Werte zu schaffen. Wer philatelistisches Gut zusammenträgt, um sich irgendwelche Werte zu reservieren und auf zukünftige Rendite zu hoffen, der ist ein Investor oder ein Spekulant, jedoch kein Sammler.
Natürlich freuen sich auch Sammler, wenn das, was sie besitzen, scheinbar einen höheren Wert besitzt, solange sich aber niemand findet, der bereit ist, diesen Wert mit Finanzmitteln auszugleichen, bleibt der Posten eben eine wertlose Sammlung, die nur zur Freude des Sammlers existiert, aber eben keine Geldanlage.
Das Beispiel "Deutsches Reich komplett" geht völlig am Bedarf von Sammlern vorbei, denn den meisten fehlen nur die katalogmäßig höherpreisigen Marken, den Rest aber haben sie schon. Weshalb also sollten sie dafür irgendwelches Geld investieren? Die, die in der Vergangenheit solche umfangreichen Sammlungen erworben hatten, waren wohl ganz überwiegend Investoren, die auf eine Wertsteigerung des erworbenen Materials spekuliert hatten. Inzwischen hat sich jedoch herausgestellt, dass es für katalogmäßig komplette Sammlungen mit viel, viel enthaltener Massenware keine spürbaren Preissteigerungen mehr gibt, also gibt es auch kaum noch ein Kaufinteresse daran. An einzelnen Marken schon, aber an dem gesamten Material nicht.
Wenn du dich bei den Philaseiten oder an anderen Orten aufmerksam umschaust, dann wirst du unschwer bemerken, dass nicht nur die ältere Generation der Intensivsammler langsam ausstirbt, sondern es hat sich das gesamte Sammlerverhalten stark verändert. Während früher viel postfrische Briefmarken gesammelt wurden, hat sich das so nach und nach zu gestempelten Marken gewandelt, die aber nicht, wie z.B. in den 1960er Jahren Eckstempel aufweisen, sonder gut lesbare Orts- und Datumsstempel aufweisen sollen. Viele ehemalige Briefmarkensammler (mich eingeschlossen) haben sich vom Sammeln loser Briefmarken verabschiedet und sich innerhalb der Philatelie anderen Teilgebieten zugewandt, dabei besonders Viele den verschiedenen Arten von Poststempeln, Briefen, nur mit Marken, beklebt, Ganzsachen, philatelistischer Fachliteratur oder auch den Bereichen Vorphilatelie oder Fiskalphilatelie. Wenn aber der heutige Durchschnittssammler an losen Briefmarken in dem Umfang einer großen Sammlung kein Interesse mehr hat, wer sollte dann solches Material noch kaufen?
Der Glaube an hohe Werte einer lange Zeit und oft mühsam zusammengetragenen Sammlung ist im Übrigen auch im Bereich der Ganzsachen immer wieder zu beobachten. So wurden mir in den letzten Jahren immer wieder umfangreiche Sammlungen mit österreichischen oder Schweizer Ganzsachen angeboten, bei denen ich für jede enthaltene Ganzsache einen bestimmten Preis bezahlen sollte, auch für solche Stücke, die bereits bei mir als Dublette auf Halde liegen. Stets war davon die Rede, dass es doch schade wäre, eine so umfangreiche Sammlung auseinanderzunehmen, im Hintergrund stand aber wohl stets der Wunsch, eine möglichst hohe Rendite zu erwirtschaften. In allen diesen Fällen habe ich abgelehnt und an den Auktionsmarkt verwiesen.
Von einem der Anbieter erhalte ich jetzt so nach und nach Scans mit bis zu zehn einzelnen Belegen, von denen ich in aller Regel nur ein bis zwei Exemplare gebrauchen kann. Alles Übrige dürfte schwer oder überhaupt nicht mehr verkäuflich sein. Und was für Ganzsachen gilt, gilt mit Sicherheit auch für Briefmarken.
Erfreue dich also daran, dass du deine Sammlung im Laufe der Zeit immer weiter ausbauen kannst, denn komplette Sammlungen gibt es nicht, es sei denn, man legt sich selber irgendwelche thematische oder zeitliche Beschränkungen auf.
Viele Grüße
Ingo
Am: 05.10.2024 11:56:14
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# 3
@ Cantus [#2]
Lieber Ingo,
vielen Dank für Deine Ausführungen zur Frage, wie man sammeln sollte oder nicht. Teilweise kann ich Dir zustimmen, teilweise aber auch nicht. Auf Details verzichte ich, dann es hat mit dem Thema, zu dem ich um die Meinung der Sammlerfreunde gebeten habe, nichts zu tun: Marktbeobachtung.
@ Alle:
Ich sehe natürlich, dass das Thema zwar viele interessiert, aber niemand etwas beitragen kann oder möchte. Daher erlaube ich mir den folgenden Hinweis an diejenigen, die glauben, dass das Marktgeschehen um "Dt. Reich komplett usw" nichts mit ihnen zu tun hat, weil sich auf Themen wie "Aushilfsganzsachen der Portoperiode 37 mit Stempeln von Eumelbach" spezialisiert haben; ich glaube, Ihr seid im Irrtum.
Auch Ihr seid auf der Suche nach Marken/Belegen, um Eure Sammlungen zu vervollständigen, und dafür seid Ihr auf eine bestehende Infrastruktur angewiesen, d.h. auf Auktionshäuser, gewerbliche Händler und private Händler sowie auf Plattformen wie Ebay, Delcampe, Philasearch, etc. Diese bestehen nur so lange (hinsichtlich Briefmarken) wie es einen funktionierenden Markt gibt.
Von wem lasst Ihr Euch ganz bequem Scan um Scan zusenden, wenn der Markt wirklich einmal implodieren sollte und die Häuser nach und nach dicht machen? Die Eumelbach-Belege gibt es dann immer noch, aber sie verrotten dann irgendwo im Keller und ihr kommt nicht dran.
Viele Grüße und geht bei dem schönen Wetter auch einmal vor die Tür statt vorm Computer oder den Einsteckalben zu sitzen!
Christian
Am: 05.10.2024 13:29:50
Gelesen: 1560
# 4
@ Sammlerfreund Christian [#3]
Hallo Christian,
das klingt etwas verschnupft. Ich meine, Ingo hat dir schon auf deine Frage geantwortet, man muss es nur etwas herauslesen.
Ich denke, der Sammlermarkt wird nicht implodieren, er wird sich nur verändern, wie sich auch das Sammelverhalten ändern wird und auch bereits tut. Und für bestimmte Sammelgebiete wird es den freien Fall sicher auch geben. Wer dennoch daran hängen bleiben will, muss sich dann sicher aufwändigere Suchstrategien aneignen. Dieses Problem haben die Sammler von "Nischengebieten" aber auch heute schon. Wer heute eine gewisse Sicherheit haben will, dass er seinen Bedarf auf einem funktionierenden Markt befriedigen kann, muss sich mit der derzeitigen und künftigen Postentwicklung befassen und danach seine Sammeltätigkeit ausrichten,
meint
Henry
Am: 05.10.2024 15:54:09
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# 5
Hallo,
das Problem mit dem funktionierenden Markt habe ich bereits jetzt schon und ich habe es nicht und sehe nicht, dass ich es die nächsten Jahre bekommen werde.
1. da ein wichtiger Teil meines bewust ausgesuchtes Sammelgebiet den freien Fall des Wertes schon hinter sich hat, funktioniert der Markt nicht mehr so wie ich will: ich bekomme das was ich suche oft nur als Nadel im Heuhaufen, muss dazu noch jede Menge dieser Heuhaufen kaufen. Oder ich bezahle für markttechnisch wertlose Stücke viel zu hohe Preise (bis zu 1,00€ bei Katalogwert 0,10€), eigentlich nicht für das Stück, sondern für das Bereitstellen des Stücks. Insbesondere spezielle Vartianten (Bogenrand, Stempel,....) muss ich aus zig Heuhaufen raussuchen oder ich bezahle andere dafür, dann kann das Stück auch mal 5€ kosten (jeder der Geld verdienen will, sollte etwas anderes machen).
2. der Markt funktioniert, da ich sehr viel Material finde, gelegentlich garniert mit Kiloweise anderem Material was ich nicht sammle. Das verschenke ich dann und falls es niemand will, gibt es ja noch eine grüne Tonne. Und auch die nächsten 10 Jahre sind gesichert, ich vermute eher, dass die nächsten Jahre für mein Sammelgebiet noch besser werden (z.B. wenn Händlerlager in den Markt drücken).
Und infolge meiner Wahl des Sammelgebietes ist selbst ein realer Verlust von 50% aller Marken kein Problem (Wertverlust kann es gar nicht mehr geben), dann gibt es halt nur noch Millionen für die wenigen Sammler. Zudem ist das Internet hier ein super Werkzeug. Ich brauche keine Händler (und die brauchen mich nicht, ich bin kein Kunde von dem diese leben können) und finde trotzdem genug Material. Einzig die Frage, was die typischen Plattformen im Internet machen mit dem Sammelgebieten die keinen Umsatz und damit keinen Gewinn generieren, könnte meinen Optimismus trüben.
Einschub bezüglich Wert:
Ich habe hier schon die Meinung vertreten und wiederhole somit nur: jeder Cent der in das Hobby fließt, verbuche ich als 100% Verlust. Jeder der das nicht machen möchte, ist meiner Meinung nach im Bereich Hochrisiko Spekulation. Und die, die später meine Sammlung mal erben, sind vorgewarnt.
Natürlich kann eine Wertigkeit ein Gebiet interessanter machen und damit einen Markt erzeugen der dann wiederum diverse Möglichkeiten schafft. Darauf sich alleine zu konzentrieren ist unvollständig, da die meisten sich das wertige Material nicht leisten können (oder sollten).
Nochmal zum Markt:
Mein Sammelgebiet Bund Jahr 1964 die Marke zur Olympiade Tokio: die Preise sind bereits kollabiert und faktisch Null. Die Verkäufe die ich sehe, gehen oft auf meine Kappe, der Verkäufer kann sich dann glücklich schätzen zu verkaufen, wäre aber aus marktwirtschaftlicher Sicht besser dran gewesen, das in die Tonne zu kloppen.
Das gilt bis auf sehr wenige Ausnahmen und selbst die sind nicht einfach zu verkaufen, außer man geht mit dem Preis runter was bei einem Preisgefüge im einstelligen € faktisch auch aufzeigt, dass der Markt zerstört ist.
Einzige Ausnahme scheint mit die Fehlfarbe zu dieser Marke, zu der habe ich aber auch keinen Markt bisher gesehen, obwohl preislich da was geht.
Und genau das ist ein Punkt der Neusammlern einen guten Einstieg bieten kann: viel Material zu minimalen Kosten mit sehr vielen Möglichkeiten.
Langfristig halte ich ein Szenario neben anderen für realistisch: Das Sammeln könnte weitestgehend aussterben, mir scheint in Zukunft das Thema Briefmarken nicht mehr erforderlich und was man nicht sieht, sammelt man nicht (zumindest nicht die Mehrheit). Meine Enkel, sobald sie denn da sind, werden Briefmarken vermutlich nur noch von mir kennen. Meine Prognose ist, dass das, falls es kommt, noch 50 Jahre oder mehr dauern wird, erst dann wird der Markt richtig kollabieren, wobei selbst dann kann das Internet interessierten Möglichkeiten offen halten.
Grüße
Winfried
Am: 05.10.2024 19:20:45
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# 6
Mir sagte ein Hochpreis-Auktionator, dass er keine Probleme hat, Kunden zu finden. Er hat Probleme, qualitativ hochwertiges Material aufzutreiben.
Wie du schon richtig feststelltest, ist Standardmaterial inzwischen eher eine Last. Also alles, was der Durchschnittssammler der vergangenen 50 Jahre zusammentrug. Ich persönlich würde mir als Auktionator kein Standardmaterial mehr ins Haus holen - weder als Einzel- noch als Sammellos. Es macht nur Arbeit und müllt den Auktionskatalog voll.
Beim Luxusmaterial wird es keinen sichtbaren Preiskollaps geben, der findet versteckt statt. Die Qualitätsansprüche werden steigen. Ehemals als Luxus angesehenes Material wird zu Standard degradiert - z.B. Markenheftchen mit Signatur. Das sind bei Bund/Berlin sehr viele der Hochpreiskategorie, weil der damals zuständige Prüfer sich gern auf alle Ewigkeit auf den Markenheftchen mit gleich zwei Stempeln verewigte, selbst wenn er Atteste ausstellte. Der Preis für die wenigen attestierten Heftchen ohne Stempel wird auch sinken, aber nicht kollabieren. Jedenfalls nicht in den kommenden 10-20 Jahren, dafür sieht die Alterspyramide der Sammler noch zu gut aus.
Am: 05.10.2024 20:43:04
Gelesen: 1289
# 7
@ TeeKay [#6]
Vielen Dank, TeeKay. Derartige Erfahrungswerte sind sehr hilfreich.
Das Problem ist, dass Begriffe wie "hochwertig" oder "Standardmaterial" ziemlich schwer zu fassen sind. Ist eine Deutsche Reich-Sammlung (um im Beispiel zu bleiben) mit allen Blocks, Zeppelinen usw. aus Deiner Sicht hochwertig oder Standardmaterial - oder vielleicht beides? Was ist ein vollrandiger Schwarzer Einser? Ich frage auch deshalb, weil mir mehrere Auktionatoren zur Frage, was eigentlich lukrativ ist, einen anderen Eindruck vermittelt haben als den von Dir geschilderten:
- Die "Name Sales" ("Auflösung der Prof. Brömmelmeier-Sammlung mit einziartigen Spitzen der Eumelbach-Philatelie") seien überhaupt nicht einträglich, ggfs. muss sogar draufgezahlt werden. Warum? Die Einlieferer können sich das Auktionshaus aussuchen, es herrscht um solche Einlieferungen eine gesteigerte Konkurrenz. D.h. man kann davon ausgehen, dass das Auktionshaus, das den Name Sale durchführen darf (1) bei der Einliefererprovision erhebliche Abstriche macht und (2) obendrein dem Einlieferer auch noch umfassende Werbung, hochwertige Sonderkataloge usw. versprechen muss. Mit anderen Worten; hier bleibt von der Käuferprovision nach Abzug der gesteigerten Kosten für Werbung, Druck, Detaillierung, Abwicklung usw. kaum noch etwas übrig. Warum macht das Auktionshaus das dann? Vergrößerung des Kundenstamms für das Brot- und Buttergeschäft (dazu sogleich).
- Das Brot- und Buttergeschäft: hiermit wird das eigentliche Geld verdient. Hierunter fällt die beispielshafte Deutsche Reichs-Sammlung, aber natürlich noch vieles, vieles mehr. Warum ist/war das bisher lukrativ? (1) Diese Standardware ging bisher immer weg, das heißt lag nicht wie Beton herum (ich spreche wie gesagt nicht von der 70er-Jahre Bund-Versandstempel-Sammlung). (2) Wenig Bearbeitungsaufwand: einfach die Einlieferung entgegennehmen, keine Detaillierung erforderlich, Standardbeschreibung wählen, verkaufen - fertig. (3) Wenig Konkurrenz um solches Material mit anderen Auktionshäusern, d.h. man kann die volle Provision in Rechnung stellen.
Was folgt darauf für meine Eingangsfrage: wehe, wenn das Brot- und Buttergeschäft wegbricht (etwa weil es plötzlich zu einem Ungleichgewicht zwischen zu vielen Dt. Reichs-Einlieferungen und wegbrechenden Interessenten kommt) - dann kann es sehr schnell zu Ende gehen mit einem kommerziellen Anbieter. "Rettung" durch die Prof. Brömmelmeier-Sammlung ist dann sicherlich nicht zu erwarten.
Zu Deinem Beispiel (attestierte Bund-/Berlin-Heftchen der ersten Jahre ohne Signatur): Du hast Recht, die Altersstruktur spielt eine Rolle. Dennoch ist das nicht das einzige Kriterium. Es kommt letztlich darauf an, ob nachhaltig mehr Angebot als Nachfrage entsteht: Unterstellt, in den nächsten drei Jahren sterben mehrere Markenheftchen-Händler-/Horter, uns es kommen in mehreren Schüben 200 Heuss-Versuchsheftchen auf den Markt. Das kann der Markt auch bei bester Altersstruktur nicht mehr absorbieren, zumal er in diesem Segment nur wenige Interessenten umfassen dürfte.
Wie gesagt, ich vertrete die Kipppunkt-These gar nicht so vehement. Im Gegenteil, ich versuche erst einmal Erfahrungswerte zu sammeln, um mir ein Urteil zu bilden. Mir hat sich in den letzten Wochen und Monaten der Eindruck aufgedrängt, dass sich gleich bei mehreren zentralen Brot- und Butter-Segmenten ein derartiges Ungleichgewicht aufzubauen droht.
Viele Grüße
Christian
Am: 06.10.2024 08:45:54
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# 8
Standardmaterial ist für mich Material, was es in unterschiedlichen Qualitäten auf fast jeder Auktion fast jeden Anbieters gibt. Es gibt ausreichend Angebot, um beim aktuellen Nachfrageniveau die vorhandene Nachfrage jederzeit zu decken. Dazu zählt eine Vordrucksammlung Deutsches Reich genauso wie ein Schwarzer Einser. Bei beiden Sammelgebieten kenne ich mich nicht aus, daher wechsle ich jetzt mal zu Bund/Berlin. Die 3 Mark Schwarzaufdruck kriegst du postfrisch und gestempelt praktisch auf jeder Auktion. Der Preis ist nicht sehr hoch, trotz 700 Euro Katalogwert.
In den Luxusbereich gehen wir, wenn wir diese Marke mit zentrischem Berlin-Stempel, aber nicht von der Versandstelle, suchen. Oder mit Eckrand gestempelt. Plattennummer postfrisch ist schon selten, gestempelt alle paar Jahre mal angeboten, auf Brief wäre es ein Jahrzehnt-Event, wenn nicht gar "once in a lifetime". Die Nachfrageverschiebung kann naturgemäß nur bei Angeboten stattfinden, die regelmäßig zu finden sind. Wer sich also bisher mit einer bedarfsgestempelten Marke zufrieden gab, kann dank sinkender Preise/Nachfrage künftig Marken wählen, die zentrischer gestempelt sind. Wer schon zentrisch gestempelt kaufte, kann künftig auf die perfekt zentrierten, vollständig in der perfekten Stärke abgeschlagenen Stempel wechseln. Die bedarfsgestempelten Stücke bleiben zunehmend liegen. Oder Sammler postfrischer HAN wechseln zu gestempelt, und die deutlich öfter angebotenen, aber trotzdem nicht häufigen postfrischen Stücke bleiben zunehmend liegen. Es wird also nach wie vor genauso viel Geld ausgegeben wie früher - dafür jedoch qualitativ hochwertigeres Material gekauft.
Was "dein" Auktionator sagte, widerspricht sich nicht zwingend mit dem, was mir gesagt wurde. "Ich habe Probleme, gutes Material zu finden" kann ja nur eine andere Ausdrucksform für "Einlieferer von Top-Material haben soviel Auktionatorenauswahl, dass ich daran nichts mehr verdiene" sein.